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Nather Henafe Alali

Radio FM4 / Maria Motter

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„Syrien ist ein Gefängnis“

In seinem Debütroman erzählt Nather Henafe Alali vom Alltag im Chaos: Die Geschichte begleitet junge Syrer auf ihrem Streben nach Freiheit. Wofür das große Wort Freiheit steht, wenn man im Syrien der Assads aufgewachsen ist, erzählt der Autor im Interview.

Von Maria Motter

Fragt man Nather Henafe Alali, wie er es geschafft hat, bei klarem Verstand zu bleiben, antwortet er, dass das keine Entscheidung gewesen wäre. Man suche sich ebenso wenig aus, nicht verrückt zu werden, wie man beschließen kann, verrückt zu werden. Doch klar, das Schreiben hätte ihm geholfen.

Nather Henafe Alali ist 29 und im Oktober hat er einen Studienplatz für Zahnmedizin in Göttingen bekommen. 2012 ist er vor seiner damaligen Universität in Syrien verhaftet worden. Seine Eltern konnten ihn freikaufen und kurz darauf hat er das Land verlassen. Von der Türkei aus hat er syrische Hilfsorganisationen unterstützt und begonnen als Journalist zu arbeiten.

Vor kurzem ist sein erster Roman erschienen: „Raum ohne Fenster“ ist zugleich Zeitdokument und Literatur, die viel über die Gesellschaft in Syrien zwischen Widerstand und Korruption, Flucht und Gräueltaten erzählt.

Die Beziehungen der jungen Menschen werden vom Staatsterror zerrissen. Das Land wird als ein „Schlachthof für Menschen“ beschrieben. Trotz all dem Grauen ringen die Charaktere um ein Leben. Im Zentrum der Geschichte stehen ein Mann und die Ehefrau seines besten Freundes, eine junge, zweifache Mutter. „Man hat ein Leben. Man hat keine Garantie zu leben“, sagt Nather Henafe Alali im FM4-Interview. Seine Hauptfiguren führt er ins Exil.

Wie informierst du dich jetzt über die Vorgänge in Syrien? Es gibt viele Milizen, unterschiedliche Gruppierungen, man tut sich schwer, von Österreich aus diesen großen Krieg noch einordnen zu können. Du hast als Journalist gearbeitet - wie ordnest du Informationen ein und woher bekommst du sie überhaupt?

Es ist schwer - nicht nur für uns als Syrer, sondern auch für andere Journalisten. Man kann nicht einfach nach Syrien gehen und berichten. Es ist nicht nur gefährlich, es ist auch nicht erlaubt. Die journalistische Arbeit hat mir sehr geholfen, ich habe noch mit sehr vielen Leuten aus verschiedenen Städten und Bezirken Kontakt. Mit Menschen in Damaskus, mit einigen Freunden in Latakia, in Darʿā, in Idlib und in Deir Azzor. Nicht mit allen Bezirken, denn es gibt viele Fluchtbewegungen und es gibt Städte, die abgeriegelt sind wie jetzt Aleppo: Als syrische Journalisten wissen wir nicht viel über Aleppo, weil man dort Journalisten nicht erlaubt, zu arbeiten. Und die Arbeit ist gefährlich, kostspielig und braucht Zeit: Seit acht Jahren ist Krieg. Wir haben nur die Informationen aus Russland und vom Regime. Viele Journalisten und Aktivisten sind geflohen. In der Türkei gibt es viele syrische Journalisten, die für alternative Medien arbeiten. Aber ich glaube, man hat nicht die komplette Wahrheit. Nachdem der sogenannte Islamische Staat nach Syrien kam, schrieben viele nur über die Dschihadisten.

Wer stützt denn in Syrien noch das System? Wer ist daran interessiert, dass Assad weiterhin an der Macht ist?

Es gibt einen Teil der syrischen Gesellschaft, der Assad unterstützt. Das ist eine Wahrheit. Ich nenne diese Leute Assadisten. Sie glauben, Syrien sei Assads Land und die Syrer könnten keinen Staat ohne ihn aufbauen. Diese faschistische Idee hat dem Regime sehr geholfen, um immer an der Macht zu bleiben. Aber ich denke, das ist ein kleiner Teil der syrischen Bevölkerung. Es gab immer eine Bewegung gegen die Assad-Familie, es gab immer eine Opposition. Doch die Frage nach der Unterstützung müsste jene nach der internationalen Gemeinschaft sein. Assad bleibt heute an der Macht, weil er vom Iran und von Russland unterstützt wird. Die Syrer haben viele Befürchtungen und Angst vor dem Regime, das die Städte einfach zerstört, wenn viele Bürger gegen Assad demonstrieren. Man sieht das an Homs, an Deir Azzor und rund um Damaskus und Aleppo, auch in Idlib. Assad hat Bomben und Folter gegen diese Menschengruppen eingesetzt. Er hat immer versucht, die Alawiten als politische Gemeinschaft zu benutzen. Es gibt auch viele Probleme in Assads Gebieten. Ich habe Freunde in Damaskus und in Latakia, sie sagen: Es gibt keine Stadt mehr und kein Gesetz.

Raum ohne Fenster

S. Fischer Verlag

„Raum ohne Fenster“ von Nather Henafe Alali ist 2018 bei S. Fischer erschienen, Rafael Sanchez hat das Romandebüt aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt.

Im Roman „Buch ohne Fenster“ kommen Zeilen vor, in denen Eltern Menschen deiner Generation warnten.

Ich habe viel gearbeitet, um nicht eine Autobiografie zu schreiben, sondern einen Roman mit verschiedenen Figuren und verschiedenen Geschichten. Es war immer ein Ziel, Distanz zwischen mich und die Figuren zu bekommen. Ich war kurz im Gefängnis, nicht so lange wie Aziz, eine meiner Hauptfiguren. Ich war auch nie im Militärdienst. Aber ich wollte das noch einmal dramatisch aufbauen.

Du hast dich ursprünglich für die Revolution eingesetzt und Widerstand gegen die Herrschaft Assads geleistet. Weshalb das? Wie ist das gekommen? Du hast studiert, hättest dir denken können, ich lebe mein Leben.

Nein, das war auch ein Streit einer Bekannten und mir. Es war 2011 und ich wollte einfach demonstrieren. Ich war im vierten Jahr Zahnmedizin, mir hat nur noch ein Jahr gefehlt. Sie hat zu mir gesagt, du hast eine gute Zukunft, warum gefährdest du dein Leben? Ich habe ihr geantwortet: Ohne Freiheit dient das Leben nicht mehr. Die Revolution hatte nicht nur politische Gründe für mich. In Syrien gab es auch viel Armut. Es gab viel Gewalt des Regimes Assads gegen die freie Meinung. Man konnte nicht über Politik reden. Mit meinen Eltern konnte ich z.B. nicht über Politik reden. Sie hatten immer Angst, dass der Geheimdienst kommt und sich über uns erkundigt. Das war vor 2011. In den 1980ern gab es auch eine Revolution gegen die Assad-Herrschaft, die Stadt Hama wurde zerstört. Meine Eltern haben das erlebt, alle älteren Syrer haben das erlebt. Sie haben uns gesagt: Das sind die Ergebnisse. Es gab Streit zwischen den Generationen. Vielleicht wollten wir auch unsere Erfahrung machen und sagen: Nein, jetzt ist Zeit für Freiheit.

Es gab den Arabischen Frühling ...

Ja, es gab den Arabischen Frühling, es gab Hoffnung. Menschen dachten, sie könnten ihre Stimme noch einmal erheben, um das Land besser zu machen. Doch unsere Eltern sagten uns, sie würden das Regime nicht kennen. Das war auch unsere Vorstellung. Also ich hatte mir nicht gedacht, dass das Regime Gewalt gegen die Bevölkerung richten würde. Die Eltern waren besorgt. Sie hatten erlebt, wie das Regime Gewalt anwendet, um die Macht zu erhalten. In der internationalen Gemeinschaft gab es kein Gefühl, dass es eine Bewegung gegen Assad geben würde. Die Eltern haben immer befürchtet, dass wir das Regime auch nicht aufbrechen könnten. Unsere Generation heute sagt: Freiheit ist für uns die erste Bedingung im Leben. Eine geschlossene Gesellschaft mit Politik und Tradition geht nicht mehr mit uns. Nach diesen Fluchtbewegungen, wo viele Syrer in der Türkei und in Europa gelebt und gesehen haben, wie ein Staat besser läuft, können sie nicht zurück und das Regime Assads akzeptieren. Eine Million Menschen sind in Syrien schon umgekommen. Ich sehe kein zukünftiges Syrien für mich ohne Freiheit, ohne Menschenrechte und ohne Demokratie. Man muss für eine offene Gesellschaft kämpfen, doch erst muss dieses gewalttätige Regime weg. Danach könnten wir ein bisschen atmen, um über die anderen Sachen zu reden.

Du äußerst dich sehr offen. Wie gefährlich ist das für dich?

Es war bis 2018 gefährlich, danach sind meine Eltern in die Türkei geflohen, weil der sogenannte Islamische Staat angriff. Wenn man schreibt, geht man ein Risiko ein. Ich habe in Deutschland auch als Journalist unter meinem Namen Artikel veröffentlicht, ich schreibe weiter für Freiheit und Demokratie. Wenn man als Schriftsteller immer Angst hat, kann man nicht schreiben. In Deutschland, mit meinen Kolumnen und meinem Roman habe ich das Problem nicht mehr. Ich habe es einfach weggeschmissen. Auch in der Türkei war ich aktiv und habe mit NGOs gearbeitet.

Was hast du da gemacht?

Das sind internationale Hilfsorganisationen, die Projekte für medizinische Versorgung in Syrien planen und aufbauen. Du hast zerstörte Städte ohne Strom und ohne Wasser. Bis 2014 habe ich so und auch als Journalist für syrische Online-Medien gearbeitet, ohne meinen richtigen Namen anzugeben. An die 400 Journalisten sind in Syrien ermordet worden, von Assads Regime oder dem sogenannten IS.

In deinen Kolumnen hast du dich auch sehr viel mit dem Bild von Flüchtlingen in Europa beschäftigt. Da hast du den sehr harten Satz geschrieben: „Ich bin das Elend des 21. Jahrhunderts“.

Nach einem Jahr in Deutschland habe ich erlebt, wie viele Syrer gekommen sind. Es gab viel Diskussion, nicht nur in der Zeitung, auch in der Gesellschaft. Ich dachte immer, alle reden über uns, aber wir reden nicht – als Syrer, als Flüchtlinge. Das Gefühl habe ich in Europa und auch in der Türkei. Es gab in Syriens Nachbarländern Jordanien und Libanon schlimme Situationen, in denen es gegen die Flüchtlinge ging. Darum geht es auch in meinem Roman. Ich habe in meinem Roman keine Orte genannt, ich habe die Figuren bewusst nicht als SyrerInnen ausgewiesen. Ich habe die Schauplätze mit Merkmalen verortet. Ich mag Nationalität als Begriff nicht. Ich glaube, wenn man ein Flüchtling ist, spielt die Nationalität keine Rolle. Ich bin nicht als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Ich habe einen Flug von Istanbul nach Berlin bekommen. Meine Schwester lebt seit zwölf Jahren in Deutschland und sie hat mich abgeholt. Mein kleiner Bruder kam als Flüchtling. In meinem Bewusstsein bleibt immer: Alle Flüchtlinge haben die gleichen Schwierigkeiten mit der Bürokratie, alle haben die gleichen Schwierigkeiten, nach Europa zu kommen. Syrien heute ist wie ein Gefängnis. Die Nachbarländer wollen nicht noch mehr Syrer. Ich wollte in meinem Roman einfach zeigen: Kommt man aus einem Krieg, gibt es nicht immer ein „Willkommen!“. Doch die Diskussion, die man hier erlebt, als Mensch, der seine Heimat verlassen musste, ist eine andere als die, die man in Syrien durch den Krieg erlebt.

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