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Screenshot aus "Spinnortality"

James Patton

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Der schöngeistige Mathematiker

Der junge Games-Entwickler James Patton hat englische Literatur und interaktive Medien studiert. Jetzt ist „Spinnortality“ erschienen, sein erstes kommerzielles Game. Wir steigen darin durch kluge Manipulation zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt auf.

Von Robert Glashüttner

Das Auftreten von James Patton ist durch und durch britisch: zurückhaltend, aber selbstsicher, auffallend höflich und gut gekleidet, ein kleines bisschen spröde, jedoch nie um einen auflockernden Scherz verlegen. Bei den monatlichen Game Dev Meetups in Wien, einer beliebten Anlaufstelle für gerade startende als auch erfahrene österreichische ComputerspielentwicklerInnen, sticht James mit seinen Freizeitanzügen und seiner ungewöhnlichen Körpersprache stets heraus - selbstverständlich, ohne es darauf anlegen zu wollen.

„Spinnortality“ ist für Windows, Mac und Linux auf Steam und Itch erschienen.

Den aus London stammenden James Patton hat die Liebe vor circa fünf Jahren nach Österreich gebracht - seine Freundin hat er in einem Adventure-Games-Fan-Forum kennengelernt. Ungefähr so lange reicht auch sein eigener Games-Output zurück - zumindest jener, der auf seiner Website zugänglich ist. Menschliche Abgründe in unterschiedlichen Ausformungen sind ein wiederkehrendes Thema, die Spiele tragen Namen wie „Inferno“, „Vigilance“ oder „Regression“. In „Masques and Murder!“ üben wir als adelige Frau in der Renaissance Rache an den Mördern unserer Familie. Obwohl das alles ziemlich düster klingt, sind das zwinkernde Auge und der selbstreflexive Bruch nie weit entfernt.

Cyberpunk Management

James hat für einen Computerspielentwickler eine ungewöhnliche Ausbildung hinter sich: Er hat englische Literatur und interaktive Medien studiert, aber schon als Kind auch Programmieren gelernt. Dementsprechend hat er zusätzlich zu seiner humanistischen Ausbildung eine starke Affinität zu Mathematik und Systemen.

Screenshot aus "Spinnortality"

James Patton

Nun ist sein erstes kommerzielles Game fertig: „Spinnortality“ – ein Management-Spiel, bei dem wir Medien, Länder und Kulturen manipulieren müssen, um unseren Konzern zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt zu machen. Bereits das Setting an sich ist ein gelungener Kommentar auf den sich zuspitzenden Spätkapitalismus mit seinen Demokratieproblemen und dem scheinbar nicht mehr stoppbaren Einfluss einiger weniger Riesenkonzerne.

James kann und will erzählen: Viele unserer Entscheidungen in „Spinnortality“ werden durch E-Mail-Konversationen vorangetrieben, in denen uns auch die Konsequenzen unseres Handelns vor Augen geführt werden. Spielerisch jedoch jonglieren wir Balken und Werte, perfektionieren Statistiken und passen Systeme aufeinander an. Dieses an sich trockene Gameplay ist einerseits dem Pragmatismus geschuldet, dass das Spiel nur von einer Person alleine entwickelt worden ist. Doch James Patton entscheidet sich auch bewusst für diese Art von Spiel: Er liebt es, wenn Systeme ineinandergreifen. Außerdem ist die abstrakte Darstellung der teilweise immens niederträchtigen Handlungen im Spiel eine gute Analogie zum klassischen Schreibtischtäter. Hätte er nicht Literatur und Medien studiert, so James im FM4-Interview, wäre er wahrscheinlich bei der Mathematik gelandet.

Screenshot aus "Spinnortality"

James Patton

Guter Start

„Spinnortality“ hat vor rund einem Jahr eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne absolviert und darüber hinaus auch öffentliche Förderungen erhalten. James Patton ist dafür sehr dankbar und hat sich dementsprechend ins Zeug gelegt. Seit 1. Februar ist sein aktuelles Spiel für Windows, Mac und Linux auf Steam und Itch erhältlich. Die User-Reviews sind größtenteils positiv, was in erster Linie Pattons unkonventioneller Feder geschuldet ist sowie seiner Liebe zu Systemen gekoppelt mit dem Händchen für Medien und gute Geschichten. Der britische Gamedesigner Alexis Kennedy („Sunless Sea“, „Cultist Simulator“) bringt es in seiner Steam-Review treffend auf den Punkt:

„The systems have more nuance than it looks. I thought there was an obvious victory path, then I realised there was another obvious victory path, then I realised I was wrong again. The narrative throws some unexpected punches, the writing is terse, effective and often thoughtful, and I sunk a lot of hours in without realising it. Give it a try, and watch for whatever Patton does next.“

Das FM4-Interview mit James Patton in voller Länge:

FM4 Interview mit dem Games-Entwickler James Patton

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