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Wolf Haas bei FM4

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fM4 Bücherei

Wolf Haas in der FM4 Bücherei

Wolf Haas liest sehr viel und sehr langsam. Damit er ein Buch zu Ende liest, muss es schon besonders gut sein. In der FM4 Bücherei empfiehlt er drei seiner Lieblingsbücher.

Von Zita Bereuter

Wolf Haas kommt aus einem kleinen Dorf im Pinzgau, in dem es keine Bücherei gab. Einmal in der Woche durften sie in der Volksschule bei der Lehrerin ein Buch aussuchen und mit nach Hause nehmen. „Meine Erinnerung daran ist, dass die anderen Kinder immer großen Spaß daran hatten, da jede Woche ein neues Buch auszusuchen und dass ich mir in der ersten Woche eines ausgesucht, das ich in der letzten Woche ungelesen zurückgegeben hab.“

Auch im Gymnasium war Wolf Haas mit seinem geringen Leseinteresse ein Ärgernis für seinen Deutschlehrer. Gut, er hatte in der Zeit auch genug zu tun an der Tankstelle, wie man in seinem eben erschienenen Roman „Junger Mann“ erfährt.

verschiedene FM4 Büchereiausweise

Zita Bereuter

Die FM4 Bücherei ist keine herkömmliche Bücherei, in der man Bücher ausleiht, sondern eine, in der Bücher vorgestellt werden.

Der oder die BesucherIn der FM4 Bücherei stellt seine oder ihre drei Lieblingsbücher vor bzw. Bücher, die man lesen sollte.

Mit Wolf Haas am Sonntag, 16. September von 15 bis 16 Uhr in Connected.

Und 7 Tage zum Nachhören im FM4 Player und im Interviewpodcast.

Erst mit 18 sei ihm der Knopf aufgegegangen, sagt Haas. Ein Aufwachen sei das gewesen, nach der Internatszeit, und plötzlich sei das allegemeinere Interesse für Kunst, Musik und Literatur dagewesen.

Er studiert Psychologie, bricht ab und inskribiert sich stattdessen für Germanistik und Linguistik. Er wird Universitätslektor und Dr. Wolf Haas. Später arbeitet er erfolgreich als Texter und Werbetexter: „Lichtfahrer sind sichtbarer“, dieser Spruch ist etwa von ihm.

„Eigentlich wollte ich immer Schriftsteller werden," erinnert sich Wolf Haas. Aber das ist ja nicht so leicht. Er habe nie einen Verlag gefunden, obwohl er aktiv beharrlich gesucht habe. „Ich war dreist und schäme mich dafür: Ich habe immer schon Manuskripte verschickt an die Verlage und würde mich gern bei den Lektoren, die das lesen mussten, persönlich entschuldigen." Dass sie sich heute in den Hintern beißen, weil sie ihn nicht genommen haben, glaubt er nicht. „Die Ablehnungen waren alle mit vollem Recht.“

Auch den „Brenner" habe er anonym eingeschickt. „Ich hab einen langwierigen und wenig erfolgsträchtigen Weg mit Durchhalten und dicker Haut abgeschlossen.“

Mittlerweile liest Wolf Haas sehr viel. Aber sehr langsam. Er habe nie die richtige Lesekompetenz erlernt, weil er als Kind so wenig gelesen habe. „Ich habe eine knapp bessere Lesekompetenz als meine Oma, die noch beim Lesen die Lippen bewegt hat.“ Für ihn ist daher klar: „Ein Buch muss schon ziemlich gut sein, damit es mein Lesetempo wert ist.“

Büchereikartei Wolf Haas

Bereuter/Haas

Die folgenden drei Bücher waren es ihm wert:

Julian Barnes: Flauberts Papagei

aus dem Englischen übersetzt von Michael Walter - Kiepenheuer & Witsch

"Das ist ein sogenannter Essayroman. Es handelt von einem Engländer, der ein Flaubert-Fanatiker ist und nach Frankreich reist, um verschiedene Orte und Schauplätze der Flaubertromane zu besuchen und auch Flaubertmuseen. Und dabei erfährt man sehr viel über Flaubert. Aber es ist auch ein Roman, weil man mitkriegt, dass der Forscher gerade seine Frau verloren hat und dass er eigentlich seine Trauer bewältigt durch diese Hingabe an den Autor und an die Suche dieses Papageis, der bei Flaubert am Schreibtisch gestanden ist. Und er geht in ein Museum und findet den Papagei und ist natürlich ganz glücklich, dass er den gefunden hat und dann stürzt er in eine Krise, als er in einer anderen Stadt in ein Flaubertmuseum geht und dort steht wieder der Papagei.

Es ist auch ein besonders Buch, weil es einerseits von dieser schönen britischen Ironie geprägt ist, die überhaupt den Julian Barnes kennzeichnet. Und weil es andererseits auch so einen Irrwitz hat, in diesem Fanatismus, wie er alles weiß über den Flaubert und ihn gegen seine Kritiker verteidigt – geradezu hasserfüllt.

Ich habe das Buch mehrfach gelesen. Zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch und in letzter Zeit grad nochmal und ich habe es auch immer wieder verborgt und auch immer wieder nicht zurück gekriegt. Und immer wieder gekauft. Denn Fontane sagt: Bücher haben ihren Stolz. Wenn man sie verborgt, kommen sie nicht wieder."

gezeichneter Hase

Wolf Haas

Wolf Haas zeichnet während der Songs noch erkennbarere Hasen...

Armistead Maupin: Stadtgeschichten

8 Bände aus dem Englischen übersetzt von Heinz Vrchota und Michael Kellner - Rowohlt Verlag

"Das ist nicht ein Buch, sondern besteht aus einer Serie von Büchern – 8 Bände und dennoch war es ursprünglich gar kein Buch, sondern ist erschienen als eine wöchentliche Fortsetzungsgeschichte im San Francisco Chronicle.

Es spielt in San Francisco und der Schauplatz ist eine WG in den 70er Jahren, wo sich die ganzen Landpomeranzen aus verschiedenen Teilen Amerikas zusammenfinden - bei so einer Puffmutterartigen Hausbesitzerin, die nur an Freaks vermietet. Und da wird sehr viel gekifft und sehr viel die freie Liebe zelebriert. Und es ist eigentlich Trivialliteratur mit sehr hohem Spaßfaktor. Also heutzutage schauen alle so gern Fernsehserien und diese Geschichten kann man ungefähr mit derselben Angestrengtheit lesen wie man TV-Serien schaut.

Es gibt ein paar zentrale Charaktere und einen Hauptcharakter Tolliver, Spitzname „Maus“. Der ist schwul und dann gibt’s ein paar bisexuelle und ein paar straighte Leute und es ist alles sehr fröhlich in diesen 70er Jahren. Vor allem für jemanden wie mich, der zum Lesen einen verkrampften Langsamlesezugang hat, war das so verwunderlich, dass ein Buch auch einfach so locker flockig sein darf und man es trotzdem gern liest. Das ist eine sehr menschenfreundliche Trivialliteratur, die ich jedem nur gönnen kann."

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz - Kiepenheuer & Witsch

"Das ist wirklich ein super Buch, das ich jedem nur – am liebsten mit vorgehaltener Pistole – empfehlen möchte. Also Band 1. Man muss die anderen Bände nicht unbedingt lesen, aber der erste Band ist wirklich sehr lesenswert.

Der „Subutex“ ist mir von meinem Agenten empfohlen worden. Es ist so ein tolles Portrait der heutigen Gesellschaft in Paris. Der Handlungsrahmen ist ganz einfach: Der Typ, der in Paris das angesagte Plattengeschäft gehabt hat, landet auf der Straße, weil ja niemand mehr Platten kauft. Das ist nicht nur schlecht für die Musiker, sondern auch für die Plattengeschäftsbesitzer und er lebt halt so und schläft als Sofasurfer einmal eine Nacht hier und eine Woche dort und lernt die Familienverhältnisse seiner ganzen Freunde von früher kennen, die natürlich alle desaströs sind.

Es ist auch sehr gallig erzählt. Diese Autorin nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Und es kommen richtig gute Figuren vor: Pornodarstellerinnen und Töchter von französischen Bobos, die beschließen, das Kopftuch zu tragen. Und es ist einfach ein tolles Panorama der Gesellschaft. Die Stadtgeschichten sind viel fröhlicher und optimistischer – wahrscheinlich der Zeit geschuldet, in der sie spielen. Während dieser Parisroman wirklich ziemlich brutal ist, eigentlich."

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