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APA/AFP/PHILIPPE LOPEZ

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Wir sind Überlebende

Die Französin Frederika Amalia Finkelstein hat mit „Überleben“ einen aufwühlenden Roman geschrieben über das Leben nach dem Terror-Anschlag im Pariser Bataclan.

von Christian Pausch

Es ist kein Buch, das man jemand anderen vorlesen kann. Viel zu oft versagt die Stimme beim Versuch die plastischen Schilderungen aus „Überleben“ laut auszusprechen. Es ist das zweite Buch der jungen französischen Autorin Frederika Amalia Finkelstein und es ist ein schockierendes Buch geworden. Nicht obwohl, sondern weil es um die Welt geht, in der wir alle leben.

„Für jede geopferte Jugend“ lautet die Widmung am Anfang des Buches.

Die Protagonistin Ava ist fünfundzwanzig und lebt ein Durchschnittsleben in Paris, als sich eines Abends alles ändert. Im Club Bataclan, in umliegenden Restaurants und Cafés und vor dem Stade de France werden insgesamt 130 Menschen kaltblütig ermordet, 683 Personen verletzt, 97 davon schwer mit oft weitreichenden Folgeschäden.

Ava ist nicht unter den Konzertbesucher*innen, aber sie hätte es sein können. Wie wir alle. Wir haben überlebt und waren aus Zufall nicht an Ort und Stelle als das Grauen über das Bataclan hereinbrach. Dieser Gedanke lässt Ava nicht mehr los und sie beginnt sich schuldig zu fühlen, für ihr Überleben.

„Ich gehe in Richtung Gare de l’Est. Ich betrete ein Fast-Food-Restaurant. Der Geruch von kaltem Fett und Bleichmittel steigt mir in die Nase. Der Boden ist weiß gekachelt. Es ist feucht. Meine Sohlen knirschen. Ich blicke mich um. Ich beobachte die Gesichter. Man weiß nie, wer sich in die Luft sprengen wird. Man weiß nie, wer eine Waffe zücken wird.“

buchcover "überleben"

suhrkamp

„Überleben“ ist in der Übersetzung von Sabine Erbrich bei Suhrkamp erschienen

Weiterleben mit der Angst

Zwanghaft lernt Ava Opferlisten auswendig, schaut Videos von Anschlägen rund um den Globus und analysiert die Terroristen. In ihrer Wohnung hat sie eine Wand an der sie ausgedruckte Fotos der Mörder angebracht hat. Oft starrt sie ihnen stundenlang in die Augen, die ihr freundlich und jugendlich entgegenstarren. Sie findet keine Antworten darin.

Gleichzeitig gerät ihr eigentliches Leben immer mehr aus den Fugen. Sie verliert ihren Job und den Kontakt zu ihrer Familie. Sie überlegt sogar nicht zur Beerdigung ihrer Großmutter zu gehen, weil sie wichtigeres, größeres zu tun hat. In ihrer manischen Archiv-Arbeit spiegeln sich von der Autorin auf kluge Weise eingesetzte Verhaltensmuster von Terroristen wieder. Nur noch an eine einzige Sache glauben, die dem Leben einen Sinn gibt, die Erlösung bringen wird.

„Die Toten des Monats November verfolgten mich: immer diese verfluchten Toten. Tief in mir war Wut. Widerliche Gedanken befielen mich; ich habe mein Leben verwünscht, den Tod, die Angst, mein Land, Europa, mein Handy, meinen Computer, die miesen Politiker, die langen, ungerechten, schmutzigen Kriege, meine Fehler, meine Familie, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Terroristen und die Soldaten - alle krank, habe ich gedacht; plötzlich meinte ich das Blut der Toten in der Badewanne zu sehen.“

„Überleben“ ist ein Roman, der tief unter die Haut geht. Es werden Fragen gestellt, die man sich in unserer Zeit stellen muss: Wie soll mit kollektiver Trauer umgegangen werden? Wo bleibt darin der*die Einzelne? Wohin mit der Wut, mit der Machtlosigkeit, mit der Angst? Wie kann man weiterleben? Wie überleben?

„Wenn sich der Tod vor euch aufbäumt und euch streift, bleibt nur ein Wort: überleben.“

Am Ende muss Ava sich entscheiden: für den nie endenwollenden Schwall an Opferzahlen und das destruktive Archivieren derselben, oder für ein Leben mit Zukunft, die ihr ganz ohne Grund geblieben ist, während sie so vielen anderen genommen wurde.

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