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Der Hafen von Ramsgate

Robert Rotifer

ROBERT ROTIFER

Im Junk-Folder nichts Neues

Wenn Thom Yorke Brexitannien mit den „frühen Tagen des Dritten Reichs“ vergleicht und die Zeitungen von „Blut auf den Straßen“ schreiben, darf man schon einmal ein bisschen Schlaf verlieren.

Von Robert Rotifer

“Die Welt wundert sich: Wie konnte es nur dazu kommen”, fragte die BBC-Nachrichtenmoderatorin, „dass ein ehemals reiches Land zu so einem Irrenhaus wird?“ („basket case“, eigentlich „Irrer“ aber auch pars pro toto verwendbar)

Sie sprach über Venezuela, was sonst?

Es überrascht mich zwar nicht mehr sonderlich, mitzuverfolgen, wie einem Land seine ganze self-awareness abhanden kommt (das kannte ich schon von meinem Ski-Weltmeister-Feinkostladen-Europas-Geburtsland her zur Genüge), aber in meinem mittellangen bisherigen Dasein hatte es nicht ganz so schlimme Konsequenzen. Und manche davon sind längst unaufhaltsam, auch wenn sie noch kaum jemand spürt.

Der Guardian hat am Freitag hilfreich eine Art Brexit-Adventkalender des Schreckens veröffentlicht, und während ich das hier schreibe, sind bereits Frachtschiffe aus Großbritannien ins Ungewisse unterwegs, die es nicht mehr bis zur Deadline am 29. März in den Ankunftshafen schaffen, also nicht wissen, unter welchem Status sie ihre Ladung löschen werden.

Als ich das letzte Mal hier einen Blog geschrieben hab, hatte ich gerade meinen Selbstversuch des Antrags auf „Settled Status“ hinter mich gebracht. Das Zertifikat für den erfolgreich eingebrachten Antrag fand ich tags darauf in meinem Junk-Folder.

Das Leben schreibt die schönsten Metaphern manchmal.

Der Settled Status selbst ist jedenfalls immer noch nicht bei mir angekommen. Angeblich kann das bis zu 85 Tagen dauern, und die 1500 case workers des Home Office haben bestimmt schon alle Hände voll zu tun, schließlich sind selbst von den ersten 30.000 Anträgen des Pilotenversuchs noch rund 2700 offen.

Außerdem sollte ich mich nach ersten negativen Erfahrungsberichten vom automatisierten System unerkannter Freiberuflerkolleg_innen wohl glücklich schätzen, dass ich als professionell devianter Geselle bereits so tief in den Bauch der Bestie vorgedrungen bin.

Status BRD

Das weiß ich eh alles.

Und trotzdem schau ich andauernd im Junk-Folder nach.
OCD.
Und dazu noch BRD.
Das ist in Großbritannien mittlerweile ein gängiges Akronym für „Brexit-related depression“.

Aber ehrlich gesagt ist es nicht einmal das, was mich meinen Schlaf kostet, da geistern ganz andere Gespenster durch meinen Kopf. Die Nachrichtensprecherin hatte ja schon grundsätzlich recht mit ihrer Frage, ihr Erstaunen beruhte aber letztlich auf der Unvorstellbarkeit dessen, was in Venezuela passiert. Dabei ist ja die eine Lektion, die uns der Brexit täglich lehrt, dass das Unvorstellbare überall – ja gerade auch „bei uns“ – möglich ist.

Ihr werdet wohl mitgekriegt haben, dass der EU.Kommissionspräsident Donald Tusk hier in Großbritannien zur Hassfigur des fiesen, arroganten Kontinentalen stilisiert wird, seit er vor ein paar Tagen darüber sinnierte, welcher spezielle Platz in der Hölle für jene reserviert sei, die den Brexit beworben hätten, „ohne selbst eine Skizze eines Planes zu haben.“

Eine Charakterisierung, von der sich offensichtlich ein Großteil der Brexitiere ertappt fühlt, wieso wären sie sonst so beleidigt? Es ist ja auch unwahr, denn Skizzen von Plänen gibt es in Großbritannien heutzutage fast so viel wie Papierservietten, auf die man sie kritzeln könnte.

Der Hafen von Ramsgate

Robert Rotifer

Vorgestern zum Beispiel hat die britische Regierung den Vertrag mit einer Firma namens Seaborne annulliert, die im erwarteten Fall der Überforderung des Hafens Dover für 14 Millionen Pfund öffentlicher Gelder von Ramsgate nach Ostende und zurück hätte fahren sollen. Das Problem war nicht nur, dass die von einem Serienbankrotteur gegründete Firma über keine Schiffe verfügt bzw. auf ihrer Website als Terms & Conditions die Geschäftsbedingungen eines Takeaway-Restaurants anführte, sondern auch, dass der seit Wochen mit Baggerschiffen eigens für diese Schnapsidee vertiefte, hübsche kleine Hafen von Ramsgate jenseits seiner Verwendung als Marina für Freizeitboote auf Kostengründen von der Gemeindeverwaltung eingemottet werden soll.

Man ahnt, da angelte die halb zu Tode gesparte Gemeinde nach Geld, vermutlich half sie der Regierung damit auch beim Beschluss ihrer Absage, denn Geld für Gemeinden gibt’s keines, sonst fragen dann alle, und wo kämen wir da hin.

Der chronisch glücklose Verkehrsminister Chris Grayling, Spitzname „Failing Grayling“, der schon in früheren Ressorts Verwüstung anrichtete (als Justizminister privatisierte er die Bewährungshilfe, mit desaströsen Folgen), hatte sich in seinen sonnigen Prognosen – wie viele andere Brexitiere – bisher immer auf Jean-Marc Puissessau, den Hafenmeister von Calais berufen, der meinte, sein Betrieb sei allen Herausforderungen gewachsen.

Dass Grayling hinter seinem Rücken sicherheitshalber gleichzeitig mit anderen Häfen wie Ostende Ausweichrouten sondierte, betrachtete Puissessau allerdings als „respektlos“ und hat den britischen Verkehrsminister daher persönlich aus dem Hafen Calais verbannt.

Project „After“

Es zeichnet sich ab: Die Dinge werden sehr kompliziert für Großbritannien.

Aber man hat mir vorgeworfen, dass ich in meinen Blogs hier manchmal zu technisch werde. Den Brexitieren könnte sowas niemand vorhalten, deswegen sind sie ja auch so populär.

Einer ihrer größten Hits ist zum Beispiel die Behauptung, Großbritannien könnte unter Welthandelsorganisationsregeln genauso weiter handeln wie vorher, nur besser, denn erstens wird nach einem Abschaffen aller Zölle und Handelsschranken überhaupt für Konsument_innen alles viel billiger, und wer Chlor-gebleichtes Huhn haben will, soll es haben.

Der auf solche Weise flugs ruinierte Landwirtschaftssektor und der verbleibende Rest der Industrie sind eh entbehrlich. Dazu noch die Körperschaftssteuer runterkürzen, und fertig ist das, was regierungsintern angeblich „Project After“ heißt. Deutschsprachige werden diesen Codenamen richtig als „alles im Arsch“ zu interpretieren wissen.

Von diesem improvisierten Irrsinn abgesehen würde das Vereinigte Königreich jene vierzig Handelsabkommen, die es als Teil der EU mit dem Rest der Welt unterhält, übrigens gern einfach in seine neue Unabhängigkeit mitnehmen (Wie das mit dem radikalen Abschaffen aller Zölle zusammengeht, fragt kaum einer. Alles Details, wer will Details hören? Get on with it!).

In der Zwischenzeit hat Japan die britische Notlage bereits als Chance erkannt, sich bei dem nun wesentlich kleineren Verhandlungspartner ein bisschen bessere Bedingungen abzuschnorren. Wer hätte das gedacht?

Zumindest nicht jener Minister für Internationalen Handel Liam Fox, dessen eigene Verhandler_innen laut einem Bericht des Independent kleinere Länder wie Ghana, Kenya, Mauritius, die Elfenbeinküste, Namibia und Swaziland mit der Androhung hoher Einfuhrzölle dazu erpressen zu versuchen, künftige Handelsabkommen zu garantieren, ohne deren Konditionen zu kennen. So macht „Global Britain“ sich beim Rest der Welt beliebt.

Nein, ich weiß auch nicht, wie das mit „Project After“ und den vielzitierten WTO-Regeln zusammengehen soll.
Um es mit Donald Tusk zu sagen: Das einzig Schlimmere als nicht „even the sketch of a plan“ zu haben, sind two sketches of a plan gleichzeitig.

Und ja, auch mir tut von all dem schon der Kopf weh, und ich verstehe die Mehrzahl der Brit_innen, die es dann lieber doch nicht so genau wissen wollen.

Apropos Donald Tusk: Was immer man von ihm politisch oder persönlich hält, einer, der in den 1980ern in Polen im Studentenkomitee von Solidarnosc war und unter Jaruzelski kurzzeitig einsaß, wird sich von Theresa May, Liam Fox und Konsorten auch nicht sonderlich einschüchtern lassen.

Ich frage mich aber auch immer, ob die Leute hier denken, als Pole (genauer gesagt Kaschube, der also darüber hinaus weiß, wie es ist, zu einer ethnischen Minderheit zu gehörten) kriege Tusk nicht mit, wie genau jene, die von ihm zivilisiert höfliches Benehmen erwarten, zuhause gleichzeitig den Hass gegen seine Landsleute schüren.

Ein Beispiel jenseits jeden tagespolitischen Geplänkels:

Neulich gelangte dank aufgebrachter Europäer_innen der Geographie-Arbeitsbogen einer Sekundärschule im englischen Peterborough an die Öffentlichkeit, in dem „eastern European’s“ (sic) mit „selling of drugs, drunks hanging about on the corner of streets“ in Verbindung gebracht wurden. Die Polizei werde öfters geholt, um Streit und „fighting between groups“ zu schlichten. Ältere Menschen trauen sich nicht auf die Straße. In manchen Einfamilienhäusern lebten bis zu 15 Menschen „meaning that rubbish has been building up outside properties causing rats“, was Kinder und ältere Menschen der Gefahr von Krankheiten aussetze.

Ausschnitt aus einem Geographie-Arbeitsbogen einer Schule in Peterborough

The Three Million

„Während es einige Negativa gibt, wurden viele Jobs, die örtliche Leute nicht machen, wie die Arbeit auf Baustellen, Feldarbeit und das Waschen von Töpfen in Restaurants von polnischen Arbeiter_innen erledigt. Es kann von manchen Leuten behauptet werden, dass die polnische Arbeitskraft im Vergleich zur englischen Arbeitskraft verlässlicher, selten krank ist und härter arbeitet.“

Ausschnitt aus einem Geographie-Arbeitsbogen einer Schule in Peterborough

The Three Million

Diese Osteuropäer_innen... Machen die Arbeit, die die Engländer_innen nicht wollen, schuften wie die Streber_innen und finden dabei trotzdem noch Zeit zum besoffenen Herumhängen und Drogendealen.

Anti-polnische Hetze im Geographie-Unterricht

Der Arbeitsbogen gibt den Pol_innen weiters die Schuld an „racial tension“ (eigentlich unübersetzbar wie so vieles im britischen Alltagsvokabular, das früher nur kurios klang und jetzt ziemlich sinister wirkt: „rassische Spannung“?), wegen derer „manche politischen Parteien wie die British National Party“ sich erhöhten Zuspruchs erfreuten.

Die Kosten der Schulbildung für polnische Kinder werden auch als Problem angeführt, sowie höhere Sozialhilfekosten, Druck auf Wohnraumangebot und Gesundheitssystem, sogar Inflation, Verkehrsstaus und die daraus folgende Umweltverschmutzung.

Abgesehen davon, dass in Klassen, die sowas zum Auswendiglernen kriegen, selbstverständlich auch polnische Schulkinder sitzen, ist es glatte Desinformation, widerlegt durch endlos viele Studien, wonach EU-Einwander_innen einen erheblichen Nettobeitrag zur britischen Wirtschaft leisten.

Allein im britischen Gesundheitssystem sind Einwander_innen wesentlich öfter als Krankenpersonal denn als Patient_innen anzutreffen.

Aber es ist kein Zufall, dass die Mythen über Einwanderung die Realität so beharrlich überstrahlen.

Wie der liberaldemokratische Parteichef und ehemalige Koalitionspartner der Konservativen Vince Cable neulich enthüllte, unterdrückte Theresa May als Innenministerin die Veröffentlichung von „bis zu neun Studien“ zu den Auswirkungen der Einwanderung, weil deren Schlussfolgerungen ihr zu positiv klangen.

„Eine Handlung, die den frühen Tagen des Dritten Reichs würdig wäre.“ (Thom Yorke)

Genau dort liegt der schmale Grat zwischen Desinformation und Verhetzung, und solche Zusammenhänge waren gemeint, als Thom Yorke vorgestern auf Twitter schrieb:

„Niemand hat dafür gestimmt, dass ihr die Leben von Millionen Europäer_innen in diesem Land als Pfand für Feilschereien in Frage stellt und dabei immenses Leid und Unwohlsein hervorruft, eine Handlung, die den frühen Tagen des Dritten Reichs würdig wäre.“

Sicher, das klingt ein wenig dick aufgetragen.

Aber wenn einer wie Patrick Cockburn vom Independent, der früher aus so Krisengebieten wie dem Irak oder Afghanistan zu berichten pflegte, für eine Reportage nach Dover fährt und ihm dort „one local observer“ erklärt, beim Brexit-Votum sei es ausschließlich um Immigration gegangen, und wenn ihm darauf ein lokaler Labour-Aktivist versichert, im Falle eines neuen Referendums werde der Zorn aufwallen, bis es „Blut auf den Straßen“ geben werde, dann fragt man sich natürlich:

Wessen Blut?

Und ob das im Falle eines enttäuschenden Brexit oder des prognostizierten nationalen Notstands eines No Deal-Szenarios eigentlich anders aussähe.

Und die möglichen Antworten auf diese Fragen haben dann schon mehr damit zu tun, wo sie herkommt, die Schlaflosigkeit des EU-Bürgers in Großbritannien. Und seine BRD.

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