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Der Web-Erfinder will unsere Daten zurückerobern

Nach jahrelanger Forschungsarbeit ist das neue Projekt von Tim Berners-Lee frei verfügbar. „Solid“ soll Userinnen und Usern die Kontrolle über ihre Daten zurückholen.

Von Christoph „Burstup“ Weiss

Erst vor wenigen Tagen wurde ein neuerlicher Skandal beim Social-Networking-Riesen Facebook bekannt: Die Daten von 50 Millionen Usern wurden gestohlen. Tim Berners-Lee, der Erfinder des Web, prangert seit Jahren den Umgang großer Konzerne mit persönlichen Daten an.

Immer wieder spricht er mit Leidenschaft und Vision über die Zukunft des Web. Schon in einem Vortrag auf einer TED-Konferenz im Jahr 2009 sprach er über das Prinzip „Linked Data“, das auch in seiner neuesten Entwicklung Solid im Mittelpunkt steht.

Aber beginnen wir ganz am Anfang.

Berners-Lee brachte uns das „Surfen“

Vor knapp 30 Jahren hat Tim Berners-Lee das World Wide Web ins Leben gerufen. Genauer gesagt hatte er im Jahr 1989 die Idee, das schon seit den sechziger Jahren verwendete Prinzip des Hypertexts auch im Internet einzusetzen. Dafür erfand er die Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) und das Kommunikationsprotokoll HTTP (Hypertext Transfer Protocol). Ab diesem Zeitpunkt war es möglich, im Internet Texte, Bilder und Links so zu verknüpfen und mittels Mausklicks zu bedienen, wie wir es heute gewohnt sind - also „im Netz zu surfen“.

Tim Berners-Lee

APA/AFP/PHILIPPE DESMAZES

30 Jahre später befindet sich Tim Berners-Lee auf einer Mission, um das Web zu retten vor der konzentrierten Marktmacht von Konzernen wie Google und Facebook. Denn deren zentral gespeicherte Datensätze sind ein verlockender Honigtopf für Hacker, und ihre Geschäftsmodelle beruhen auf der Missachtung der Privatsphäre von Milliarden Menschen.

Am Boden zerstört von Facebooks Machtmissbrauch

Einer der negativen Höhepunkte dieser Entwicklung fand für ihn im Jahr 2012 statt: Damals führte Facebook geheime psychologische Experimente mit 700.000 Usern durch.

Der Konzern wollte damals herausfinden, ob Emotionen wie Glück oder Wut auf die User übertragen werden könnten. Der Newsfeed von 700.000 Nutzerinnen und Nutzern wurde so manipuliert, dass sich eine Woche lang die Anzahl von entweder positiven oder negativen Postings reduzierten. Eine wissenschaftliche Analyse von drei Millionen Postings zeigte dann, dass User, denen weniger positive Posts angezeigt wurden, sich dadurch beeinflussen ließen und selbst ebenfalls mehr negative Beiträge produzierten.

Als Tim Berners-Lee von dem heimlichen Psycho-Experiment Facebooks hörte, sei er „am Boden zerstört“ gewesen, erzählte der Informatiker später gegenüber Journalisten. Er will, dass die Menschen im Web die vollständige Kontrolle über ihre Daten erlangen - und damit den Social-Media-Riesen zumindest einen Teil ihrer Macht nehmen.

Das erste Ergebnis seiner mehrjährigen Forschungs- und Programmierarbeit heißt „Solid“ und ist jetzt frei im Netz verfügbar.

Was ist Solid?

Der Name Solid steht für “Social Linked Data”. Es handelt sich um einen Satz von Regeln und Werkzeugen für die Erstellung von Social-Networking-Anwendungen, deren Daten nicht auf zentralen Servern, sondern dezentralisiert gespeichert und verwaltet werden.

Wo Daten gespeichert werden, welche Personen und Gruppen auf sie zugreifen können und in welchen Anwendungen man sie verwendet, bleibt den Nutzerinnen und Nutzern selbst überlassen. Wenn ein User in Solid das Social Network A verwendet, dieselben Daten aber später lieber in Social Network B verwenden will, kann er sie problemlos dorthin verschieben.

Die eigenen Daten im eigenen Safe

Vereinfacht gesagt funktioniert das so: In Solid besitzt jede Nutzerin und jeder Nutzer einen Personal Online Data Store (POD), also einen „Datensafe“. Dieser enthält persönliche Daten wie z.B. Kalender, Adressbuch, Dokumente und Links, sowie die Daten üblicher Social-Web-Funktionen wie Likes, Shares, Kommentare etc. Alle im POD abgelegten Daten werden aber nicht auf dem zentralen Server einer Firma gespeichert, sondern dezentral und verschlüsselt – und die Userin bzw. der User hat den Schlüssel dafür.

Eine Mitnahme der Daten von einem Webservice zum anderen ist jederzeit möglich. Aufgrund dieser Entkoppelung von Daten und Anwendung ist es Software-Entwicklern auch möglich, ihre Services sehr modular aufzubauen.

Das „Linked Data“-Prinzip von Solid erinnert nicht zufällig an andere dezentralisierze Netzwerke wie BitTorrent (für Filesharing), Bitcoin (für Kryptowährung) oder Ethereum (für dezentralisierte Applikationen). Tim Berners-Lee ist ein erklärter Anhänger dieser Technologien und will den selben Grad an Dezentralisierung auch für das Social Web erreichen.

Hat Solid eine Zukunft?

Gewicht haben seine Bestrebungen unter anderem auch deshalb, weil Tim Berners-Lee neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler und MIT-Professor auch Präsident des World Wide Web Consortium (W3C) ist. Dieses Gremium legt die standardisierten Technologien im Web fest. Berners-Lee hat das W3C gegründet, weil die inkonsistente Nutzung von Technologien wie HTTP und HTML dazu führen könnte, Verknüpfungen unwirksam und das Web damit nutzlos zu machen. Aus demselben Grund will Berners-Lee, dass Solid nicht das herkömmliche Web ersetzt, sondern dessen Möglichkeiten erweitert.

Eine realistische Chance, dass Solid den Umgang mit Daten im Web grundsätzlich verändert, exisitiert also. Es könnte nur – wie viele bedeutenden technologischen Entwicklungen im Internet - einige Jahre oder Jahrzehnte dauern. Schon heute aber lässt sich die erste Version der Solid-Serversoftware auf eigenen Computern installieren oder als gehosteter Dienst verwenden.

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