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Kinder schlagen in Bulgarien

Bulgarien wurde von einer Grippewelle geplagt. Manche Menschen gaben dem Verlust von Traditionen die Schuld daran.

Von Todor Ovtcharov

Bulgarien wurde bis vor einer Woche von einer Grippeepidemie geplagt. In vielen Regionen mussten die Schulen zusperren, Grippeferien wurden ausgerufen. Irgendwer schrieb dazu auf Facebook: „Die Grippewelle ist da, weil die Bulgaren nicht mehr ihre Traditionen ehren. Die da wären: Kinder schlagen, Speck und Zwiebel essen und Schnaps trinken. Stattdessen essen wir Genderfraß wie Avocado, Orangen und Quinoa und wir haben ein Gesetz, das Kinder vor dem Schlagen schützt. Gott hat uns mit der Grippe bestraft, weil wir uns zu sehr europäisiert haben!“

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Vor einigen Tagen reagierte die Bulgarische Orthodoxe Kirche scharf gegen eine neue Strategie des Staates zur Prävention von häuslicher Gewalt. Diese sieht vor, physische Strafen gegen Kinder zu kriminalisieren. Ein Bischof sagte im Fernsehen, dass Watschen zur traditionellen Erziehung gehörten. Auch meine Uroma meinte: „Das Schlagen des Kindes kommt aus dem göttlichen Paradies!“ Ich weiß nicht, ob meine Uroma meinte, dass noch Adam und Eva regelmäßig Kain und Abel geohrfeigt haben. Jedenfalls führte das bei Kain zu nichts Gutem.

“Zuerst all die Mühe, bis man es gebärt, dann die Sorgen bei der Erziehung. Und wenn man es nicht richten kann, dann schlag es mit der Schaufel, wo du nur kannst!“ wird im Song „Schlag dein Kind!“ („Бий хлапето“) der bulgarischen Punkrockband „Kontrol“ aus dem Jahr 1993 gesungen.

Dieses Lied lacht die patriarchale Wahrnehmung aus, dass Gewalt alle Probleme in der Erziehung lösen könne. Von vielen wird es aber missverstanden und eher wörtlich genommen. Was physische Strafen an Kinder angeht, ist die bulgarische Gesellschaft immer noch gespalten. Viele meinen, dass Schläge zur „starken Charakterbildung“ beitragen. Jedes Vergehen verdient eine gerechte Strafe, sagen sie. Dass Schläge nützlich in der Erziehung sind, wird nicht nur auf dem Balkan behauptet. Diese Wahrnehmung gibt es bei vielen Menschen auf der ganzen Welt.

Ich habe eine Bekannte, die in Stockholm lebt. In den Sommerferien bringt sie ihr Kind nach Bulgarien. Eines Tages kam die Kleine weinend nach Hause, nachdem sie gehört habe,wie eine andere Mutter ihren Sohn anschrie: „Vassil, komm schnell her, sonst reiße ich dir den Kopf ab!“

Das Kind, das in Schweden lebte, war sehr besorgt, dass die Mutter Vassil wirklich den Kopf abreißen würde und rief die Polizei. Seitdem will kein Kind mehr mit dem „Schwedenkind“ spielen, da sie Angst haben, verklagt zu werden, wenn sie gegen sie in einem Spiel gewinnen.

Ich kenne auch das Gegenbeispiel. Ich sah einmal einen Vater von einer Bulgarisch-Britischen Familie am Flughafen in Sofia, der zu seinem Kind sagte: “George, we are in Bulgaria now, and you are Georgi now! Be quiet, because I can slap you here!”. Der Vater war sich sicher, dass sich nach dem Überqueren der Grenze auch die Regeln ändern. Was noch mal bestätigt, dass Grenzen keine geographische Linien sind, sondern sich in den Köpfen der Menschen befinden.

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