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Der größte Prodigy-Fan aller Zeiten

Diese Geschichte handelt von einem Freund, der alle Lieder von The Prodigy liebte und sie überall und so laut spielte, wie er nur konnte. Für ihn waren alle, die The Prodigy nicht mochten, konservative alte Leute.

Von Todor Ovtcharov

V wird heute Abend Mozarts Requiem spielen. V spielt Violine im Orchester. Unter V‘s Frack steckt die Seele eines Ravers. Das weiße Hemd und seine Fliege verdecken seine Tattoos. Aber es war nicht immer so.

Als ich ihn kennengelernt habe, in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, war er der größte Prodigy-Fan aller Zeiten. Er liebte alle ihre Lieder und spielte sie überall und so laut er nur konnte. Für ihn waren alle, die The Prodigy nicht mochten, konservative alte Leute. Es gab nur einen einzigen Moment, wo sein Glaube an The Prodigy erschüttert wurde. Sie sollten im Mai 1999 in Sofia auftreten, doch ihr Konzert wurde verschoben.

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Grund dafür waren die NATO-Bombardierungen in Serbien. Eine NATO-Bombe fiel in der Nähe der bulgarischen Hauptstadt. Das Management der Band hatte wahrscheinlich Angst bekommen, dass die nächste Bombe mitten ins Stadion fallen könnte, wo das Konzert stattfinden hätte sollte. V glaubte, dass hinter der Verlegung des Konzerts irgendwelche dunklen Mächte steckten. Denn Prodigy konnten keine Angst vor einer Bombe haben. Sie waren ja die “Firestarter”. “Stell dir vor, was für eine geile Show es wäre, wenn mitten im Stadion eine Bombe fällt! Das wäre ja super ravermäßig”, sagte er. Ich meinte, dass vielleicht die Mitglieder von Prodigy doch Menschen sind und auch Angst vor dem Krieg und vor dem Tod haben.

Doch V war sich sicher, dass alles was Keith Flint brüllt auch die Wahrheit ist. Er hasste mich, wenn ich sagte, dass der Inhalt ihrer Lieder nur Show sei. V glaubte bedingungslos an The Prodigy, so wie seine Eltern bedingungslos an Marx und Lenin geglaubt hatten.

Danach kamen The Prodigy nach Sofia. Ihr Konzert war nichts Besonderes. Sie spielten ihre Lieder und füllten das Stadion mit Lichteffekten. Danach kamen sie noch ein paar mal nach Bulgarien. Aber die Magie war weg. Sie spielten ihre alten Lieder, verwüsteten ihre Hotelzimmer und machten den Eindruck, dass sie sich selbst kopieren. Und auch die Gesellschaft hatte sich verändert. Sich die Nase mit einem Nagel zu piercen war mittlerweile nicht mehr besonderes. Wir gingen aus sentimentalen Gründen zu ihren Konzerten. Keith Flint wurde zu einem kahlen Onkel, dessen grüne Hörner komisch auf dem Kopf standen.

V rief mich neulich an und verkündete mit einer weinerlichen Stimme, dass Keith Flint gestorben ist. „Sein Schaffen, das war er!“, meinte V, der immer noch glaubte, dass die Musik von „The Prodigy“ ihr Lebenskredo wiederspiegelte. Mit dem Mann mit den grünen Hörner war unsere Jugend tot. V wird heute abend Mozarts Requiem mit dem Orchester spielen. Für Keith Flint und für unsere Kindheit.

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