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Lifeball-Bühne im Aufbau

APA/HERBERT NEUBAUER

mit akzent

Wenn Identitäre Rilke rezitieren

Nicht jeder, der in der Nacht auf einer großen Bühne romantische Gedichte vorträgt, hat auch ein sanftes Gemüt.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Auf der Bühne stand ein junger Mann und rezitierte eifrig Rilke. Das sah ein wenig lächerlich aus. In den nächsten Tagen sollte auf dieser Bühne am Rathausplatz der kitschigste „Life Ball“ aller Zeiten stattfinden. Die leere Bühne war pompös dekoriert, mit grellen Schriften und Bildern. Das Gedicht von Rilke kam mir wirklich lächerlich vor. Sogar ein wenig angsteinflößend.

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Ich war der Bühnenbewacher der Nacht. Ich hatte keine Ahnung, was ein Bühnenbewacher tun muss, von der Securityfirma hatte ich keine Minute Schulung be-kommen. Mein Kollege und ich waren die sinnlosesten Arbeiter von Wien. Keiner hatte vor etwas zu stehlen, wir standen die ganze Nacht da, nur damit die Bühne versichert werden konnte.

Und so war ich am Rathausplatz mit dem Securitykollegen, der Rilke vortrug. Es schien, als würde er an seiner Redekunst arbeiten, er fragte mich, wie er auf der Bühne ausschaue und ob ihn das imaginäre Publikum mögen würde. Nach dem Gedicht verbeugte er sich. Das schien mir lustig zu sein. Er forderte mich auf auch ein Gedicht vorzutragen, doch ich wollte nicht. Die einzigen Gedichte, die mir in den Sinn kamen, waren die patriotischen Verse der bulgarischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Das kam mir noch lächerlicher vor. Ich sagte, ich kann keine Gedichte.

Der Kollege war sichtlich an meiner Herkunft interessiert und fragte mich über bulgarische Traditionen aus. Außerdem fragte er mich, ob er als Österreicher in Bulgarien einen Job als Security finden könnte. Ich antwortete, dass das sicherlich gehen würde, ich könne ihm aber nicht weiterhelfen, da ich niemanden in diesem Geschäft kenne.

Vor Tagen erkannte ich das Gesicht des jungen Mannes, mit dem wir die Bühne am Rathausplatz bewacht hatten. Er hatte eine Spende vom Christchurch-Attentäter bekommen. Vielleicht hatte er auch einen Grund sich über das Securitybusiness zu erkundigen. Denn Mitglieder seiner so genannten „Bewegung“ marschieren bei dem bulgarischen neofaschistischen „Lukovmarsch“ mit. Dieser Aufmarsch wurde von den Behörden in Bulgarien verboten, findet aber nach wie vor jährlich statt. Die Neonazi-Gruppierungen aus ganz Europa, die da mitmachen, werden immer mehr.

Ich habe gezweifelt, ob ich diesen Text schreiben soll, denn ich weiß: Was die so genannten „Identitären“ am meisten wollen, ist Werbung. Ich habe ihn doch geschrieben. Denn nicht jeder, der in der Nacht romantische Gedichte rezitiert, hat auch ein sanftes Gemüt.

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