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Blood Orange

Natalie Brunner

Das Innen und Außen von Paris

Pitchfork Festival: Ein heimeliges Festival in einer rauen Stadt, mit John Maus und Blood Orange

Von Natalie Brunner

Paris ist nicht unbedingt meine Lieblingsmetropole. Ich habe dort beim Ausgehen viel Brutales gesehen und das trübt den Partytouristinnenblick.

Alle Konzerte des vergangenen Wochenendes könnt ihr euch auf dieser Seite ansehen: pitchforkmusicfestival.fr

Dennoch konnte ich dem Line-Up der diesjährigen Ausgabe des Pitchfork Festivals nicht widerstehen. John Maus, Kaytranada, Blood Orange, Lotic, Yves Tumor - ich packe meine 7 Sachen und bin schon auf den Weg in das 19. Arrondissement, das noch vor ein paar Jahren eine Gegend gewesen ist, in die Touristinnen wie ich nicht gekommen wären, erzählt mir mein Pariser Freund M., der hier aufgewachsen ist. Er kann unzählige Anekdoten von allen möglichen Dramen erzählen, die den öffentlichen Raum geprägt haben, bevor François Mitterand beschlossen hat, er baut den afro-französischen Bewohnerinnen das, was sie dringend brauchen, um ihren Alltag leichter zu gestalten: die Cité de la Musique, einen von Star-Architekt Jean Nouvelle gestalteten Kulturpark, der aus Galerien und Konzerthäusern besteht.

Das Pitchfork Festival fand dieses Jahr in der Grande Halle de la Villette, einem ehemaligen Schlachthaus, statt. Die Bühnen waren an den gegenüberliegenden Enden der Halle, in der Mitte eine Gastronomiezeile, wo man sich für einen Euro Aktivierungsgebühr seine Chiparmbänder aufladen konnte und so wie ich sofort auch wieder den Überblick verliert, wieviel da eigentlich oben ist und wieviel Geld man sich nicht wieder zurückholt, online nach Ende des Festivals. Von diesem Dagobert-Duck-artigen Kritikpunkt meinerseits abgesehen war das Pitchfork aber äußerst besucherInnenfreundlich. Keine langen Schlangen, keine weiten Wege zwischen den Bühnen.

Der erste Künstler des diesjährigen Line-Ups, der sich bis zum Augenblick meines Todes meiner ungeteilten Aufmerksamkeit und Begeisterung sicher sein kann, war John Maus.

In den Jahren seiner Abwesenheit von den Bühnen der Welt hat er seine Dissertation geschrieben, sich selbst das Bauen von Synthesizern beigebracht und die Welt nach den letzten dunklen Ecken des Pops durchsucht. Eine seiner Thesen ist, dass die Klanguniversen der Popmusik seit 1945 ausgedient haben, wir haben uns überhört. Gleichzeitig gibt er aber auch die Warnung aus, wir dürfen nicht den Sirenenrufen des Nihilismus folgen.

Friseurinnen mit Kunden

Natalie Brunner

John Maus ist an diesem Nachmittag alleine auf der viel zu großen Bühne, der Sound ist viel zu leise und dumpf. Ich werde grantig wegen der Verschwendung der Zeit meines großen Helden, der, wie er meint, nicht nur die finstersten Ecken der Popularmusik, sondern auch die seiner Seele durchforstet. Er will dabei etwas finden, das noch nicht banal abgenutzt klingt und es so schafft, dass wir, das Publikum, bei Konzerten reagieren und zwar gemeinsam, in Interaktion treten anstatt dumpf vor uns hin zu konsumieren. Hier ist aber alles dumpf und die Menschen essen Crêpes und lassen sich am Selbstgebastelten-Markt im zweiten Stock die Haare schneiden.

Vielleicht findet John Maus, Experte für existenzielle Einsamkeit und Suchender der möglichen Überwindung derselben, aber auch gefallen an diesem Szenario. Doktor Maus kämpft wie ein von David Foster Wallace neu imaginierter Don Quixote gegen die Ignoranz des Publikums.

Trotz der für meine Ohren unzumutbaren Soundqualität bei seinem Konzert am Nachmittag des ersten Tages des Pitchfork Festivals hat sein großer Hit „Pets“ auch live seine fatalistische Schönheit entfaltet: Alles, was wir lieben, wird sterben.

John Maus

Natalie Brunner

John Maus

Bei meinem zweiten Maus-Lieblingslied „Cop Killer“ („I’m not talking about shooting or killing a human being, I’m talking about ... the cops in our heads, the cops that are everything other than us, everything inhuman, that would put us to work towards an end other than each other“) überlege ich mir, während ich beglückt den Text mitsumme („Cop killer, let’s kill the cops tonight, kill them, cop killer, kill every cop in sight, cop killer, law against the law“), ob es diese Nummer ist oder John Maus’ Seminare zu Machtökonomie, die er als Professor für politische Philosophie hält, die das Verhältnis zur Autorität der Menschen, die damit in Kontakt kommen, nachhaltiger prägen.

Stunden später im Hotel habe ich mir die Webübertragung des Konzerts angesehen, deren Sound so gar nichts mit dem, was ich live vor Ort gehört habe, zu tun hatte, und es hat sich mir der üble Verdacht aufgedrängt, dass wir BesucherInnen nur Staffage für eine gelungene Webpräsenz der Konzerte sind. Ein Verdacht, der am nächsten Tag von Blood Orange aufs Zärtlichste zerschmettert wurde.

Auch der Auftritt von Yves Tumor bei der After Party war etwas, das von unmittelbarer, inkludierender Körperlichkeit lebt.

Tumor performt im engen 70er-Jahre-Overall, mit Sonnenbrille, und transzendiert in einem noisigen, ekstatischen Live-Set Genre-, Gender- und Ethnizitätsgrenzen. Es ist so, als würde er die Essenz von Soul und Rock in einem Feedbackrausch und frei von all dem Machobullshit auf die Bühne bringen. Das ist wild und vor allem befreit und befreiend.

Auch Devonte Hynes aka Blood Orange, der dritte Held des Wochenendes, der hinter mir im Club steht, ist gebannt.

„Negro Swan“ ist das vierte Album, das der Musiker und Produzent Devonte Hynes unter seinen Alias Blood Orange veröffentlicht hat.

Die Welt ist sich einig, dass Dev Hynes ein Musiker, Sänger und Produzent ist, dessen Genie nicht von Genregrenzen gebändigt wird. Zwischen seinen Alben arbeitet er an Produktionen für so unterschiedliche Musikerinnen wie Solange Knowles, Sky Ferreira, FKA twigs, Haim, Florence and the Machine, Kylie Minogue oder A$AP Rocky.

Blood Orange

Natalie Brunner

Devonte Hynes alias Blood Orange

Nach „Freetown Sounds“, das eine Auseinandersetzung mit der Migrationsgeschichte von Hynes’ Familie ist, so ist auch das neue Album „Negro Swan“ ein identitätspolitisch aufgeladenes Werk. Es ist, so Hynes, eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von Depression, an denen schwarze queere Menschen leiden.

Blood Orange ist auch in seinem musikalischen Ausdruck sehr genau. In den Liner Notes zu „Negro Swan“ schreibt er, er gehe zu den Wurzeln der Traumata, in die Kindheit zurück, aber mit jeder der konstatierten Ängste und Verwundungen wird auch ein Heilmittel geliefert. Hoffnung und Solidarität sind das all den Nummern zugrunde liegende Fabrikat.

Verbalisiert wird das durch eine Rede der Transgender-Aktivistin, Journalistin und TV-Host Janet Mock, ein Skit auf seinem Album, den er auch als Intro zu seinem Konzert in Paris spielt. Wir können uns aussuchen, wer wir sind, und wir können uns aussuchen, wer unsere Familie ist - die Menschen, vor denen wir niemals verstecken müssen, wer oder was wir sind.

Auch wenn das überwiegend weiße, nicht queere Publikum die Erfahrungen und den Schmerz, den Blood Orange thematisiert, nicht aus persönlichen Erfahrungen kennt, ist er angekommen. Die musikalische Brillanz seiner Performance hat die Hallen gebannt verstummen lassen, der Typ neben mir bekreuzigt sich zum Ende des Sets. Um Blood Orange live zu sehen, wäre ich drei Mal um den Planeten gereist. Auch Kollegin Dalia Ahmed wurde bekehrt. Über das darauffolgende Live-Set des haitianisch kanadischen Producers Kaytranada gibt es am Samstag in Dalias Late Night Lemonade mehr zu hören.

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