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S. Carey

Cameron Wittig

Aus dem Schatten

S. Carey, Drummer und Percussionist von Bon Iver, hat mit „Hundred Acres“ schon sein drittes Soloalbum veröffentlicht. Am 23. September tritt er damit im Wiener Chelsea auf: Ein Porträt eines Musikers, der schon immer die Fäden im Hintergrund gezogen hat.

Von Lisa Schneider

Seit Justin Vernon sich 2006 in einer Waldhütte in Wisconsin verschanzt hat, um dort das erste Bon Iver-Album „For Emma, Forever Ago“ zu schreiben, ist besagter Bundesstaat immer öfter Schauplatz solch schöner Musik-Märchen.

Auch so eine Geschichte weiß Sean Carey (als Solokünstler einfach S. Carey) zu erzählen. Er hat dieses erste Album von Justin Vernon mit solcher Ergriffenheit gehört, dass er sich kurz nach Veröffentlichung zwei Wochen lang zuhause verbarrikadiert hat, um die Percussion-Parts und die Harmonien der Songs auswendig zu lernen. Er hat nämlich mit seiner damaligen Band den Support-Slot für die erste offizielle Bon Iver-Show in Eaux Claire, Wisconsin, gespielt. Backstage hat er Justin Vernon einige Songs von „For Emma“ vorgesungen, der daraufhin so begeistert vom Zusammenspiel ihrer beider Stimmen war, dass er Sean Carey nicht nur gleich für eben diesen Abend mit auf die Bühne geholt, sondern ihn auch für die folgenden Shows als festes Livebandmitglied aufgenommen hat.

Das ist das Erste, was einem Google verraten wird, tippt man „S. Carey“ in die Suchmachine. Der Drummer, Percussionist und „Banddirektor“ von Bon Iver, der im Hintergrund die Fäden zieht, weil er allem voran ein hervorragender Komponist und Arrangeur ist.

S. Carey

Cameron Wittig

Der musikalische Melting Pot Eaux Claires

Sean Carey wächst in Lake Geneva, Wisconsin auf, seit mittlerweile bald 15 Jahren lebt er in Eaux Claire, Wisconsin. Früh beginnt er, Schlagzeug zu spielen; die Liebe für Jazzpercussion kommt hinzu, als er seine Schwester in einem Jazzensemble spielen hört. 2007 schließt er an der University of Wisconsin, Eaux Claires, mit einem „performance degree in classical percussion“ ab. 2007 ist auch das Jahr, in dem er zuerst von Bon Iver hört; sein Nähe zu Jazz und Klassik wird auch dessen folgende Songs beeinflussen.

Ein sonderbarer guter Melting Pot, dieses Eaux Claires, das Jahr um Jahr mehr musikalische Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen weiß - nicht zuletzt auch wegen des Eaux Claires Festivals, das Justin Vernon zum ersten Mal 2015 ins Leben gerufen hat. Ein Festival, das sich gegen die hiesige Großveranstalter-Kultur stellt, sein Line-Up erst wenige Stunden vor Beginn veröffentlicht. Natürlich hat auch S. Carey schon da gespielt, gleich im ersten Jahr - inklusive riesigem Jazz-Ensemble - und auch heuer wieder.

„I think what’s cool about Eaux Claire is that it’s off the map. There’s a certain level of unpretentiousness, and the almost naive quality of living in there, mixed with basically a lot of culture. People of my generation, we were really exposed to jazz and classic and rock and everything; we had an upbringing deeply rooted in music.“

Das erste, zufällige Album

Nachdem die erste große Tour mit Bon Iver vorbei ist, beginnt Sean Carey, mehr oder weniger ohne Intention, Songideen, Skizzen, aufzuschreiben. Sie resultieren schließlich in seinem ersten Soloalbum, betitelt „All We Grow“. Sean Careys Schwester Shannon, die ihn zum Jazz gebracht hat, singt Backing Vocals; instrumental spielt er fast alles selbst ein, unterstützt wird er nur etwa von Bon Iver-Kollege Mike Noyce an der Violine.

Das Ergebnis ist ein Ambient-Folk-Sammelsurium, Kammerpop mit Jazz-Schlagzeug, tief verwurzelt in klassischen Kompositionsansätzen: es ist nicht so dichtatmosphärisch arrangiert, wie es seine Nachfolger sein werden; vielmehr hat Sean Carey hier alles aufs Elementarste heruntergebrochen: Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Gesang, der damals noch eher ein Flüstern war, auch das soll sich noch ändern.

Am ehesten erinnert dieses erste Album an frühere Werke von Sufjan Stevens, auf dessen Album „Carrie & Lowell“ Sean Carey später auch selbst mitwirken wird. Und, weil what comes around goes around: Casey Fourbert, wiederum Mitglied von Sufjan Stevens Liveband, hat am neuesten Album von Sean Carey, „Hundred Acres“ mitgearbeitet.

LIVE

S. Carey spielt am 23. September im Wiener Chelsea. Hier geht’s zur Veranstaltung.

Vernetzte Musiker, vernetzte Musik

Ein Netz an Musikern und Musikerinnen, das im Hintergrund dicht zusammenhängt; ganz ähnlich, wie man sich auch die Arbeitsweise von Sean Carey vorstellen kann. Nach der EP „Hoyas“ 2012 veröffentlicht er mit „Range Of Light“ 2014 sein zweites Album. Aufgenommen in Justin Vernons April Base Studio in Fall Creek, Wisconsin, schafft er damit erstmals das, worauf er, wie er in Interviews erzählt, immer hinauswollte: Er erzeugt Bilder. Bilder, die von der gewaltigen Schönheit der Natur berichten, von den Bergen, von der Wüste in Arizona und Kalifornien, von Seen in den nördlichen Wäldern von Wisconsin, Nächten in Marfa, Texas. Bilder, in die man hineinschwimmen will wie in die Teiche voll Rosen von Monet, die man entern will, wie die Schiffe von William Turner, die gen Abendrot segeln. Es ist nicht nur die heraufbeschworene, manchmal düstere, manchmal offenbar sonnengeflutete Atmosphäre; es ist auch die Wortwahl, die S. Carey immer wieder hinausführt in die Natur. Driftwood, water, waves. Pier, Air, Shore.

War die vorangegangene „Hoyas-EP“ noch ein fast ausschließlich am Computer programmiertes Elektro-Folk-Experiment, kehrt S. Carey mit „Range Of Light“ inhaltlich passend zurück zur analogen Wärme. Hinzu kommen prickelnde, kleine Percussion-Spielereien - was sonst! - wie etwa das Tippen auf Glasflaschen, von Löffeln, ein Knirschen, wenn jemand über Sand läuft. Dichter instrumentiert ist „Range Of Light“, und gleichzeitig ausufernder, nicht streng nach dem Popformat eines Songs konzipiert, sondern in uneingezäunter Postrock-Manier, freefloating.

It Girl-Fame, Oscarnominierung, Netflix-Dienste

Mit „Hundred Acres“ hat S. Carey Anfang des Jahres sein drittes Album veröffentlicht. Taylor Swift hat gleich einen Song daraus, „More I See“, auf ihre Lieblingslieder-Playlist getan. Außerdem war der Song „Hold The Light“, den er mit Countrymusiker Dierks Bentley für den Film „Only The Brave“ geschrieben hat, für einen Oscar nominiert. Er hat für die Serie „Flaked“ den Titelsong „Brassy Sun“ geschrieben. Er hat mit vielen weiteren Musikern wie Bryce Dessner von The National zusmammengearbeitet, unter anderem Gordi, eine der aktuell besten Künstlerinnen aus Australien. Gemeinsam haben sie den Song „I’m Done“ geschrieben, er ist auf ihrem Debütalbum „Reservoir“ zu hören.

Weil die Zusammenarbeit so gut geklappt hat - und ihre beiden Stimmen so gut harmonieren, wie damals die von Sean Carey und Justin Vernon, war Gordi auch auf drei Songs von Sean Careys neuem Album mit im Studio.

Was die Musik von Gordi ausmacht, ist ihre Stimme; die bei Sean Carey eine immer eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Er hat sich auf seiner erwähnten „Hoyas-EP“ an Autotune versucht, es aber nicht dahin geschafft, wo Justin Vernon auch noch aus dem unüberhörbar technisch generierten Ton tiefempfundene - menschliche - Emotion herausholt. Auf „Hundred Acres“ vernimmt man seine Stimme lauter denn je, der Fokus liegt erstmals stärker auf ihr, als auf der Rundherum-Komposition. Darin liegt eine gewisse Schwäche der Platte; die die formvollendeten Folkpopsongs am Ende aber noch hinüberretten.

S. Carey Cover "Hundred Acres"

Jagjaguwar

Das dritte Album von S. Carey, „Hundred Acres“, erscheint wie die beiden Vorgängeralben und beide EPs auf Jagjaguwar. Damit ist er neben Bon Iver, Foxygen, Gordi oder Angel Olsen in guter Gesellschaft.

Die Musik über das einfache Leben

Sean Carey hat sich, auch wenn nach wie vor oft mit ihm verglichen, in eine andere Richtung entwickelt als Justin Vernon; während Letztgenannter seine einst liebevoll verschrobenen, analog aufgenommenen Folksongs gegen Vocoder, Zahlenlogik und nahezu undurchschaubare Poesie getauscht hat, gipfelt Careys impressionistischer, aber trotzdem bodenständiger Anspruch an seine Musik im dritten Werk „Hundred Acres“. Schon der Titelsong verrät es: „All we need / is a hundred acres“, singt er da, „and a row of seed“.

"Trying to live a simpler life and doing the things you want with the people you love“, so beschreibt Sean Carey das Konzept seines neuen Albums. Sein Instagram-Channel gibt Auskunft darüber, welche Fische er gerade gefangen, und welchen Berg er erklommen hat.

Sean Carey erzählt Geschichten darüber, wie er schon früher oft, mit seinem Vater, in den Wäldern von Wisconsin unterwegs war, die Natur zu erkunden. Jetzt ist Sean Carey selbst Vater und Ehemann, das sind seine Aufgaben, darin und in der Natur liegt für ihn die einfache, tiefe Wahrheit. Er schreibt über das Kennenlernen seiner Frau, mit der er mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet ist („True North“), er erzählt über die verliebten, aber doch, Kriege, die man in zehn Jahren schlägt. Und der Ausweg aus dem ab und an aufkeimenden Dunkel? Ein Roadtrip. Ein Roadtrip, der in der Natur endet: „Yellowstone“.

Der Kreis schließt sich: So hat sich Sean Carey mit seinem dritten Album komplett zurück in die Natur versetzt, in der Justin Vernon sein erstes Meisterwerk geschrieben hat.

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