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Filmstill aus "Inland"

Ulli Gladik

„Inland“ - ein Filmporträt von Heimatparteiwähler*innen

Ulli Gladik portätiert in ihrem Film „Inland“ drei FPÖ-Wähler*innen. Das Ergebnis: Ein mutiger Film, der über die sogenannte Spaltung der Gesellschaft hinweg kommuniziert.

Von Anna Katharina Laggner

Sie wisse nicht, wie es in jugoslawischen Cafés sei, aber hier seien eigentlich alle blau, sagt die Kellnerin. Nur, fügt sie mit vorwurfsvollem Ton hinzu, bei der Wahl würden dann all die, die vorher laut für den Strache und gegen die Ausländer waren, ersteren eben nicht wählen. Wieso diese Scheu?, fragt sie.

Ähnliche Erfahrung hat auch Ulli Gladik gemacht: Sie war bei Veranstaltungen der FPÖ und hat Unterstützer*innen angesprochen, diese später zu längeren Gesprächen getroffen und als Protagonist*innen für ihren Film gewonnen. Als es dann an die konkrete Realisierung ging, sind ihr alle bis auf eine Person wieder abgesprungen. Besonders schwierig war es, Frauen zu finden.

Szenenbild aus dem Film "Inland"

polyfilm

Woher die Kellnerin weiß, dass die, die vorher für „den Strache“ waren, dann in der Wahlkabine kneifen, erfährt man nicht. Vielleicht wird es danach aber ebenda, in diesem kleinen, verrauchten Café in Ottakring, besprochen. Es ist eine Blase, in der alle glauben, man könne nichts anderes sein als gegen Ausländer (niemals gegendert!) und enttäuscht von der EU, die uns nichts anderes als ein (übrigens seit zehn Jahren aufgehobenes) Gurkenkrümmungsgebot gebracht habe.

Die eigene Blase verlassen

Mit „Inland“ hat Ulli Gladik ihre Blase verlassen, wie es überhaupt ihre Art ist, sich Phänomenen zuzuwenden, die sie nicht versteht, die ihr fremd sind, von denen sie annimmt, dass sie der Gesellschaft nicht nur Gutes bringen. Das war bei ihrem ersten Film „Natasha“ so, als sie an einem der Höhepunkte der menschenunwürdigen Bettler*innen-Diskussion in Graz eine Bettlerin aus der Slowakei porträtierte. Es war auch bei „Global Shopping Village“ so, als sie sich multiperspektivisch dem Thema Konsum und Kaufrausch näherte. Und nun also die FPÖ.

Es sei ihr äußerst unangenehm gewesen, sagt Ulli Gladik, wie unerbittlich die Diskussionen während der sehr lang gezogenen Bundespräsident*innen-Wahl im Jahr 2015 in den sozialen Medien gelaufen wären. „Inland“ ist dann vor und nach der Nationalratswahl 2017 entstanden.

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Das ganze Interview mit der Regisseurin Ulli Gladik gibt es im FM4 Interviewpodcast.

3 FPÖ-Wähler*innen im Porträt

In „Inland“ werden drei FPÖ-Wähler*innen porträtiert: Die eingangs erwähnte Kellnerin, die das Stimmungsbild ihrer Gäste vermittelt. Ein Bediensteter der Stadt Wien, der in Favoriten lebt, einem Bezirk, der sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert hat: von einem Arbeiter*innen zu einem Einwanderungsbezirk. Türkische Supermärkte statt Greisslereien, Kebab statt Beisl, viele unterschiedliche statt nur einer Sprache. Er wünscht sich eine Politik für Österreich, „im wahrsten Sinne des Wortes“.

Wie sich später herausstellen wird, geht Christian selbst zu einem türkischen Friseur – der schneidet besser und ist billiger – und hat als Kind Diskriminierungserfahrungen gemacht. Seine Muttersprache war Tschechisch, in der Schule ist er aber geschlagen worden, wenn er nicht Deutsch gesprochen hat.

Und dann ist da noch Alexander, der in einem Wohnheim der Stadt Wien lebt, HC Strache und Norbert Hofer bewundert bis anhimmelt und seit Jahren vom österreichischen Sozialsystem aufgefangen wird. Dass Leistungen, die für „Ausländer“ gestrichen werden, auch ihn betreffen würden, würde er in Kauf nehmen.

Filmstill aus "Inland", FPÖ Veranstaltung

Ulli Gladik

Aufzeigen einer Ambivalenz

„Inland“ zeigt teils absurd widersprüchliche psychologische Phänomene auf und dokumentiert eine Politik, in der die Schwachen gegen die Schwächsten aufgebracht werden. Der Film handelt von Unzufriedenheiten, von Rat- und Sprachlosigkeit, von Enttäuschung. Im Café in Ottakring werden aber auch, ganz konkret, Mietpreissteigerungen und der Druck am Arbeitsmarkt besprochen und nicht zuletzt die SPÖ, die keine adäquaten Antworten mehr findet.

Dass Ulli Gladik und ihr kleines Filmteam das dokumentieren können, ist auf die Beharrlichkeit der Regisseurin zurückzuführen. Aber auch auf ihre Haltung. Sie will etwas verstehen, will Ambivalenz aufzeigen, will wissen, wo Worthülsen wie „Sicherheit für unsre Leut“ ankommen. Aber sie führt niemanden vor, eine aufrichtige Haltung hat sie auch gegenüber ihren Protagonistinnen und Protagonisten.

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