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Trash und Dystopie in „Miami Punk“ von Juan S. Guse

Miami Punk von Juan S. Guse ist ein schillerndes Referenzfeuerwerk aus Game-, Nerd-, Trash- und Popkultur. Und noch viel mehr.

Von Daniel Grabner

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Juan S. Guse mit seinem Debütroman „Lärm und Wälder“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Darin verfallen die Bewohner einer argentinischen Gated Community in eine klaustrophobisch-paranoide Alarmbereitschaft, echte Bedrohung ist von der eingebildeten nicht mehr zu unterscheiden, auch für den Leser nicht. Diesem uneindeutigen Vorspiel zur Katastrophe folgt nun ein Roman, der nach einer Katastrophe spielt. „Miami Punk“ heißt Guses zweiter, sehr merkwürdiger Roman, der vor kurzem erschienen ist. Auf einschüchternden 635 Seiten lernen wir ein etwas anderes Miami einer nahen, nicht ganz so rosigen Zukunft kennen.

Schon wieder Weltuntergang

Der Atlantik vor der Küste hat sich auf mysteriöse Weise zurückgezogen, die Stadt befindet sich dadurch in einer wirtschaftlichen Krise. Da, wo vor der Küste Miamis früher das Meer war, rosten jetzt U-Boote, Ozeandampfer und Kriegsschiffe in einer neuen Wüste vor sich hin. Längst haben sich dort zwei vorherrschende Wüstenstämme etabliert, die das Gebiet unter sich aufteilen. Einer der beiden Stämme entstand aus der Besatzung eines gestrandeten japanischen Kriegsschiffes, deren Kapitänin ein Fan der Science Fiction Epos „Dune der Wüstenplanet“ ist, und nach dessen Vorbild versucht, die Wüste bewohnbar zu machen.

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„Miami Punk“ von Juan S. Guse ist im S. Fischerverlag erschienen.

Ein schillernder, unvorhersehbarer Roman

Miami selbst leidet neben Trinkwasserknappheit, Trockenheit und der Massenarbeitslosigkeit an einer ebenso unerklärlichen Alligatorenplage. Die „Missies“ wie die Alligatoren genannt werden, breiten sich wie Ratten in der ganzen Stadt aus. Weil die Behörden überfordert sind, haben sich zahlreiche konkurrierende Ringervereine gegründet, die die Aufgaben von Einsatzkräften übernehmen, aber die meiste Zeit in hautengen Spandexanzügen Alligatoren in Vorgärten, Supermärken und Restaurants niederringen. So weit, so absurd.

Miami Punk ist eine wahnwitzige Ansammlung der schillerndsten Motive aus der Trashkultur: Luftschlachten zwischen Zeppelinen über der Stadt, Pizzalieferanten deren Lieferautos wie Jets auf Flugzeugträgern mit einem Gummiband katapultartig in den Verkehr geschleudert werden, Jugendliche, die mit gekaperten Baumaschinen Kämpfe austragen, illegale Pilger, die sich aufmachen, um das neue Land jenseits der Wüste zu besiedeln. Auf weiten Strecken macht der Roman sehr viel Spaß, gibt sich aber nie mit bloßen Zitaten aus der Trashkultur zufrieden.

Trash und Dystopie

Juan S. Guse verwendet diesen recht unüblichen Referenzraum aus Trash, Nerdculture und Pop, um sich mit Themen wie Klimawandel, Flucht und Kapitalismus zu beschäftigen. Vor allem das Thema Arbeit zieht sich durch den Roman: Schon relativ zu Beginn gibt es eine Szene, in der die Sortiererinnen der Zentralversteilungsstelle der Post beschrieben werden: „Einige unterhalten sich über die Zukunft ihrer Arbeit und über die Automatisierung der Branche.“ Später im Roman tötet ein intelligenter Roboter (namens H.C. Rachael) einen Paketboten. In einem riesigen Verdrängungsakt gehen die arbeitslosen Hafenarbeiter trotzdem noch täglich zur Arbeit, auch wenn keine Schiffe mehr kommen, machen sie einfach weiter, während ihre Briefkästen vorm Haus voller ungeöffneter Mahnschreiben sind. Ist der Briefkasten voll, wird einfach ein zweiter daneben aufgestellt.

Guse packt diese Themen in viele absurde und überzeichnete Miniplots, aus jedem davon könnte man einen eigenen Roman, einen eigenständigen Film, ein Comic oder ein Game machen.

Indiegames und Counter Strike

In diesem Setting lernen wir die Indiegame-Programmiererin Robin kennen, die an einem avantgardistischen Game namens „Elend der Welt“ arbeitet. Ihre Freundin Daria versucht in der ominösen, staatlichen „Behörde 55“ Erklärungen für den Zustand der Stadt zu finden und Robins Cousin Lint geht allabendlich zu den Vorlesungen des „spiritualistischen Kongresses“, ein zivilgesellschaftlich organisierter Thinktank zwischen Pseudowissenschaft und Esoterik mit Seminaren wie z.B. „Zur objektivhermeneutischen Analyse des Polizeifunks“. Auch dieser Kongress versucht die Geschehnisse in Miami irgendwie zu deuten.

Eine unvollständige Auswahl der Gamereferenzen von Miami Punk:
- Final Fantasy X
- Half-Life
- Counter Strike
- Pokémon
- Quake
- Starcraft
- Mine Sweeper
- Runescape
- Solitär
- Secret of Mana
- GTA
- Tetris
- Age of Empires 2
- Sim City
- Die Sims
- Overwatch
- Super Mario Smash Bros.
- Bethesda Games
- Second Life

Einen weiteren Handlungsstrang bildet die Geschichte um eine in die Jahre gekommene E-Sportsgruppe aus Wuppertal, die Miami besucht, um am letzten internationalen Counter Strike - Turnier der längst veralteten Version 1.6 teilzunehmen. Gerade diese Parts sind sehr genau recherchiert. Guse implementiert in Miami Punk nicht nur eine Kulturgeschichte des Firstperson Shooters, sondern taucht tief in die Gamingszene ein. Neben präzisen spielmechanischen Überlegungen machen sich seine Charaktere auch immer wieder kulturwissenschaftlich angehauchte Gedanken zu Counter Strike und vielen anderen Games (grob geschätzt werden mindestens 25 Games aus den letzten 25 Jahre erwähnt), in Essays, die auszugsweise im Roman zitiert werden oder in Gesprächen untereinander.

Ein gegenderter Roman

Auch formal wagt Guse einiges. Faksimiles von Counterstrike-Übersichtsmaps, eine Einleitung einer literaturwissenschaftlichen Dissertation inklusive Fußnoten und Tagebucheinträge eines Pilgers sind in den Roman montiert. Drei Kapitel kommen ganz ohne Leerzeichen aus, was das Lesen zu einer eher quälenden Aufgabe macht. Vor allem angesichts der schwachen „Pointe“ am Ende dieser Kapitel – sie stellen sich als elendslange Webadressen heraus und enden mit „.com“. Bemerkenswert ist, dass Guse fast durchgehend gendert. Beim Plural von Nomen mit generischem Maskulinum verwendet er abwechselnd die männliche und die weibliche Form. Etwas, das zu Beginn auffällt, sich dann aber schnell dem Lesefluss unterordnet.

Ratlosigkeit über das Leben in der Katastrophenstadt

Die Genauigkeit und Vielschichtigkeit, mit der er seine Figuren und deren Ratlosigkeit über ihr Leben in einer Katastrophenstadt zeichnet, machen die Probleme dieses fiktiven Miamis als Probleme unserer Zeit identifizierbar. Miami Punk erzählt weniger eine durchgehende Geschichte, vielmehr erschafft Juan S. Guse eine detaillierte, überzeichnete Welt. Stellenweise wünscht man sich doch etwas mehr Handlung. Spaß macht „Miami Punk“ trotzdem noch jede Menge. Es wirkt fast so, als hätte sich Guse vorgenommen, alle literarischen Trendvorgaben programmatisch über den Haufen zu werfen. „Kill your Darlings“ heißt es ja bekanntlich beim Schreiben, in Miami Punk sind all die Darlings geblieben.

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