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FM4 Radiosession OK Kid

Franz Reiterer

FM4 Radio sessions

Die Hoffnung tropft zuletzt

Politische Statements, Geburtstagsständchen, Pop mit Gehalt: OK Kid haben eine FM4 Radio Session gespielt - und damit auch gleich Tour-Kick-Off gefeiert.

Von Lisa Schneider

Mitklatschen, die gute alte Publikumsanimation: So starten OK Kid das gestrige Set im Radiokulturhaus mit ihren „Lügenhits“. Ironisch gut platziert: Was mag da jetzt noch kommen? Lügen? Hits?

Gedankenspielerei und Wortwitz prägen die Band seit ihren Anfängen, sie fließen nach wie vor aus der Feder des Texters und Sängers Jonas Schubert. Anders als früher hat er sich am neuen Album aber mehr Spaß erlaubt - und Sätze wie „Wo ist Helene, wenn du sie grade brauchst?“ Es sind auch genau diese neuen Songs, von denen es gestern erstmals Live-Hörproben zu hören gab.

Wie üblich bei FM4 Radio Sessions gibt es die Band in einem Set-Up zu erleben, das sonst wohl nur die engsten Freunde der Band im Proberaum oder gar daheim genießen dürfen: stripped down in Instrumentierung und Verkabelung. Moritz Rech etwa hat seine Synthesizer zuhause gelassen und stattdessen am Bösendorfer-Flügel Platz genommen. Er findet sichtlich Gefallen daran: „Ich glaub’, so einen will ich jetzt immer auf Tour mitnehmen.“ Praktikabilität ist ohnehin eine überbewertete Angelegenheit.

Um den Auftritt an Mikro, Klavier und Schlagzeug im Sound doch noch etwas umfangreicher zu gestalten, haben OK Kid ihre Livemusiker an Bass und Gitarre mit auf die Bühne geholt.

„Wir haben uns sehr gefreut, als wir gefragt worden sind, ob wir so eine FM4 Radio Session bei euch im Radiokulturhaus spielen wollen. Und dann sind wir erst mal hier rein und dachten uns - Wow, das ist ja echt serious game hier. Alles so schön und offiziell. Wir waren echt nervös.“

Liebe, Unrast, die braune Suppe

Darauf wird passend gleich mal ein Song des neuen Albums gespielt, der von der nervösesten Zeit des Lebens überhaupt handelt: dem Teenageralter. Er heißt „1996“.

Wie sich auch das Album „Sensation“ in zwei verschiedene Arten von Songs teilt, die politisch motivierten und die persönlichen, darf man auch die gestrige Setlist lesen. Gerade in den persönlichen Momenten, als Jonas am Barhocker hängt, das Handtuch lässig um den Hals geschwungen und den Blick eher nach unten gerichtet, hat das schon etwas vom Kosmos Herr Lehmann - und dessen traurig-eleganter Barphilosophie. Wie ein Gespräch, das man um drei Uhr früh führt, wenn man sich darüber unterhält, wie schrecklich unsicher alles war mit 15, 16, 17. Über die dunklen, pickligen Tage damals. Die nicht schön waren. Und doch wieder schön.

OK Kid sind 2012 mit Sprechgesang und Wortakrobatik hineingegrätscht in die deutsche Poplandschaft, ähnlich wie Gerard es hierzulande gemacht hat. Aber wo die ersten beiden Alben noch mehr dem HipHop verpflichtet waren, geht es der Band jetzt mehr darum, das Spektrum Pop voll auszukosten. Mit allen Vorteilen, die das bietet - damit auch mehr Zugänglichkeit. „Auch wenn unser Album durchaus prekäre Themen abhandelt, politische, gesellschaftliche, ist es insgesamt ein leichteres geworden. Man kann es entweder tiefgründig erforschen oder einfach nur oberflächlich und mit Spaß konsumieren.“

Die Hits, die Hits

„Lügen haben lange Beine, sie gehn’n schneller weg“ - „Kaffee warm“ schmuggelt sich als Oldie-Goldie hinein in die gestrige Setlist, und zeigt, dass das Schwanken der Band zwischen verkopft und direkt auch schon früh im Oeuvre verankert war: Du musst nicht länger drüber nachdenken, du kannst auch einfach nur mitsingen. Und falls du doch denken willst: Jonas ist für eine kleine Philosophiestunde sicher bereit.

„Der nächste Song ist 2015 entstanden, als wir in Deutschland zum ersten Mal Probleme mit einer Partei hatten. Da hat’s richtig angefangen mit Pegida, mit AfD. Deshalb ist das unser Statement gegen Homophobie und Menschenhass.“ Mit „Gute Menschen“ geben OK Kid sich also schon vor drei Jahren die Richtung vor, der ihren Pop nicht nur mehr zum Spiegel ihres eigenen Innenlebens, sondern zu dem des Landes macht. Der Ansatz, den am Album vor allem auch Songs wie „Ich und die Planierraupe“ oder „Warten auf den starken Mann“ weitertragen.

Zuviel ist gerade genug

Wie kann ein Konzert würdiger als mit einem Liebeslied beendet werden? „So viel Schmalz hab ich noch nie erzählt. Egal!“ heißt es auf „Hinterher“, aber das darf ja noch nicht alles sein. Jetzt, wo endlich das Publikum, der Saal, die Klaviertasten warm geworden sind. Ist es natürlich auch nicht. Für zwei Zugaben kehren OK Kid noch einmal auf die Bühne zurück, und wieder gibt’s die zerbrechlich feine Version eines Songs zu hören, anfangs nur in Klavierbegleitung, es ist ein Klagelied: „Wut lass nach“.

Der Tourstart von OK Kid am 14.11. in der Arena Wien ist ausverkauft.

ABER: im März werden sie für drei weitere Österreich-Konzerte zurückkehren. Alle genauen Infos findet ihr sehr bald schon hier.

Und dann das wiederholte Erfolgsrezept: ein würdiges Liebeslied fast am jetzt aber wirklichen Ende des Sets. „Stadt ohne Meer“, die Hymne von OK Kid auf ihre Heimatstadt Giessen, der sie im letzten Sommer sogar ein eigenes Festival gewidmet haben.

Außerdem: Sänger Jonas hatte gestern Geburtstag. Dass das mit einem herzzerreißend lauten Ständchen seitens des Publikums quittiert worden ist, war vorhersehbar; mit einer Geburtstagstorte hat der überraschte Frontmann aber sicher nicht gerechnet. Schokolade, Endorphine, die Sonntagnacht ist jung: Da steht er auch schon oben am Verstärker und singt von da aus weiter. Auch das Publikum trennt sich endlich von der Gemütlichkeit der Ledersessel.

Alles Gute.

Im Radio und Videostream

Wir senden einen Mitschnitt der FM4 Radio Session mit OK Kid am Montag, 12. November ab 21 Uhr in der FM4 Homebase. Im Anschluss daran gibt es die FM4 Radio Session weitere 7 Tage im FM4 Player und in der FM4 App.

Und: Gleichzeitig mit der Ausstrahlung gibt es hier dann auch den Videostream der FM4 Radio Session zu sehen!

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