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Atmosphäre Waves 2018

Alexander Galler

Das Publikum macht das Festival

Wien ist eine gute Konzertstadt. Das Waves Vienna Festival hat am vergangenen Wochenende schon zum achten Mal einen Löwenanteil dazu beigetragen, das zu ermöglichen. Einige Highlight-Acts und ihr Zugang zum Showcase-Prinzip.

Von Lisa Schneider

Herbstzeit ist Waves Vienna Festival-Zeit. Und auch die beste Zeit, sich über neue Albumveröffentlichungen zu freuen oder über die Tour der Lieblingsband nach dem langen Festivalsommer. Dass das Waves immer Ende September stattfindet, hat den Vorteil, dass sich das Line-Up an genau diese Neuerscheinungen anpassen kann. Einerseits geht es natürlich darum, das Publikum musikalisch zu unterhalten, andererseits hat das Waves aber auch einen musikwirtschaftlichen Gesichtspunkt: Es ist immerhin ein Showcasefestival.

Hier könnt ihr alles über den ersten Abend am Waves Vienna Festival nachlesen, und hier zum zweiten Abend.

Dena hat Nervosität gegen Erfahrung getauscht

Die aus Bulgarien stammende, mittlerweile in Berlin lebende Musikerin Dena, die am Freitag ihren wohl ersten Gig in einem Klassenzimmer gespielt hat (neben dem WUK bespielt das Waves Vienna Festival auch heuer wieder Bühnen in der gleich angrenzenden Schule), hat schon viele Erfahrungen auf Showcasefestivals gesammelt. Nicht nur in Europa, auch am legendären South By Southwest in Austin, Texas, ist sie schon aufgetreten.

Dena im Interview am Waves 2018

Lisa Schneider

Noch kurz Ausruhen vor ihrem Auftritt am Waves: Dena

Zum Waves Vienna reist sie mit ihrem neuen Album „If It’s Written“ (soeben erschienen) an, es klingt laid back, wie sie selbst sagt, und nicht mehr nach dem urban-sprudelnden, DIY-Glamour-Hiphop. „Ich wollte ein ruhigeres Album schreiben, weil ich finde, dass genau das am Schwierigsten ist“. Bevor sie sich aufmacht, im Klassenzimmer schnell soundzuchecken, witzeln wir kurz über den Pavlov’schen Effekt, der sich einstellt, wenn man nach Jahren endlich wieder eine Schulglocke hört.

Sie hat während Denas Set nicht geklingelt.

Tagebuchgespräche mit Ilgen-Nur

Ilgen-Nur aus Hamburg spielt am dritten, letzten Abend - draußen auf der wohl schönsten Bühne, der Open Air Stage. Sie ist 22 Jahre alt, wird aber schon seit sie 20 ist als neuer Shootingstar des Slackerpop in Deutschland gehandelt. Von solchen Nominierungen gibt sie sich wenig beeindruckt. „Ich mach mein Ding, und wenn die Leute mich zur Slacker-Königin erheben wollen, soll es mir Recht sein.“ Genauso „cool“ wie ihr erster Hit in Szenekreisen („Cool“) sitzt sie während des Interviews auf der Bank, fragt nach einer Zigarette, seufzt ein bisschen, weil sie nur wenig Schlaf bekommmen hat. Es ist ihr erster Besuch in Wien, es ist sowieso das erste richtige Herumtouren, da ist es kein Wunder, dass auch sonntags ihr Wecker schon um 2.30 Früh klingelt.

Auf die Frage, ob und wie Auftritte auf Showcase-Festivals sich für sie anders anfühlen als Konzerte, bei denen die Leute bezahlt haben, um nur sie zu sehen, antwortet sie weit weniger tough: „Natürlich macht man sich seine Gedanken, und man will ja auch gefallen, gerade, wenn man hört, dass Labels oder Booker, die man gut findet, im Publikum stehen.“ Ihr ist es fast lieber, ihr Manager Tammo (der eigentlich der Band Trümmer angehört) flüstert ihr nicht noch kurz vor dem Auftritt ins Ohr, wer da vor der Bühne die Notizblöcke oder das Smartphone zückt. Sie probiert, Spaß zu haben da oben, man merkt aber beim Auftritt, dass sie schon stark damit spielt, ihre Coming-Of-Age-Songs mit einer gewissen Nonchalance zu überspielen. Es sind nämlich durchaus persönliche Texte einer jungen Frau in ihren Frühzwanzigern; sie schreibt über Leute, die sie kennt, tatsächlich fällt im Interview endlich wieder einmal das Wort „Tagebuch“.

Alter Ego, wenn man die Bühne betritt, braucht man so zumindest keines, oder? „Es ist nicht so, dass ich mich in eine andere Person verwandle, sobald ich auf der Bühne stehe. Aber es ist schon so, dass ich auf der Bühne lauter, direkter, und mutiger sein kann.“ Für wen sie den originellsten Lovesong, den ich seit langem gehört habe, geschrieben hat („even the bags under your eyes are nice“), hat sie mir nicht verraten.

Atmosphäre Waves Vienna

Alexander Galler

Ein großes Highlight: der Auftritt von Jungstötter

Sehr vertraut mit Auftritten auf Showcase-Festivals ist Fabian Altstötter. Vor drei Jahren hat er mit seiner damaligen Band Sizarr am Waves Vienna Festival in einer Art Bierzelt gespielt, damals eher unglücklich, weil krank und absolut kein Bierzeltfan. Da hat das Waves nämlich noch in verschiedenen Locations - draußen und drinnen - im Ersten Wiener Gemeindebezirk stattgefunden. Das versprach zwar viel zu entdecken, aber genauso viel verpasste Slots durch zu viele Gehmeter zwischen den Venues. Das WUK ist nun schon das dritte Jahr in Folge der absolute Glücksgriff in der Waves-Geschichte, wo sich zehn Bühnen in Minutengehdistanz aneinanderschmiegen.

Fabian Altstötter will mittlerweile nicht mehr unbedingt über Sizarr reden, eine vor ihrer Auflösung vielversprechendsten Popbands im deutschen Sprachraum. Sein neues Bandprojekt nennt Fabian Altstötter „Jungstötter“ - und auch, wenn das im Pressetext offenbar absichtlich nicht angeführt wird, begleitet ihn wieder ein langjähriger Freund, Mitmusiker und Bandkollege aus Sizarr-Zeiten, Philipp Hülsenbeck.

Als Sänger, also als Stimme einer Band eine neue zu gründen, ist schwer. Denn wie soll das Gehörte auch nicht mit dem Alten verknüpft werden. Fabian Altstötter manövriert sich elegant hinaus aus dieser Zwickmühle, wenn er seine hervorragende Stimme anfangs nur schlicht vom Klavier begleiten lässt. Sehnsucht, Schmerz, alles ist scheinbar schwarz da oben auf der Bühne, zwischen den Zeilen (und auch Anna Plaschg betritt als Special Guest die Bühne). Die klassische Melodieführung der Jungstötter-Songs hat etwas von Antony And The Johnsons; ein Patrick Wolfe ohne das ganze Drama. Gleichzeitig verwünscht man kurz die Band, die sehr gut spielt, aber den Zauber vom Mann am Klavier mit Stimme - ein herrliches Stillleben - stört.

Jungstötter am Waves 2018

Alexander Galler

Jungstötter nennt Fabian Altstötter, ehemals Sizarr, sein neues Projekt

Jungstötter haben erst eine Single veröffentlicht, „Wound Wrapped in Song“, das Album ist aber schon fertig und soll Anfang nächsten Jahres erscheinen, aufgenommen mit Max Rieger von der Band Die Nerven. Ilgen-Nur durfte übrigens schon vorab hineinhören. Es gefällt ihr außerordentlich gut.

Harfen, Macbooks, Soundprobleme

Kurz bevor das gesamte Line-Up des Waves verlautbart worden ist, hat Festivaldirektor Thomas Heher auf Social Media angekündigt, „er hätte das größte Booking seiner Karriere hingekriegt“. Und tatsächlich, es war eine schöne, große Überraschung: die schwedische Musikerin Neneh Cherry ist als Headlinerin am dritten, letzten Festivalabend aufgetreten. Spannend war dabei vor allem die Bandgruppierung: Drei Männer hinter je einem Mac-Laptop (einer wird später Percussions spielen, der zweite sich den Drums widmen, der dritte - frei zur Interpretation). Gezupfte Harfensaiten eröffnen das Set, es sind drei Musikerinnen, die hier durchtauschen, und plötzlich erklingt statt der Harfe ein tiefer Bass. Neneh Cherry spielt fast ausschließlich Songs ihres neuen Albums, produziert von Four Tet und Massive Attacks 3D, denen sie von der Bühne aus ein leises Danke sagt. Zu leise, das war es vor allem auch: die beatlastige Show hat Neneh Cherrys Stimme etwas zu sehr verschluckt, gern hätte man zu ihrer ausdrucksstarken Performance die Geschichten gehört.

Neneh Cherry am Waves 2018

Alexander Galler

Neneh Cherry ist die Headlinerin am letzten Waves-Abend

Noch ein paar schöne Momente am Waves

Ein sehr schöner Moment am Waves war der Auftritt der Wiener Band Culk, der - noch bevor ihr erstes Album überhaupt gepresst ist - schon The Cure-Vergleiche nachgesagt werden; die Deutsch und Englisch texten, und trotz Duktuswechsel nicht aus der geradlinig-düsteren Rolle fallen. Einzig was fehlt ist ein Schuss Band-Charisma und erspielte Sicherheit. Doch wo sollte man sich ausprobieren wenn nicht hier, am Waves Festival, bei dem sich auch sehr viele andere österreichische Bands erstmals vor Kritikerpublikum beweisen müssen. Oder man macht’s wie Thirsty Eyes, zieht die donnernd-rumpelnde Rock’n’Roll-Show durch und gibt zwischen den Songs Statements ab, die, naja, von einer gewissen Wurschtigkeit hinsichtlich der Institution Showcasefestival zeugen.

Thirsty Eyes am Waves 2018

Alexander Galler

Thirsty Eyes spielen die wohl rumpeligste, verschwitzteste und eine der besten Shows am heurigen Waves Vienna Festival

Noch so eine schöne Festival-Erinnerung ist der Auftritt von Kids N Cats, Elektropop mit schrägem Touch, der live zusammengeschraubt wird zum Bandprojekt. Es ist das große Ganze, dichte Gitarrenspuren, Chöre und Popmelodien. Auch schön: die Wiener Musikerin Mascha, die ihr Genre auf der Bühne als „post-millenial“ bezeichnet. Oder: dass Dives sich über den XA Export Award, den letztes Jahr Cari Cari entgegen genommen haben, freuen dürfen. Oder: dass sich Wolfgang Möstl statt seiner „normalen“ Band Mile Me Deaf zwei percussion-beauftragte Gespenster auf die Bühne geholt hat. Oder, dass Theodore mit ihrem Auftritt bewiesen haben, dass man sich mehr mit griechischem Shoegaze auseinandersetzen sollte.

Und vielleicht an diesem Waves-Wochenende am allerschönsten: ein spontaner Auftritt von Garish im WUK-Innenhof. Da doppelt sich das Waves-Entdecker-Prinzip auf hervorragende Weise: ein auftretender Act, der nicht einmal am Line Up steht.

Garish spielen ein Überraschungskonzert am Waves 2018

Niko Ostermann

Am Freitag haben Garish ein Überraschungskonzert im WUK-Innenhof gespielt

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