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Julia Holter

Julia Holter / Domino Records

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Der tagtägliche Ausnahmezustand

Folgt Julia Holter ins Reich der achtminütigen Dudelsack-Meditationen! Die Avantgarde-Pop-Königin verhandelt auf ihrem fünften Album „Aviary“ die Gegenwart und findet dabei, dem Thema entsprechend, prätentiösen Tand ebenso wie luzide Schönheit.

Von Katharina Seidler

Wie soll man dieser Gegenwart begegnen, mit all ihrem Terror und Lärm, dem Geschrei der Wütenden, den Klagen der Unterdrückten, der Reizüberflutung, den Sonderangeboten, all der Muzak und Musik und den Neuronengewittern, die für den Einzelnen kaum zu bändigen sind? No (wo)man is an island und die Kunst ist kein allein stehender Leuchtturm, sie tritt im besten Fall mit der Welt in Kontakt und schärft unseren Blick darauf. Die kalifornische Musikerin und Konzeptkünstlerin Julia Holter findet für den Eindruckssturm in ihrem Kopf das Bild einer Voliere, englisch „aviary“, in der die Gedanken wie aufgescheuchte Vögel umherflattern und nur selten zur Ruhe kommen.

Julia Holter

Julia Holter / Domino Records

„Aviary“ von Julia Holter ist bei Domino Records erschienen

Ihr fünftes Album bietet dementsprechend eine Vielzahl an Anhaltspunkten, Blickwinkeln, Lichtverhältnissen und Federfarben. Die 15 Songs darauf sind nicht eben kurz. In frei fließenden Mustern wechseln sie Tonart und Richtung und nehmen in ihrer Gesamtheit eineinhalb Stunden staunende Aufmerksamkeit in Anspruch. Dabei ist es gar nicht so einfach, zwischen etwa dem träumerischen Mittelalter-Latein von „Voce Simul“ oder den verwehten Pianotupfern in „Why Sad Song“ stets konzentriert bei der, höhö, Stange zu bleiben. „Aviary“ ist ein gewaltiger konzeptueller Brocken, den man am einfachsten in kleinen Dosen einnimmt. Der Mensch, der aus der Höhle steigt, muss sich bekanntlich an die Sonne erst gewöhnen.

In Ehrfurcht verharren

Mythen und Mystizismen, große Dramen und Tragödien der Menschheit von Euripides bis Virginia Wolfe haben Julia Holter auf Alben wie „Tragedy“ oder „Loud City Song“ schon immer interessiert. Zu Beginn des neuen Longplayers nehmen die Referenzen gar religiöse Ausmaße an, wenn sich ihre Stimme in der Eröffnungsnummer „Turn the light on“ ganz im Sinne von „Es werde Licht“ wie eine liebende Urmutter aus einem kakophonischen Chaos erhebt. Ähnlich bedeutungsschwer geht es weiter. Vier lange Minuten lang tröten in dem Stück „Everyday is an emergency“ dissonante Dudelsäcke, bis sie von einem Ambient-Piano abgelöst werden, über das Julia Holter mit glasklarer Stimme ein Lullaby flüstert: “Chanting in the metal in the distance in the burning in the turning in the sounding“. Welche Welt versinkt hier im Feuer?

Julia Holter

Julia Holter / Domino Records

Kaum eine nachsingbare Melodien bietet dem Ohr Halt und auch die luziden Harmonien aus Harfe, Flöten, Glockenspiel, Streichern, apokalyptischem Dudelsack, spacigen Synthesizern, Gesang und Singsang erweisen sich als rutschig und kaum fassbar. „Aviary“ scheint in seiner ersten Hälfte geradezu danach zu verlangen, dass Menschen in Ehrfurcht davor verharren. Ist es zu schwierig, bist du zu ungeduldig.

Ein sich aufbauendes Wunderwerk

Gerade, als man im Strudel aus Julia Holters zweifellos höchst intellektuellen Referenzen und Ideen ärgerlich zu werden droht, wirft die Musikerin „I shall love 2“ als Rettungsanker aus. Diese nicht zufällig erste Singleauskoppelung ist gleichzeitig der poppigste Moment auf „Aviary“, ein sich aufbauendes Wunderwerk im besten Geiste von Velvet Underground, an dessen Ende hymnische Chöre und Streicher den Sieg der Liebe verkünden:

“I shall love, I shall love!

Danach wird „Aviary“ zugänglicher – oder haben sich Gehör und Gehirn endlich an Holters neuestes, komplexes Universum angenähert? Holter beschwört im perkussiven „Underneath the moon“ den verspielten Artpop von Laurie Anderson und schwingt sich in „Les Jeux to you“ zu der leichtfüßigen, gut albernen Exzentrik von Kate Bush auf. Es sind genau dies die besten Momente der Platte, weil ihnen ein bisschen von ihrer Schwere und Ernsthaftigkeit abhanden kommt, ohne, dass sie an konzeptuellem Unterbau verlieren würden.

In Schwesternschaft mit anderen großen Weiterdenkerinnen von Pop und Kunstlied wie Joanna Newsom oder Laurel Halo steht Julia Holter mit ihrem neuen Opus Magnum heute auf der Höhe ihrer Kunst - als avantgardistische Komponistin, Produzentin, Vokalistin und Theoretikerin. „Aviary“ ist eine überbordende – und stellenweise auch zu uferlose – Wunderkiste, eine Vielzahl an ausgestreckten Händen, die uns einladen, die Voliere zu betreten. In ihr finden wir Trost, Verständnis und mögliche Erklärungsansätze für die aus den Fugen geratene Welt draußen. Julia Holter braucht die Überlänge ihrer Platte, um ihren kathartischen Zauber auszuführen. ”Push the door, Put us at any point or perspective”, heißt es im berückend simple-schönen Abschlusssong “Why sad song”. Wir verlassen das Vogelhaus als andere, als wir gekommen sind.

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