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Patrick Wally

Jeder Generation ihr Festival

Die 18. Ausgabe des FM4 Frequency Festival ist vorbei. Musikalisch ist vieles anders als in den Anfangsjahren, der letzte, wegweisende Schritt fehlt aber noch. Ein paar Gedanken zum möglichen und notwendigen Umbruch.

Von Lisa Schneider

Es ist Mitte August, der Sommer neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Auch, wenn er es heuer besonders gnädig gemeint hat. Wie Eis essen und Hitze gehören auch Festivals zu den Eckpfeilern dieser Monate. Und wo kann man die Festivalsaison gebührender abschließen, als am FM4 Frequency im Green Park St. Pölten. Das Festival ist heuer 18 Jahre alt geworden. Es hat das erste Mal noch in der Wiener Arena stattgefunden hat, Zwischenstationen etwa am Salzburgring eingelegt, bevor es jetzt die 10. Ausgabe in St. Pölten gab.

Und: es war ausverkauft. Das kann schnell passieren, wenn etwa Superstars wie Kendrick Lamar auf der Bühne stehen; dass aber alle Drei-Tages-Pässe sowie Tagespässe so rasant weg waren, ist auch in der Geschichte eines der größten Festivals des Landes neu.

Wieso ausverkauft?

Dafür gibt’s einige Erklärungen.

„Yung Hurn, wieso tust du das?“

Anfangen kann man hier sinnbildlich fürs gesamte Festival mit dem Auftritt des Wiener Cloudrappers Yung Hurn. „Hurn, Hurn, Hurn“ überall, die Sprechchöre, die verzückten Gesichter, das Mitrappen und das Warten auf den einen, großen Moment. Es gibt Acts, bei denen man weiß, was man erwarten darf. Yung Hurn macht sich immer wieder einen Spaß daraus, ganz genau darauf zu pfeifen. Der Platz vor der Greenstage war in Sekunden bis ganz nach hinten gefüllt, die Moshpits hart und brutal, die Stimmen laut, die Liebe groß. Die Faszination, die dieser Rapper erzeugt, der noch vor einem Jahr drinnen auf der Weekender Stage gespielt hat, ist schwer in Worte zu fassen. Er scheint mit seinem ausdrücklichen Unsinn, mit dem Hochstilisieren schlichter Alltagsfloskeln den Nerv der Zeit getroffen, eine Art neuer Jugendrevolte hervorgerufen zu haben. Das (sehr junge) Publikum fühlt sich hier verstanden. Was zweifelhaft bleibt, ist, wo sich hier die Ironie versteckt. Meint er die Texte so, wie er sie schreibt, oder ist das alles sowieso nur ein schöner Haufen Superquatsch?

Ok cool, letztes Jahr jedenfalls, da war der Gig besser, erzählen viele nach dem Auftritt auf der Greenstage, das war intimer und die Weekenderstage hat man wohl noch nie so voll gesehen wie damals: Es wurden keine Leute mehr hineingelassen. Diese Weekenderstage hatte letztes Jahr ohnehin ein interessantes Line-Up mit Schwerpunkt Hiphop, das hat alles so gut funktioniert, auch mit dem deutschen Rapper Rin im Programm, dass beide heuer gleich auf den beiden großen Bühnen gebucht worden sind.

Hier haben die Booker des Festivals eine gute Spürnase bewiesen, zu erkennen, was das Publikum will. Der Auftritt von Yung Hurn ist der erste besucherstarke Gig an diesem Eröffnungsabend, er trifft auf so vielen Ebenen den Nerv der Zeit. Erfolgreich ist er am Frequency aber vor allem, weil das Publikum wohl das jüngste Festivalpublikum in Österreich ist, der Altersdurchschnitt liegt geschätzt zwischen 15 und 20 Jahren. Hierher kommen immer weniger Studenten oder über 30-Jährige; es kommen die, die womöglich das erste Mal auf ein Festival fahren. Vor einigen Jahren hätte man noch gemeint, dass das Novarock diese Funktion inne hat, aber das hat sich mehr und mehr verschoben.

Keine Zeit für Nostalgie

Vor zehn Jahren, als das FM4 Frequency Festival das letzte Mal am Salzburgring stattgefunden hat, waren Babyshambles Headliner. Oder The Killers. Oder I Am X oder Travis oder R.E.M. Das war damals mein erstes FM4 Frequency. Ich kann mich noch sehr genau erinnern: die Gitarrenwelle hat da gerade ihren Höhepunkt erreicht, elektronische oder Hiphop-Acts waren rar gesät. Mit dem Wachsen des Festivals in St. Pölten hat sich das Publikum und der kollektive Musikgeschmack weiterentwickelt. Als das heurige Line-Up des Festivals veröffentlicht wurde, mögen viele schnippisch reagiert haben: Was soll denn das sein? Imagine Dragons? Timmy Trumpet? Kygo? Wo sind die Indie-Helden hin?

Wenn man es aber näher betrachtet, zeigt sich eben genau das Phänomen Yung Hurn: Es ist ein Programm, danach ausgerichtet, was die Massen aktuell anzieht. Und das ist nicht nur das „klassische“ FM4-Publikum, das sich damals vielleicht noch aufgemacht hat zum Salzburgring. „Indie“ und „Mainstream“, diese beiden Wörter verlieren mehr und mehr an Bedeutung, alles verschwimmt, Genres, Größe, Coolnessfaktor. Frei nach dem Motto also: Jeder Generation ihr Frequency Festival.

Was die Festivalcrowd wirklich will

Es wurden heuer durchaus auch große Helden früherer Tage gebucht. Etwa, um noch einmal beim Eröffnungsabend zu bleiben, Gorillaz. Das ewige Genie Damon Albarn (immer wieder plättend, er hat Songs wie „Tender“ geschrieben), der an diesem Abend ganz nach Gallagher-Art wie ein Zorngott auf der Spacestage steht, der gerne mehr Interaktion, mehr Reaktion auf sein Riesenensemble auf der Bühne erlebt hätte. Gorillaz sind die erfolgreichste virtuelle Band der Welt, man kennt die Comic-Figuren, die Albarn für dieses Projekt ins Leben gerufen hat, das Aushängeschild, das die Leute eher kennen als sein Gesicht. Dass das Ganze einer mittelschwachen Desillusion nahekommt, wenn man dann plötzlich reale Menschen auf der Bühne singen, spielen und tanzen sieht, ist klar. Und das auch, obwohl Gorillaz ja keine neue Band mehr sind.

„Auf die alten Hits, auf Clint Eastwood, auf Dare“ wartet das Publikum, Damon Albarn lässt sie zappeln. Schließlich spielt er sie doch, die Stimmung ist zögerlich, aber in Ordnung. Im Laufe des Festivals wird sich aber noch herauskristallisieren, dass das bei weitem kein perfekt auf die Situation zugeschnittener Gig war. Das Festivalpublikum ist kein Clubshowpublikum. Das Festivalpublikum will die Hits, die durchgehende Unterhaltung.

Der Funke auf der Spacestage springt erst am zweiten Abend so richtig über: Macklemore ist da. Erst vor kurzem hat er in der ausverkauften Wiener Stadthalle gespielt. Auf Facebook postet ein User, er sei der „Nickelback des Hiphop“; ganz so streng darf man die Messlatte hier aber nicht anlegen. Es ist eine bombastische Show, die mit all seinen Gästen auf der Bühne, den Tanzeinlagen aus dem Publikum und den großartigen Tänzerinnen gut aufgegangen ist. Eine riesige Menschenmasse drängt sich vor der Bühne, Macklemore bespielt Ohren und Augen, mit zusammengeschnittenen Mini-Videos im Hintergrund, mit wechselnden Outfits, mit Ansprachen gegen Trump, Sexismus und Rassismus. Klar, das fällt an der einen oder anderen Stelle ins Platte, aber wieder: es ist ein Festival. Die gute, spätabendliche Unterhaltung, die muss nicht immer die tiefgehendsten, philosophischsten Verwurzelungen aufweisen.

EDM-Acts wie Kygo oder Vini Vici stehen auch auf dem Programm, der Night Park wartet nach den Konzerten auf den beiden großen Bühnen wieder auf alle Feierwütigen. Der Schwerpunkt im Gesamtlineup liegt aber überhaupt auf Hiphop. Zeitgeistig, wieder, wobei auch hier gemischt wird: es sind die brandneuen Phänomene (Yung Hurn) und die, die es vor einigen Jahren waren (Left Boy).

Quatsch, Tratsch, Trash, die pure Unterhaltung

Auch, wenn es genretechnisch zwei komplett verschiedene Kategorien sind, bieten am zweiten Festivalabend die deutsche Punkrockband Feine Sahne Fischfilet ein ähnliches Programm wie Left Boy: es wird für viele nicht die Musik sein, die sie zuhause auf Dauerrotation hören; man kann alldem aber live nicht absprechen, es nehme einen nicht in irgendeiner Art und Weise mit. Feine Sahne Fischfilet schreiben einfache Melodien und klare Texte, nutzen ihren gemilderten Punk um starke Aussagen ins Publikum zu tragen. Sie engagieren sich politisch, schießen aber gleichzeitig Pfefferminzschnaps, eine riesige gelbe Aufblasbanane und Eis ins Publikum. Ein Spagat zwischen awareness und Blödeln, ein paar druckvolle Drumlines dahinter, die Meute tanzt.

Leftboy weitet das Quatschelement um ins Trashelement: bei ihm gibt es Backstreet Boys-Mashups, es gibt Snippets aus dem wohl am öftesten missbrauchten Soundtrack der Welt („Fluch der Karibik“), Sirtaki soll das Publikum tanzen und an jeder Ecke mal ein „Eeeh-oooh“ von sich geben. Und das Publikum macht mit. Geballte Euphorie auch an diesem Abend vor der Green Stage -auch, wenn die einzelnen Tages-Timetables teilweise fragwürdig zusammengestellt sind: nach The Vaccines, immer noch eine der besten britischen Gitarrenbands, spielt besagter Leftboy, dabei hätte es so gut gepasst, The Kooks hier gleich danach zu reihen.

Aus der Zeit gefallen

Die Gitarrenbands haben ihr eigenes, kleines Drama, das sich aus oben Gesagtem ableiten lässt: Sie kämpfen um Relevanz. Wer hat das neue Album von The Vaccines gehört? Wer wird das neue Album von The Kooks (es erscheint Ende August) hören? Die Menge vor den Bühnen ist eine lockere, die ZuseherInnen wollen lieber die alten Hits, das erste Album. Es ist ganz ähnlich wie bei Mando Diao, die auch auf der Greenstage aufgetreten sind. Diese in den 2000ern sehr erfolgreichen Gitarrenbands, die besser auf das FM4 Frequency Festival von vor zehn Jahren gepasst hätten, hängen ein bisschen lose und einsam im Line-Up. Es wirkt wie der Versuch, alles zusammenzuhalten, alles zu bieten. Das Line-Up franst jedes Jahr ein bisschen mehr aus, will alles hineinpacken, was dann am Schluss in einer zweifelhaften Mischung endet; ganz ist das Konzept noch nicht dort angekommen, wo es hin will.

Diesen Umbruch, der noch nicht ganz abgeschlossen ist, merkt man heuer auch an der Location selbst: der Platz vor der größten, der Spacestage, wurde ausgeweitet. Diverse Essens- und Bespaßungsstände, wie die Karaokebühne, wurden nach hinten verschoben, um Platz zu machen für die geschätzten 50.000 BesucherInnen am Tag. Es ist aber nicht nur so, dass nur von der Karaokebühne die größten totgespielten Festival-Evergreens schallen (By the way! Wonderwall! Seven Nation Army!), sondern dass mittlerweile vom Piercingstand bis zur Hanfbar jeder und alle über ihren eigenen kleinen Ghettoblaster die Hits zur Verfügung stellen.

Es wäre ein interessantes Experiment, den Höhepunkt dieser Kakophonie zu finden, es muss irgendwo dort beim Eingang sein, wo man die Töne von Space- sowie Greenstage und all diesen kleinen Mitstreitern hören kann. Der Suicidespot für die Gehörgänge.

Wo will das FM4 Frequency hin?

Die Kulmination dessen, wo das FM4 Frequency Festival - zaghaft, aber doch - hin will, ist die Programmierung des letzten, vierten Festivalabends am Sonntag.

Imagine Dragons ist die Band, für die die meisten Leute doch noch den Montag freinehmen. Auch sie haben vor nicht allzu langer Zeit die Stadthalle ausverkauft. Jeder kennt sie, die Hits. Und wenn es vom Anstehen an der Supermarkt-Kassa ist: „Thunder“, „Radioactive“ usw. Supertrashpop, aber ohne Vorbehalte: die Hooks, die Melodien, die Masse, die sich bewegt. Das hat alles rein gar nichts mehr mit „Indie“ oder „Alternative“ zu tun - auch wenn die gesamte Band, ausgenommen Sänger Dan Reynolds, seines Zeichens Chippendale-Lookalike, danach aussieht; wenn man Mainstream schreien wollte, dann am lautesten hier. Die Musik - und damit auch die Festivalkultur - öffnet sich zusehends. Popmusik hat Menschen immer zusammengebracht, und da, an diesem letzten Abend, steht ein Heavy-Metal-Fan neben einem Goa-Fan neben einem Power-Elektropopfan. Sie hüpfen mit, sie feiern. Ein letztes gemeinsames Aufbäumen, bevor die Zelte abgebrochen und das schöne Lala-Festivalland verlassen werden muss.

Spannend wird das Warten auf das nächstjährige Line-Up. Das FM4 Frequency ist im Vergleich zum Novarock, dem größten Mitstreiter, bewiesenermaßen kein Nostalgiefestival; auf dieser Grundlage könnte es hier nächstes Jahr ein runderes, noch zeitgemäßeres Programm zu sehen geben.

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