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Fight the Power

Regisseur Benedikt Erlingsson will mit seinem Film „Gegen den Strom“ die Welt retten. Darin stellt sich eine Naturschützerin und Klimaaktivistin mit Sabotageakten gegen Politik und Wirtschaft. „Gegen den Strom“ ist aber alles andere als ein betuliches Message Movie.

Von Pia Reiser

Geht es um die Agenda „Welt retten“, werden auf der Leinwand üblicherweise Männer zwischen 30 und 40 losgeschickt, um sich der Sache anzunehmen. Der isländische Film „Gegen den Strom“ aber setzt auf eine 50-jährige Frau, die entschlossen ist, nicht zu warten bis ein Roland-Emmerich-artiges-Szenario dabei ist, die Welt zu zerstören, sie will die 12 Jahre, die uns die UNO noch gibt, um die Klimakatastrophe zu mildern, nutzen.

2010 gab es massive Proteste in Island gegen den weiteren Bau von Aluminiumfabriken und Kraftwerken, Björk hatte sich damals auch der Protestbewegung angeschlossen.

Mit Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) liefert „Gegen den Strom“ eine der einnehmendsten Figuren des Filmjahres ab, in der ersten Sequenz sehen wir sie in einem dicken Strickpullover, der schon beim Zusehen kratzt, in der märchenhaften, landschaftlichen Kargheit Islands stehen, bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Mit einem gezielten Schuss auf die Stromleitungen, erzeugt sie einen Kurzschluss. Und dann ist zumindest kurz Schluss mit der Stromversorgung der Aluminiumschmelzhütte. Sie macht das nicht zum ersten Mal.

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Die Medien nennen Halla die Bergfrau und eine Öko-Terroristin. Regisseur Benedikt Erlingsson inszeniert Halla mit Pfeil und Bogen und Unerschrockenheit als kriegerische Göttin, die mit Sabotage-Akten versucht, einen Moment der Irritation, des Aufwachens zu kreieren. Einen herrlich verschrobenen Irritationsmoment gibt es auch gleich zu Beginn, wenn Halla über eine Wiese läuft und an einer Drei-Mann-Band vorbeikommt, die den Soundtrack beisteuert. Diese Band - und später ein singendes Frauentrio - sind Erlingssons Variante eines griechischen Chors, der die Handlung kommentiert.

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Halla ist irgenwie ein Robin Hood für die Natur und ein Don Quixote, der auch mal Sprengstoff unterm Strommasten deponiert. Eine Chorleiterin, die es im Grunde wörtlich und metaphorisch mit Public Enemy (oder halt: Den Isley Brothers) hält: Fight The Power. Power im Sinne von Strom, Power im Sinne der Politik, die sich mit der Wirtschaft viel zu gut arrangiert hat, und die sich schließlich mit den Medien arrangieren wird, um eine Hetzkampagne gegen die Bergfrau zu starten. Stellenweise ist „Gegen den Strom“ wie ein Märchen, in dem alles als pars pro toto-Metapher gelesen werden kann.

Ein Interview mit Regisseur Benedikt Erlingsson gibt es am 12.12 in der FM4 Homebase (19-22 Uhr) zu hören

Man kann den Film als direkten Aufruf zu Aktivismus verstehen oder zumindest als Aufruf zu Protest. Für ein message movie fehlt „Gegen den Strom“ aber die Besserwisser-Attitüde und Betulichkeit. Dass Halla eine Zwillingsschwester hat, die mit Yoga und Rückzug in den Ashramplänen als Gegenpol zu Halla inszeniert wird, als jemand, der auf inneren Rückzug und Selbstoptimierung setzt, erscheint vielleicht zuerst als ein bisschen zuviel des Guten. Doch als Regisseur Erlingsson zum Publikumsgespräch anlässlich der Österreich-Premiere von „Gegen den Strom“ im Filmmuseum mit seinen 10-jährigen Zwillingstöchtern anreist, die unterschiedlicher nicht sein könnten, lösen sich meine kleinen Zweifel an dem Zwillingsstrang im Film in Luft auf.

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„Gegen den Strom"/"Woman at War“ startet am 14. Dezember 2018 in den österreichischen Kinos

Arthaus-Ästhetik trifft auf Thriller und Komödie und darüber baumelt das allzu reale Damoklesschwert namens Klimawandel. Erlingsson hat seinem Film einen genau getakteten Rhythmus und eine Struktur verpasst, sodass diese Mischung aufgehen kann, er verlässt sich nicht darauf, dass Programmkinogeher automatisch begeistert sein werden, wegen gewohnt isländischer Verschrobenheit. Der Film ist ein kleines Wunder mit pochendem Herzen und der Wucht eines Faustschlages.

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