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Sprich Bulgarisch, damit dich die ganze Welt versteht!

Es gibt wirklich keine Ecke dieser Erde, wo ich meine Muttersprache noch nie gehört hätte.

Von Todor Ovtcharov

Die Serben haben ein Sprichwort: “Pričaj srpski da te ceo svet razume” - “Sprich Serbisch, damit dich die ganze Welt versteht”. Dieser Satz beweist gleichzeitig Sinn für Humor, Selbstironie und eine gewisse Wichtigtuerei, die charakteristisch für alle Balkanvölker ist. Denn wir wollen gerne angeben, dass hinter unseren kleinen Völkern große Zivilisationen stehen. Es gibt aber wirklich keine Ecke dieser Erde, wo ich meine Muttersprache noch nie gehört hätte.

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In Wien höre ich fast täglich, wie jemand sein Kind auf Bulgarisch anschreit: “Василе, ще ти откъсна главата!” (“Vassile, ich reiß dir den Kopf ab!”). Diese Erziehungsmethode, die dem Kind eine schreckliche Katastrophe androht, kann von einem Westeuropäer nicht verstanden werden. Ich kenne etwa eine Geschichte aus Schweden, wo eine bulgarische Mutter ihr Kind öfter mit diesem Satz „erzogen“ hat. Die Nachbarin hat sich einmal erkundigt, was dieser so oft verwendete Satz bedeutet und als sie es verstanden hatte, rief sie die Polizei. Die Polizisten kamen schwer bewaffnet mit der Erwartung, ein kopfloses Kind anzutreffen. Als das Kind selber die Tür aufmachte, fiel einer der Polizisten in Ohnmacht.

Die Verwendung bulgarischer Sprichwörter bringt auch andere Probleme mit sich. Wenn jemand unerwartet etwas gewinnt sagt man, dass er „ударил кьоравото“ („Den Blinden /oder die Blinde geschlagen hat“). Ein bulgarischer Freund von mir verwendete diesen Satz einmal auf Deutsch und seine deutschen Gesprächspartner waren sichtlich empört, dass man in Bulgarien blinde Menschen schlägt, um etwas zu gewinnen.

Letzte Woche war ich auf Zypern. In einem Städchen im Norden der Insel, wo wir die einzigen Touristen waren, setzten wir uns in eine Kneipe, um etwas zu essen. Es waren nur wir und die Kellnerin im Lokal. Ich sagte auf Bulgarisch „Тука ще ядем дървото!“ („Hier werden wir das Holz essen“), ein bulgarisches Sprichwort, das bedeutet, dass daraus nichts werden wird. Die Kellnerin lächelte und antwortete mir in einem ostbulgarischen Dialekt: „Ньямами дърво, имами супа!“ („Wir haben kein Holz, wir haben nur Suppe“.) Es stellte sich heraus, dass sie Bulgarin ist, die seit 20 Jahren auf Zypern lebt. Sie war froh, wieder einmal Bulgarisch zu sprechen, da sie sonst ihre Muttersprache vergessen würde.

Aber Bulgarisch vergisst man nicht so leicht. Vor zwei Tagen näherte sich mir ein athletischer, schwarzer Mann am Basketballplatz. „Wo kommst du her?“, fragte er. „Bulgarien“, sagte ich. “България ли?!”, sagte der Mann in reinstem Bulgarisch. Danach erzählte er mir seine Geschichte: Er war aus Nigeria und hatte in den 1980er-Jahren an der Uni Sofia Biologie studiert. Jetzt war er Taxifahrer in Wien. Bulgarisch war bisher seine “Geheimsprache” geblieben.

„Auch Wir haben der Welt was gegeben“, dachte ich mir mit den Worten eines bulgarischen klassischen Dichters. Nicht nur die Serben.

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