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Pixabay / CC0

Takis Würger erzählt in „Stella“ von einer dramatische Liebe 1942

Verrat und Erstaunen: Der Roman „Stella“ von Takis Würger handelt von einer Liebesgeschichte im Berlin des Jahres 1942. Erschütternd ist er vor allem, weil vieles davon tatsächlich passiert ist.

Von Lisa Schneider

Wir befinden uns im Berlin des Jahres 1942. Friedrich, ein junger Schweizer aus gutem Haus, verlässt sein zerrüttetes Elternhaus in Genf, um sich mitten in die deutschen Kriegswirren zu stürzen. Er will die „Wahrheit“ finden. Die Wahrheit darüber, was in Deutschland mit der jüdischen Bevölkerung passiert - bisher hat er nur Gerüchte über die anstehenden Deportationen gehört.

„Aus der Entfernung hatten die Deutschen groß gewirkt, aus der Nähe wirkten sie so klein wie ich. Groß waren nur die Kulissen, die Fahnen vor allem. Die deutschen Fahnen waren sehr groß.“

Friedrich lernt Kristin kennen. Sie ist blond, blauäugig, laut und schön, sie kennt keine Angst. Kristin stilisiert sich als Bohème, als unbekümmerte Lebefrau; Champagner, Chanel, Camembert. Sie liebt alles, was gut und bald schon rationiert oder gar verboten ist, wie etwa die „Judenmusik“, die in den dumpf beleuchteten, verrauchten Berliner Nachtclubs gespielt wird. Auch Kristins Freunde haben eine ähnlich arglose Lebenseinstellung:

Cover "Stella" von Takis Würger

Hanser

„Stella“ heißt der zweite Roman von Takis Würger, er erscheint im Hanser Verlag.

"Tristan sagte, dass es im Krieg leicht sei zu vergessen, wer wir sind. Dass die Deutschen eine Kulturnation seien, das Land Heines und Wagners. Er sagte, deshalb sei gutes Essen so wichtig. Es sei ein Ausdruck unserer Kultur. Nur weil Krieg sei, dürften wir das nicht vergessen. Er sagte: „Andere sehen die Dunkelheit. Ich sehe die Schönheit.

Die Fassade bröckelt langsam

Die Grundstimmung in Nazi-Berlin ist gespalten. Die Hauptstadt und ihre Ideale zerfallen, während die menschenunwürdigen Tatsachen noch immer von vielen negiert werden. Doppelzüngig und unentschlossen sind die Figuren des Romans, und dabei oft nur oberflächlich skizzierte Charaktere.

Dem immer umgreifenderen Opportunismus aber sind sie gleichermaßen zugetan: Während man eine Oper genießt, gibt es Fliegeralarm; nach einem kurzen Aufenthalt im unterirdischen Bunker wird die Show aber fortgesetzt. „(...) dann fuhren wir durch Berlin und schauten den Menschen zu, die zur Arbeit gingen, Einkäufe erledigte, auf Bänken saßen und Zeitung lasen. Die Menschen taten Dinge, die Menschen tun an einem Mittwochmorgen. Es sah richtig aus.“

Es ist aber eben nicht alles richtig: in Szenen wie der, als es Friedrich verboten wird, einer jüdischen Frau einen Sitzplatz im Bus anzubieten, beginnt sein Gemütszustand in eine Mischung aus innerer Zerrissenheit, Erstaunen und Unverständnis zu schwanken. Der Leser weiß, was Friedrich nur langsam erkennt; der Blick durch seine rosarote Brille ist stellenweise nervig, die fiktive Liebesgeschichte kippt allzu oft ins Platte („Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist“).

Rollentausch in unsicherer Zeit

Gerade weil es Kristin im Gegensatz zu Friedrich so gut zu gehen scheint, lässt es sich erahnen: Sie ist nicht die, die sie vorgibt zu sein. Schwer misshandelt, mit geschorenem Kopf und blutüberströmt steht sie eines Tages vor Friedrichs Zimmertür. Kristin ist Jüdin, und eigentlich heißt sie Stella Goldschlag. Aufgrund ihres arischen Aussehens hatte sie bisher kein Problem an den jetzt überall aufkommenden Kontrollstationen. Bisher.

Takis Würger

Sven Döring

Takis Würger
Takis Würger, geboren 1985 in Hohenhameln, Deutschland, hat an der Henri-Nannen-Journalistenschule und in Cambridge studiert. Er arbeitet als Redakteur für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2017 erschien sein Debütroman „Der Club“, der mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet wurde und für den aspekte-Literaturpreis nominiert war. Takis Würger lebt in Berlin.

LESUNG

Am 25. Februar kommt Takis Würger nach Wien: er liest im Buchkontor im 15. Bezirk aus seinem neuen Roman.

Ein Spiel gegen die Zeit beginnt, die grausame Jagd. Friedrich ahnt Dinge, die er nicht aussprechen kann, nicht aussprechen will: Stella ist doch die Eine, seine Frau. Sie ist aber auch Stella Goldschlag, die Greiferin. Als „Greifer“ wurden im Nazi-Jargon diejenigen jüdischen Kollaborateur*innen bezeichnet, die andere, untergetauchte Juden aufgespürt und denunziert haben.

Worüber also kann er in seiner absoluten Verliebtheit hinwegsehen? „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die süße Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“

Leider verzichtet Würger an dieser spannendsten Stelle darauf, Stellas eigenen moralischen Konflikt näher zu beschreiben.

Am schlimmsten liest sich die Wahrheit

Dass am Beginn jedes Kapitels eine kurze, historisch korrekte Zusammenfassung der Weltpolitiklage steht, holt die Leser*innen hinein ins Zeitgeschehen - so auch die in kursiver Schrift abgedruckten Auszüge aus den Feststellungen eines sowjetischen Militärtribunals. Auch Stella Goldschlag ist eine historische Figur, über die schon ihr ehemaliger Mitschüler Peter Wyden 1995 ein Buch veröffentlicht hat. Es trägt ebenfalls den Titel „Stella“ und ihren Verrat an etwa 300 Juden. Nach dem Krieg wurde sie zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Takis Würger hat sich schon beim Schreiben seines ersten Romans „Der Club“ in die Grauzone zwischen Realität und Fiktion begeben. Er handelt vom legendären „Pitt Club“ in Cambridge - Würger war selbst Mitglied - und seinen teils illegalen Machenschaften. In keinem Interview oder Statement hat der Autor bekanntgegeben, welche Teile des Romans „Der Club“ tatsächlich passiert - und welche frei erfunden sind.

Bei „Stella“ ist die Sache klarer. Deshalb ist die Geschichte auch so schockierend.

„In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.“

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