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Loyle Carner

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fm4 artist of the week

Loyle Carner und sein Album „Not Waving, But Drowning”

Die großen Dramen schreibt der Alltag. Der britische Rapper Loyle Carner gibt auch auf seinem neuen Album den Family-Man und schafft doch größere Bilder. Unser FM4-Artist of the Week.

Von Christian Lehner

Viele kennen die Situation: Man sitzt am Strand und beobachtet die Schwimmer*innen. Plötzlich fängt draußen am Wasser jemand mit den Armen heftig zu rudern an. Der Schrecken ist groß. Ist da wer am Ertrinken oder bloß am Winken? Einen Moment ist man irritiert, bevor sich die Situation hoffentlich in Wohlgefallen auflöst und jemand am Strand zurückwinkt.

Cover - Loyle Carner "Not Waving, But Drowning"

Caroline International

„Das Foto hat meine Freundin geschossen“, erzählt Loyle Carner. Wir diskutieren über das Cover seines neuen Albums „Not Waving, But Drowning“. Es zeigt Loyle im Meer treibend. Er scheint freundlich in die Kamera zu winken. Aber ist die Szene tatsächlich so easy?

Kochen statt Prahlen

„Ein Thema des Albums ist der Unterschied zwischen Sein und Schein“, sagt Loyle. „Viele denken, dass ich jetzt im Geld schwimme, nachdem ich ein wenig erfolgreich bin, aber tatsächlich schwimme ich im Stress. Mich plagen noch immer die selben Ängste wie früher.“ Mit „ein wenig erfolgreich“ meint Carner sein Debütalbum „Yesterday’s Gone“. Es ist vor zwei Jahren erschienen. Grime, die grimmige UK-Variante des Gangsta-Rap, regierte die lokalen Hip-Hop-Turfs. Coyle überraschte mit ungewohnt smoothen Sounds und einfühlsamen Raps über Familie und Freunde und war damit ein wenig mehr als ein „wenig erfolgreich“.

Loyle Carner in Berlin

Christian Lehner

Loyle Carner beim FM4-Interview in Berlin

Wo der Fantasy-Rapper Sprechblasen mit Muckis baut, herrschen bei Loyle Carner Bescheidenheit und Realismus vor. Seine im Duktus der Spoken-Word-Poetry vorgetragenen Raps über das Leben in Süd London handeln von den großen kleinen Momenten des Alltags. Wir hören Loyle mit seiner Mutter über das Fluchen diskutieren. Wir erleben die Freude, als die englische Nationalmannschaft bei einem Turnier endlich einmal ein Elferschießen gewinnt. Wir sorgen uns, wenn im Nacken ein Lymphknoten anschwillt, Loyle aber doch nicht zum Arzt geht. An einer anderen Stelle lamentiert der Hobbykoch den Tod des berühmten Chefs Antonio Carluccio und fürchtet nach einem Streit den Verlust seiner Freundin.

„Es sind Kitchen-Sink-Dramen“, erzählt Loyle und bezieht sich damit auf eine britische Kunstrichtung der späten 1950er-Jahre, die das Häusliche in den szenischen Mittelpunkt rückte. Aus dieser Zeit stammt auch der Titel seines neuen Albums. Loyle hat sie in einem Notizbuch seines verstorbenen Großvaters gefunden. Der wiederum hatte die Poetin Stevie Smith und ihr berühmtestes Gedicht „Not Waving, But Drowning“ zitiert.

Loyles Opa war die einzige männliche Bezugsperson in der Familie. Der leibliche Vater hatte die Mutter kurz nach der Geburt verlassen. Der Stiefpapa war Musiker, verstarb aber früh. In der Schule musste sich der schwarze Junge einer weißen Familie seltsame Fragen nach Herkunft und Hautfarbe anhören. Trotz Rückschläge gab ihm die Familie Halt. „Das Verhältnis zu meiner Mutter war wie zu einer Schwester“, erzählt er im Interview. „Meine Großmutter nahm eine wichtige Rolle in der Erziehung ein. Ich verdanke Frauen sehr viel.“

Logo des FM4 Interview Podcasts

radio fm4

Hört hier den FM4 Interview Podcast mit Loyle Carner.

Bereits im Kindesalter wurden bei Loyle Legasthenie und ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, Anm.) diagnostiziert. Dass er diesen Handicaps mit Humor begegnen kann, demonstrierte der heute 24-Jährige mit der Wahl seines Künstlernamens. So wurde aus dem Kid Benjamin Coyle-Larner in einer Wortverdrehung der Rapper Loyle Carner.

Rappen habe ihm geholfen, einen Fokus zu finden, so Carner. Seine Mutter, eine Lehrerin, hat ihm das Kochen beigebracht. Seit vier Jahren betreibt Loyle eine Kochschule für Kids mit ADHS. Der Name: „Loyle Con Carner“. Ein Song am Album trägt jenen des israelisch-britischen Koches Yotam Ottolenghi, einem Freund. Die Entstehung des Songs ist typisch für Loyle Carner. „Ich bin im Zug gesessen und hatte „Jerusalem“ dabei, das Kochbuch Ottolenghis. Eine Frau mit Kind hat es gesehen und mich auf diese „Bibel“ angesprochen. Draußen regnete es und das Mädchen fragte seine Mutter, ob die Sonne jemals wieder scheinen würde. Diese Konversation hatte bei mir eine ganze Reihe von Assoziationen geweckt, der Song hat sich quasi von selbst geschrieben."

Nu British Soul

Loyle Carner möchte kein „Sad Sack“ sein. „Meine Stücke klingen etwas melancholisch, weil sie reflektiv sind“, sagt er. „Selbst wen ich gut gelaunt bin, hört es sich immer ein wenig traurig an, aber für mich ist das ganz normal.“ Mit seinem Hang zur Sanftmut zählt Loyle Carner zu einer neuen Generation von Soul- und R’n’B-Künstler*innen im UK.

Nach Jahren der digitalen Abstraktion und Zerstückelung von Soul durch Artists wie FKA twigs und James Blake, kehren Sänger*innen wie Sampha, Jordan Rakei, Jorja Smith und Tom Misch zurück zu traditionelleren und linearen Formen von Soul und Jazz. Sie alle sind auf Loyle Carners Album als Feature-Gäste präsent. Auch die Musikteppiche von Loyle Carner erinnern an eine Zeit vor dem Brexit: Acid-Jazz und Trip Hop standen in den 1990er-Jahren für ein weltoffenes England, das seinen kulturellen Pluralismus feierte, während der heute in Verruf geratene Britpop sich bereits damals in eine chauvinistische Inselmentalität zurückspielte.

Unter diesen Gesichtspunkten ist das Cover-Foto der neuen Platte - so wie alle guten Cover-Bilder - auf mehreren Ebenen lesbar. Winken oder Ertrinken? Da ist die persönliche Geschichte von Loyle Carner, der mit Erwartungshaltungen und Provider-Druck zu kämpfen hat. Es könnte sich aber auch um das Symbolbild eines Geflüchteten im Mittelmeer handeln, der von einem Europa der Satten und Ängstlichen in Stich gelassen wird. Oder ist es doch eine Insel, die uns stolz patriotisch zuwinkt, während sie im Chaos versinkt? „Not Drowning, But Waving“ erscheint am Freitag, den 19.4.2019, auf AMF Records (via Caroline International).

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