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Beautiful Boy

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“Beautiful Boy” und “Boy Erased” sind politisch korrektes Bubenkino

Diese Woche läuft die Drogentragödie “Beautiful Boy” an, in naher Zukunft das Homosexuellen-Drama „Boy Erased“: Zwei unterschiedliche Filme, die doch einiges gemeinsam haben.

von Christian Fuchs

Es gibt einen Punkt in „Beautiful Boy“, da realisiert Steve Carell als Vater erstmals so richtig, dass sein drogensüchtiger Sohn, gespielt von Timothée Chalamet, nicht mehr wirklich zu retten ist. Ein Arzt erzählt dem Mann über die Verheerungen, die Crystal Meth schon beim allerersten Kontakt im Gehirn hinterlässt. Und wie unmöglich es ist, diese Droge komplett hinter sich zu lassen. Es ist ein Moment, in dem der Boden unter den Füßen des Vaters brutal weggezogen wird. Steve Carell bemüht sich aber um extreme schauspielerische Verhaltenheit.

So eine unaufdringliche Darstellung kann erfrischend sein. Zum Beispiel, wenn man an andere Hollywood-Dramen voller gestikulierender, schreiender Menschen denkt. Trotzdem hat die Zurückhaltung in „Beautiful Boy“ einen kontraproduktiven Effekt. Dem Film fehlt eine gewisse erschütternde Konsequenz.

Das ist besonders seltsam, weil Felix van Groeningen mit seinen Vorgängerstreifen tiefe Wunden in vielen Zuschauerherzen hinterlassen hat. „The Broken Circle Breakdown“ und „Belgica“, das waren zwei konträre Werke des belgischen Regisseurs, die doch beide von dysfunktionalen Familien handelten. Filme, in denen auch Rock’n’Roll-Euphorie und Hangover-Stimmungen einmalig eingefangen wurden, aber die sich im Grunde um Liebe, Zusammenhalt und Verlust innerhalb familiärer Strukturen drehten. Großes, glühendes Gefühlskino.

Filmstill aus "Beautiful Boy"

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Drogendrama mit Stärken und Schwächen

Vielleicht hat nun seine erste Dreherfahrung in Hollywood Felix van Groeningen etwas gebremst. Oder es war das Gewicht der wahren Vorlagen, auf denen der Film basiert. 2008 veröffentlichte der Journalist David Sheff ein Buch, das blitzschnell zum Bestseller mutierte. In „Beautiful Boy: A Father’s Journey Through His Son’s Addiction“ beschreibt Sheff, wie seine Familie mit der gefährlichen Sucht von Sohn Nic umgegangen ist. Ebendieser fasste gleichzeitig auch seine Sicht der Dinge in seiner Autobiografie „Tweak: Growing Up on Methamphetamines“ zusammen.

Felix Van Groeningen verarbeitet beide Bücher in seinem Film, wechselt ständig die Perspektiven zwischen Vater und Sohn (die weiblichen Charaktere werden eher ausgespart) und lässt die unschuldige Vergangenheit mittels Rückblenden mit der tragischen Gegenwart kollidieren. Dabei bekommt man zwar ein Gefühl für einerseits den Schrecken, der David Sheff lähmt und andererseits die fatale Anziehungskraft der Drogen, die Nic ständig verführt. Aber eine gewisse Dringlichkeit, auf die man als Zuseher auch gefasst ist, kommt selten auf.

Was nicht heißt, dass „Beautiful Boy“ ein schlechter Film ist, keineswegs. Während Steve Carell seine Rolle solide spielt, bringt Shootingstar Timothée „Call Me by Your Name“ Chalamet den gequälten Sohn auf den Punkt. Seine Performance, zwischen Lachen und Tränen, Agonie und Ekstase, trägt den Film über weite Strecken. Und da ist neben der souveränen Kamera auch der fantastische Soundtrack, der die spannendsten Facetten der 90ies zusammenfasst: Mogwai, Massive Attack, Amon Tobin oder Nirvana treiben die Bilder voran.

Filmstill aus "Beautiful Boy"

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Problemfilme nach ähnlichem Strickmuster

Wenn am Ende von „Beautiful Boy“ ein Infotext über Crystal-Meth-Abhängigkeit in Amerika abrollt, inklusive einem Verweis auf Hilfsorganisationen, dann hat das durchaus seine Berechtigung. Es verleiht dem Film aber gleichzeitig eine deutlich erzieherische Komponente, die man vom belgischen Kinorebell Felix Van Groeningen in dieser Form nicht erwartet hätte.

Auch vor dem Abspann von „Boy Erased“ flimmern Textpassagen in aufklärerischer Funktion. Der Film, der am 21. Februar als „Der verlorene Sohn“ bei uns anläuft, behandelt dabei ein gänzlich anderes, aber ebenso aufwühlendes Thema. Im Mittelpunkt steht Jared (Lucas Hedges), ein religiöser Junge, dessen Vater Marshall (Russell Crowe) als Baptistenprediger die dominante Persönlichkeit im Haushalt ist, während Mutter Nancy (Nicole Kidman) als stiller Ruhepol fungiert.

Die Idylle der konservativen Familie, die im ländlich-tristen Arkansas wohnt, wird durch das sexuelle Erwachen des Sohns nachhaltig erschüttert. Jared, so sehen es seine Eltern, scheint vom Dämon der Homosexualität besessen. Um den verstörten Buben wieder auf den „rechten Weg Gottes“ zu bringen, weisen ihn Marshall und Nancy in ein christliches Umerziehungscamp ein. Eine grausam anmutende Praktik, die in fundamentalistischen US-Kreisen aber gang und gäbe ist - und nach außen hin tatsächlich als Therapie verkauft wird.

Filmstills aus Boy Erased

Universal

Warnende Botschaften am Ende

So unterschiedlich die Stories von „Boy Erased“ und „Beautiful Boy“ sind, erweisen sich beide doch als klassische Problemfilme nach einem ähnlichen Strickmuster. Auch ersterer setzt auf bewusste Reserviertheit in der Machart. Dabei hat der Schauspieler Joel Edgerton, der bei „Der verlorene Sohn“ zum zweiten Mal im Regiestuhl sitzt, mit seinem Debütstreifen wirklich gefesselt. Der kleine, subtile Thriller „The Gift“, in dem er auch in einer Hauptrolle für Gänsehaut sorgt, bleibt einem im Gedächtnis.

Von „Boy Erased“ kann das der Schreiber dieser Zeilen leider nicht behaupten. Joel Edgerton, der auch als christlicher Lagerleiter mitwirkt, übertreibt es mit dem Understatement noch entschieden mehr als Felix Van Groeningen. Flashbacks benutzt er dabei ebenso wie sein belgischer Regiekollege - immer wieder springt der Film von Szenen, die Jared noch als Musterschüler inmitten seiner Community zeigen, zum Horror des Bibelcamps - aber ihr Einsatz wirkt bieder.

Wenn dann, vor dem Verlassen des Kinos, noch die erwähnten Schrifttafeln zu sehen sind, die von der grimmigen Realität der Umerziehungslager berichten, weiß man endgültig: Diese Filme meinen es gut mit ihren Botschaften. Sie warnen vor Drogenmissbrauch und pervertierter Religiösität und bieten den vielzitieren Diskussionsanstoß, mit dem Programmkinos manchmal werben. Aber mitreißend sind sie nur bedingt, vor allem „Boy Erased“ schwächelt gewaltig.

Filmstills aus Boy Erased

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Mir fällt ein Diskurs ein, den Bret Easton Ellis einmal anzettelte. Mir ist ein böser Film zehnmal lieber, meinte der cinephile Autor sinngemäß, der formal fasziniert, als ein fader Streifen, der politisch korrekt ist. Niemals, formuliert es Easton Ellis, darf die Ideologie über die Ästhetik triumphieren. Das mag hart klingen, aber im Fall dieser beiden düsteren Bubenfilme kann man sich diese Sätze schon mal durch den Kopf gehen lassen.

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