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Versteckte Jahre

Zehntausende Jüdinnen und Juden wurden von 1939 bis 1942 von Aspangbahnhof aus in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen auch Angehörige von Anna Goldenberg. Die Geschichte ihrer jüdischen Familie während des NS-Regimes hat die österreichische Journalistin nun recherchiert. „Versteckte Jahre“ heißt das Buch, das daraus entstanden ist.

Von Veronika Weidinger

„Der Mann, der meinen Großvater rettete“, so lautet der Untertitel von Anna Goldenbergs Buch, in dem sie davon erzählt, wie ihr Großvater als junger jüdischer Mann 1942 bis 1945 mitten in Wien überleben konnte. Josef Feldner, ein Wiener Arzt und Bekannter der Familie, nimmt den 17-jährigen Hans Busztin in seine Wohnung im 7. Wiener Bezirk auf.

Es entwickelt sich ein Alltag, sogar Opernbesuche sind möglich – dennoch, einen Juden zu verstecken, bedeutet für den Arzt Josef Feldner, sein eigenes Leben zu riskieren.

„Hansi schreibt, dass etwa hundert Menschen aus Pepis Bekanntenkreis über ihn Bescheid wussten. [..] Die hohe Zahl wundert mich sehr. Historiker schätzen dass durchschnittlich 7 Menschen an der Rettung eines einzelnen Juden beteiligt waren.“

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Die Autorin Anna Goldenberg im FM4 Interview Podcast.

Anders als seine nächste Familie, der Bruder und die Eltern, überlebt Anna Goldenbergs Großvater Hans Busztin. Mit seinem Retter einigt sich der junge Mann nach dem Krieg auf die Adoption. Die enge Beziehung zum alleinstehenden Arzt ist in den 50er Jahren der Grund für Hans, inzwischen verheiratet, mit seiner Frau von den USA nach Wien zurückzukehren. Die Rückkehr nach Wien, nach Österreich ist eine Entscheidung, die von vielen nicht verstanden wird. Anna Goldenberg, die Enkelin, wird heute noch mit dieser Entscheidung konfrontiert. In ihrem Buch beschreibt sie den Versuch, Antworten darauf zu finden und reflektiert die eigene Auseinandersetzung mit dem Holocaust als Teil der Familiengeschichte.

„Als ich älter wurde und die Dimension der Verbrechen zu begreifen begann, schreckte ich nachts oft aus Albträumen hoch, in denen ich vor Nazis davonlief oder meine Familie in Gaskammern verschwinden sah. Ich hörte auf, mich mit dem Thema zu beschäftigen, was niemandem auffiel, da die Menschen ohnehin oft hilflos reagierten, wenn ich erzählte, dass ich Jüdin sei. Was bedeutet das? War ich anders? Trugen sie Mitschuld? Niemand schien so recht zu wissen, was man sagen durfte, weshalb man lieber schwieg. Das war mir recht. Religiös war ich nie, und nun tat sich, als interssierte mich die Verfolgung der Juden nicht sonderlich. Der Grund war ein anderer: Es schmerzte zu wissen, dass meine Albträume die Wirklichkeit meiner Vorfahren gewesen waren.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern, nichts über den Holocaust gewusst zu haben.“

Versteckte Jahre

Zsolnay

„Versteckte Jahre“ von Anna Goldenberg ist im Zsolnay Verlag erschienen.

Überleben und weiterleben

„Ich kann mich nicht daran erinnern, nichts über den Holocaust gewusst zu haben“, schreibt Anna Goldenberg – die Shoah war immer da. Vor einigen Jahren beginnt Anna Goldenberg mit ihrer Recherche, spricht mit ZeitzeugInnen aus ihrer Familie, liest Briefe und Dokumente bei ihrer Großmutter und anderen Familienmitgliedern, nimmt Kontakt zu Archiven auf und rekonstruiert Details der Judenverfolgung, etwa die Arisierung von Geschäften, wie des Möbelgeschäfts ihrer Urgroßtante 1938.

„Diese Dokumente finde ich bedrückender als die Transportlisten, Todesurkunden und Briefe, die ich gefunden habe. Bei denen mag zwar die Nähe zu Tod und Verzweiflung eine größere sein, aber sie geben kaum Aufschluss über die Täterperspektive. Die Arisierungsakten hingegen bringen mich dem Täter nahe, sehr nahe. Sie zeigen mir ein Rädchen im System der Vernichtung. Ich sehe, wie ernst der Verwalter seine Aufgabe nahm. Ein halbes Jahr lang fertigte er sorgfältig Listen an, durchforstete Warenlager, schreib Briefe, errechnete Bilanzen. Damit hat dieser Mensch meine Familie zerstört, und ich kann das heute nachlesen.“

„Versteckte Jahre“ ist ein Buch über den Holocaust, vor allem aber ein Buch über das Überleben und das Weiterleben, auch der Generation der Enkelinnen und Enkel.

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