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Mawenna Yehouessi mit Filmstill aus „Space Is The Place“ von Sun Ra, "African Futurisms"-Konferenz in Linz im September 2018

Violetta Wakolbinger

Die Zukunft leuchtet Schwarz

Auf Zeitreise durch das faszinierend vielfältige Universum des Afrofuturismus.

Von Claudia Unterweger

Eine einstündige Zeitreise durch das faszinierend vielfältige Universum des Afrofuturismus mit Claudia Unterweger und Dalia Ahmed gibt es am Donnerstag, 25.10.2019, ab 21 Uhr in der FM4 Homebase und anschließend für 7 Tage im FM4 Player on demand.

Seit uns Raumschiffe den Weg ins fiktive afrikanische High-Tech-Reich Wakanda gezeigt haben, macht der Afrofuturismus auch im Mainstream von sich reden. Groß war der Jubel über das Marvel-Superhelden-Abenteuer „Black Panther“ mit seinem (fast) all-black Cast. Mal was anderes als die ewig weißen Weltenretter, Wissenschafterinnen und gefeierten Artists der Popkultur. Ein afrikanischer Held nicht mehr nur als exotische Fußnote zum eigentlichen Plot.

Black Panther und Ensemble

Marvel

„Black Panther“

„Schwarz“ wird in diesem Text in Folge groß geschrieben, weil es nicht als Farbadjektiv verwendet wird, sondern als politisch emanzipatorischer Begriff, vgl. „Black Power“.

Der Kino-Mainstream mit all seinen Zwängen und Playern ist kein guter Ort für radikale Zukunftsentwürfe durch eine Schwarze oder afrikanische Brille, warnte die Pariser Kulturphilosophin und Bloggerin Mawena Yehouessi bei der Konferenz „African Futurisms“, die im September in Linz stattfand. Dass Hollywood auf diesen Zug aufspringt, mag dazu beitragen, dass Afrofuturismus von vielen nur als ästhetische Blutauffrischung für eine übersättigte Film- und Popindustrie verstanden wird. Afrofuturismus ist aber mehr als eine künstlerische Ästhetik.

Mawena Yehouessi bei der "African Futurisms"-Konferenz

Violetta Wakolbinger

Mawena Yehouessi bei der „African Futurisms“-Konferenz

Representation matters

Afrofuturismus ist eine Widerstandsbewegung, die seit mehr als hundert Jahren Sci-Fi, afrikanische Mythologien und Utopien sozialer Gerechtigkeit miteinander verwebt, so die afrodeutsche Kulturwissenschafterin Peggy Piesche:

Afrofuturismus bedeutet Widerstand gegen die Bilder von einer weißen Zukunft, einer weißen Geschichte und einer weißen Macht über den Schwarzen Körper.

Utopische Gegengeschichten zu Unterdrückung und Versklavung haben afroamerikanische AutorInnen schon im 19. Jahrhundert geschrieben. Das Phänomen hat seinen Namen aber erst durch den weißen Literaturkritiker Mark Dery bekommen. Er hat die Frage aufgeworfen, warum in der Science-Fiction-Literatur so wenig Raum für afroamerikanische AutorInnen sei – ihre eigene Geschichte würde sich doch selbst wie Science Fiction lesen:

Afro-Amerikaner sind wortwörtlich Nachfahren einer Alien-Entführung. Sie leben in einem Sci-Fi-Albtraum, in dem ein unsichtbares, aber undurchdringliches Kraftfeld aus Unterdrückung ihre Bewegungen einschränkt.

„Sci-Fi-Literatur habe ich erst später entdeckt. Was mich zuallererst in den Afrofuturismus reingesogen hat, waren die Musikvideos von Hype Williams“, erzählt Christelle Oyiri beim „African Futurisms“-Festival in Linz. Als DJ CrystallMess macht die Musikerin und Kulturkritikerin aus Paris Sounddesign für Kenzo, legt im Berghain auf und hält Vorträge über das Politische in der Electronic Dance Music. Schon als Achtjährige hat sie für Missy Elliott in ihrem metallisch-glänzenden Overall im Video „The Rain“ geschwärmt, für das sexy technoide Styling von Aaliyah und TLC.

Wer kennt nicht das ringförmige Licht, das sich in den Pupillen spiegelt? Den charakteristischen Blick durch die Fischaugenlinse auf eine schwerkraftbefreite Janet Jackson? Mit (afro)futuristischem Design und stilisierter Formensprache hat der New Yorker Filmemacher Hype Williams den Hiphop des beginnenden Millenniums geprägt. Seine Videos lassen afroamerikanische Artists ikonenhaft und larger than life erscheinen. Ein Fingerzeig zum Thema Selbstwert als Schwarzes Individuum.

DJ CrystallMess bei der "African Futurisms"-Konferenz

Violetta Wakolbinger

DJ CrystallMess bei „African Futurisms“ in Linz

Afrofuturismus hat viele Gesichter, kann unterhalten, verstören, ermächtigen. Ein schwer fassbares Kulturphänomen über Genres hinweg, ohne klar umrissene Grenzen. Mal bunt-durchgeknallte, mal düstere Geschichten aus der Zukunft über Weltraumreisen und Superhelden. Ein Pool für futuristisch anmutende Musik und Mode, für Filme und bildende Kunst.

Fluchtfantasien

Einer der schillerndsten Zeitreisenden in all diesen Genres war der Free-Jazz-Musiker Sun Ra mit seinem Arkestra. Bis heute gilt er als wichtigster Bezugspunkt im afrofuturistischen Universum. Laut eigenen Aussagen am Planeten Saturn beheimatet, hat Sun Ra in seinen künstlerischen Arbeiten die Kultur des antiken Ägyptens mit Science-Fiction-Symbolik verschmolzen.

Musik und fiktionale Erzählungen waren Sun Ras Werkzeuge im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus der 1960er und 70er Jahre. So gelingt es dem Hohepriester des Afrofuturismus in seinem Film „Space Is The Place“ (1974), allein mit der Kraft der Musik alle AfroamerikanerInnen auf einem anderen Planeten anzusiedeln. Zurück bleiben die weißen ErdbewohnerInnen, kurz darauf explodiert der Planet.

Suche nach einer besseren Vergangenheit

„Arch Android“ Janelle Monáe, Kelela, André 3000 von Outkast: AfrofuturistInnen von heute sind time travellers wie Sun Ra. Mit Schwarzer emanzipatorischer Perspektive reisen sie durch die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der afrikanischen Diaspora. Was, wenn Afrika nie Kolonialismus erleben hätte? Wenn AfrikanerInnen nie versklavt worden wären? Wenn Afrika heute nicht mehr durch westliche Machtregime beherrscht werden würde?

Jonathan Dotse bei der "African Futurisms"-Konferenz

Violetta Wakolbinger

Jonathan Dotse

„Das meiste Wissen, das uns als afrikanische Jugend vermittelt wird, ist immer noch eurozentrisch und westlich geprägt“, sagt der digitale Medienkünstler, Blogger und Science-Fiction-Autor Jonathan Dotse aus Accra, Ghana. Doch immer mehr junge Leute besinnen sich auf afrikanische Traditionen, auch in der Art, wie und welches Wissen sie konsumieren. Sie sehnen sich nach Informationsaustausch abseits westlich geprägter Medien. Sie wollen eigene Geschichten und Lebensrealitäten austauschen.

Jonathan Dotse hat das erkannt. Als AfroCyberPunk entwickelt er westafrikanische Virtual-Reality-Technologie und -Content: vom VR-Headset bis zu Augmented-Reality-Filmen an Schauplätzen in der eigenen Stadt. Ein differenzierter Blick auf die technologischen und kulturellen Entwicklungen in den urbanen Zentren Afrikas zeigt: So manch afrofuturistische Vision wird rasant vorangetrieben. Sun Ra schickt Grüße vom Saturn.

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