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Mark Kozelek am Blue Bird Festival 2018

Hanna Pribitzer

festivalradio

All about love and loss and entertainment

Das Blue Bird Festival im Wiener Jazzclub Porgy & Bess ist auch in der 14. Ausgabe wieder ein Highlight österreichischer Veranstalterkunst: Ein Festival, dem das Publikum vertraut, weil es jedes Jahr aufs Neue das aktuell bestmögliche Line-Up zwischen Folk, Postrock, Pop und Singer-Songwriter-Genre zusammenstellt.

Von Lisa Schneider

Auch in diesem Jahr ist das Wiener Porgy & Bess wieder ausverkauft. Nicht wie im letzten Jahr, als alle zu Superstar Chrysta Bell gepilgert sind, schon Wochen vor dem Event, aber immerhin. Klaus Totzler, Kurator und Chef des Festivals seit 14 Jahren, erzählt, man habe ihm schon oft angetragen, doch in eine größere Venue auszuweichen. Das hat er aber nicht vor: Das Porgy ist der Heimathafen und gehört mit all seinen Besonderheiten zum Festival dazu, mit seiner Eleganz, dem roten Samt und der Einzigartigkeit einer Popkulturveranstaltung in Jazzclub-Atmosphäre.

Es gibt hier eine freundschaftliche und vor allem vertrauenswürdige Basis, die er, die das ganze Blue Bird-Team gegenüber dem Publikum aufgebaut hat. Leute kaufen Tickets, bevor sie wissen, welches Line-Up es in der nächsten Ausgabe geben wird. Und wenn das Line-Up veröffentlicht ist, kaufen sie Tickets, selbst wenn sie oft mehr als die Hälfte der auftretenden Künstler und Künstlerinnen nicht kennen. Ähnlich wie das am Acoustic Lakeside Festival funktioniert, das an sich ein beispielloses Festival mit über die Jahre ungebrochener Fankultur ist. Fankultur nicht nur den Acts, sondern dem Festival selbst gegenüber. Das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Hingabe.

Anzugträger, Primavera-Sound-T-Shirt-Träger und gute Freundinnen besuchen das Blue Bird Festival, Pärchen, Ausdruckstänzer. In den Pausen sprechen sie über Fleet Foxes, Beirut, Devendra Banhart oder Father John Misty. Der Altersschnitt passt sich ein bisschen der gediegenen Location an und statt Bier fließt eher Rotwein. Oder aber Glühwein: zum Interview treffe ich die amerikanische Künstlerin Laura Gibson, die am ersten Festivaltag auftritt, glücklich strahlend mit einer stiefelförmigen, roten Tasse in der Hand. „It’s so incredibly sweet“, lächelt sie, und ich sage, dann ist er richtig. Laura Gibson ist auch schon am Blue Bird Festival 2009 aufgetreten.

Fantastic beasts and where to find them

„Goners“ heißt ihr aktuelles, fünftes Album, das sie später auch unterstützt von Bass, Geige, Schlagzeug und Gitarre live umsetzen wird. „It’s an album about loss and grief, as so many of my songs have been before“. Als Laura Gibson 14 Jahre alt war, ist ihr Vater gestorben. Wie sie Trauer wahrnimmt und verarbeitet, hat sich über die Jahre verändert. „With this record I really explored this sort of fantastical aspects of loss; sometimes I’m trying to understand loss, there’s no simple terms to it, because it’s something so big and epic. Often art, film and books that speak of grief are the ones that move me most. So I wanted my lyrics to dwell into that dreamy place and what does it mean to lose someone, what does it mean psychically, how do you explain the relation to people you can’t physically connect to.“

Laura Gibson am Blue Bird Festival 2018

Hanna Pribitzer

Laura Gibson

Am Cover des Albums sitzt ein Wolfshund, durch die Songs ziehen mystische Kreaturen. Live schlüpft der Wolf dann in die Rolle der grollenden Drums, wie Geröll polternd am Abhang, und dann tritt an anderer Stelle ein Geist hervor, in Form eines filigranen Geigensolos. Laura Gibson haucht, singt, schreit, es ist ein wirrer Märchenwald, es ist phantastisch. Phantastisch im erzählerischen, aber auch im sozialen Kontext, der über bildreiche Umwege versucht, die Menschen im Publikum, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zu erreichen, mitzunehmen, sie vielleicht sogar zu trösten. Überwindung zur Selbsttherapie: „If I’m not revealing something, if I’m not vulnerable in a way then I don’t feel it’s worth doing.“

Der erste Abend endet im Publikumschor

Laura Gibson ist gerade mit Dan Mangan auf Tour - sie sind beim selben Label (City Slang) untergekommen, haben so gut wie zeitgleich ihr neues Album veröffentlicht, es lag auf der Hand. Dan Mangan ist in Kanada durchaus als Star der Singer-Songwriter-Szene zu bezeichnen und hat mittlerweile fünf Alben und drei EPs veröffentlicht. Mangan wurde für diverse Awards nominiert und auch ausgezeichnet, hat die Welt betourt und gesehen. Auch ohne Glühwein bekommt er rote Wangen und leuchtende Augen, als er von Zuhause erzählt, von seinen zwei Kindern. Jahrelang war er auf Tour, fast seine ganzen 20er hat er im Bus verbracht, zwischen Städten, ohne Rast. Dann hat er sich sechs Jahre lang zurückgezogen - und schließlich sein neues Album „More Or Less“ geschrieben. Es ist minimalistischer und gleichzeitig komplexer als sein Vorgänger.

"When I was younger, I purposefully would make decisions to make the songs weirder – right now I just want to make a bunch of songs that anybody can now. That was a weird thing to get over, when I was young I was worried about being cool, thinking like I don’t want to be a big name. It’s still not that I wanna be really famous now, but I have a thing about making songs, everytime I write a song, I feel a little better. And I think that as I sort up my own existential anxieties – everytime I can articulate those thoughts into a song, it gives me relief and something that I’ve learned, a really good song can make other people feel the same. They feel connected. There’s nothing that makes me feel so high as being on stage, and feeling connected with a thousand people. I’m not really like a god believing person, but that’s to me what it feels like, it feels like church. It feels like we’re all touching something bigger than us. And songs are they way for me to get there.“

Dan Mangan am Blue Bird Festival 2018

Hanna Pribitzer

Dan Mangan

High ist wohl auch das beste Wort, um Dan Mangans anschließenden Auftritt als Headliner des ersten Blue Bird-Abends zu bezeichnen. Er ist Charmeur und Entertainer, endlich sind auch Singalongs dran, Publikumschöre, Klatschen. Festivalfeeling. Die Zuschauer holt man live mit Nah- oder Unnahbarkeit ins Boot, mit Empathie oder Selbststilisierung. Mit seinem „invitational new record“ muss es bei Dan Mangan natürlich Ersteres sein. Auch Laura Gibson betritt noch einmal die Bühne: gemeinsam singen die beiden eine schlicht schöne Version von Robyn’s „Hang With Me“.

Sold out show: Ein Privileg

Es ist an allen drei Tagen sehr voll im Porgy, die Stimmung locker, aufgewärmt, amikal. Holly Miranda ruft von der Bühne: „You’re like little sardines packed in a box“. Und sie ist nur eine von vielen Künstlern und Künstlerinnen, die zwischen den Songs einmal kurz innehalten müssen, um sich umzusehen, wer ihnen da vom Parkett, von den Sitz- und Stehplätzen, aber auch von oben, vom Balkon aus, zusieht.

Das Blue Bird Festival arbeitet nicht nur ähnlich einem Showcase-Festival damit, dem Publikum neue Acts zum Entdecken zu präsentieren; auch umgekehrt ist es für die Bands eine oft einmalige Sache, hier vor ausverkauftem Haus zu stehen. Bei vielen der auftretenden Musikern und Musikerinnen wäre es wohl sonst eher das halb volle Wiener Chelsea geworden.

The Burning Hell am Blue Bird Festival 2018

Hanna Pribitzer

The Burning Hell

„You know, it’s not every night like that. Actually, this is a real pleasure playing in front of such a nicely packed audience“, ruft Mathias Kom von der kanadischen Band The Burning Hell ins Publikum. Für die Komödie zählt immer: Je mehr, desto besser, das volle Haus will unterhalten sein, The Burning Hell machen das in Randy-Newman-Tradition, mit bissig-politischen Ansagen und Songs wie „Fuck The Government, I Love You“. Ein Taumeln Richtung Apokalypse, aber mit Folkrock-Beat, mit großer Klappe und Spaß an Lust und Leben. Das Tragische und das Komische, Großmeister Mark Kozelek wird am Samstagabend davon noch viel mehr erzählen.

Orgiastische Zustände, Beziehungskiste, Tod

Er ist der geheime Star am Blue Bird Festival, der in den 1990ern das Genre „Sadcore“ oder „Slowcore“ mit seiner Band Red House Painters - und nachfolgend als Sun Kil Moon - geprägt hat wie kein anderer; der beinah kultisch verehrt wird von seinen Fans - zuhause, in Amerika, in Ohio - aber auch hierzulande; und der einer der produktivsten Songschreiber überhaupt ist: gerade heuer erst hat er zwei Alben veröffentlicht, eines als Mark Kozelek und eines als Sun Kil Moon.

Er erinnert sich kurz zurück, 2015, da hat er zuletzt in Wien gespielt. „This was one of the best concerts I’ve ever played. Let me tell you: I remember nothing of that night.“ Den Charmeur will er nicht geben, den Kontakt zum Publikum sucht er trotzdem. Zynisch und ein bisschen verschroben, das Mikrokabel elegant ums Handgelenk gewickelt, während er im Stehen rezitiert.

Er reist erst zwanzig Minuten vor seinem Set im Porgy & Bess an, Schilder werden ausgehängt: es sollen bitte keine Handy-Fotos während des Mark Kozelek-Gigs gemacht werden. Natürlich sieht er sich auch keine anderen Sets an, so wie es etwa Dan Mangan oder Low Roar gemacht haben. Viel eher so: „I know you love this new record so much, ‚cause I’m headlining this festival!“ All diese kleinen Aspekte produzieren ein Gesamtbild; würde man ihn als „grumpy old man“ bezeichnen, wäre seine Antwort wohl „that’s me“. Oder „I actually don’t remember“. Kommt auf die Stimmung an.

Mark Koselek

Hanna Pribitzer

Mark Kozelek

Der Anzug schwarz wie der Flügel, der ihn bei seinen überlangen, monologartigen Songs begleitet. Baratmosphäre auf der Bühne, Stücke, in denen er sekundenlange „awkward silence“ durchhält, und keiner traut sich nach Luft zu schnappen - „his most favorite part of the show“.

Anders als vergleichsweise Nick Cave zerlegt Mark Kozelek das Leben ohne Subtilität, es wird auch ins Mikrophon miaut, gebrummt, gebellt, wenn’s sein muss. Orgasmen werden nachgestellt. Er gibt sogar Beziehungstipps: „Guys, when going to a concert, don’t yell at the band. She’s gonna leave you.“

Unsicherheit, wenn sie denn einmal da war, wird überspitzt in Phrasen über das schräge Leben, über Buchgeschäfte, die seltsam riechen, Flugzeuge, Martin Luther King. Über die Tatsache, dass er froh ist, nicht bei Ikea arbeiten zu müssen. Eine Commedia dell’Arte ist das alles, eine Tragödie, über die man nur lachen kann. Am Ende wartet auf uns alle nichts mehr, so Kozelek - nur die köstliche Blue Bird Torte, die traditionsgemäß immer nach dem letzten Act auf der Bühne angeschnitten wird.

Meine Notizen - am Handy getippt, nur während des Mark Kozelek-Sets brav auf einen Zettel geschrieben - sind, was die letzten drei Tage betrifft, überbordend. So, wie es sein muss, wenn 14 Acts zu sehen, zu erleben und zu beschreiben sind. Wo Holly Miranda zurückhaltend, aber stark den Tod ihrer Mutter besingt, wo Roo Panes, der eigentlich lieber im Studio als auf der Bühne steht, mit dem Publikum hinabtaucht in eine Wolke aus Ambient, Folk und Pop. Wo Paul Plut - der zweite österreichische Act im Line Up neben Loose Lips Sink Ships - alle regelrecht hineinstampft in sein dunkles Sammelsurium aus Dialektlyrik, Gospel, Dunkelheit.

Paul Plut am Blue Bird Festival 2018

Hanna Pribitzer

Paul Plut

Die Tickets für nächstes Jahr, für die 15. Ausgabe des Blue Bird Festival, gehen im kommenden Frühjahr in den Vorverkauf. Man kann sich nicht nur fast, sondern ganz sicher sein: eine gute Investition.

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