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Waverider der U.S. Airforce

U.S. Airforce

Erich Moechel

Rüstungsspirale um Hyperschallwaffen dreht sich schneller

Die USA haben ihr Defensivkonzept überraschend wieder verworfen. Fast alle neuen Forschungsgelder wurden für die Entwicklung von Angriffswaffen umgewidmet.

Von Erich Moechel

Die Militarisierung des Weltalls ist zwar vorerst abgeblasen, denn die USA haben ihre weltraumbasierten Verteidigungspläne gegen Hyperschallraketen überraschend wieder ad acta gelegt. Die Rüstungsspirale dreht sich trotzdem beschleunigt weiter, denn das Pentagon setzt nun voll auf die Entwicklung von Angriffswaffen mit Hyperschallantrieb.

Im Budget der „Missile Defense Agency“ sind für das laufende Fiskaljahr denn auch 2,6 Milliarden US-Dollar für die Entwicklung von Marschflugkörpern und sogenannten „Glidern“ eingeplant, nur etwa 160 Millionen wurden für die Abwehr zugeteilt. Die Gründe für diesen Strategiewechsel sind - nicht ganz unerwartet - technischer Natur.

Illustration eines Gliders

U.S. Airforce

Während die Hyperschall-Cruise-Missiles der herkömmlichen Waffengattung ziemlich ähnlich sehen, sind die Glider ein völlig neuer Projektiltypus, der eine völlig erratische Flugbahn zieht. Das Titelbild zeigt einen neuen Protoyp der X-51 Serie von hyperschnellen Cruise Missiles. Sämtliche Testflüge der letzten zehn Jahre davor hatten mit dem Absturz des Prototyps geendet.

Strategiewechsel wegen Aussichtslosigkeit

Bis zum Jahreswechsel war noch die Stationierung von Abwehrraketen im All geplant, um die Transportraketen der Glider noch im Steigflug abzuschießen

Der Strategiewechsel hatte sich erstmals Ende März deutlich abgezeichnet, als die für das Programm zuständigen Direktoren des Pentagon offen erklärten, dass eine Verteidigung gegen diese neue Waffengattung mit aktuell verfügbarer Technik nicht möglich sei. Man setze daher vorerst einmal auf Angriffswaffen, Maßnahmen zur Verteidigung kämen dann irgendwann danach. Derzeit gibt es nirgendwo auch nur im Ansatz ein Konzept, einen Flugkörper abzuschießen, der mit mehr als 5.000 Km/h auf einer erratischen Flugbahn seinem Ziel zurast.

Die keilförmigen Hyperschall-„Glider“ werden zwar mit herkömmlichen ballistischen Raketen gestartet, aber bereits in etwa 100 Km Höhe - oder etwas darüber - ausgeklinkt. Von dort kommen sie im Sturzflug zur Erde zurück und müssen dabei aber bis zuletzt manövrierfähig bleiben. Das ist vor allem nach dem Wiedereintritt in die untere Erdatmosphäre eine gewaltige Herausforderung. Der Glider fliegt da in einer mindestens 1.500 Grad heißen Plasmawolke, darum werden die Kanten solch fliegender Keile in den Konzeptgrafiken rotglühend dargestellt.

Schaematische Analyse der Hypersonic Air-breathing Weapon

RAND analysis

Blau eingezeichnet ist die Flugbahn der ballistischen Transportrakete samt ihrem gut berechenbaren Einschlagspunkt. Der damit tansportierte Glider wird in etwa 100 Kilometern Höhe ausgeklinkt und kann dann ein beliebiges Ziel anvisieren. Diese Raketenwaffe fliegt obendrein eine weit kürzere Flugbahn, damit werden auch die Vorwarnzeiten drastisch verkürzt. Die Grafik stamnmt aus einer umfangreichen Studie des militärischen Thinktanks RAND Coporation.

Ende Dezember hatte Russland einen Glider mit einer Interkontinentalrakete vom Schwarzen Meer bis in die Kamtschatka geschossen, Einschlagstempo angeblich 27 Mach.

Russland vor China und den USA

Über entsprechend hitzefestes Verbundmaterial - momentan werden Metall-Keramik-Legierungen favorisiert - verfügt derzeit offenbar nur Russland, das haben die erfolgreichen Tests des letzten Halbjahrs gezeigt. Neben den USA steht auch China hier kurz vor einem Durchbruch, die Analysten gehen jedenfalls davon aus, dass Russlands Vorsprung auf beide Rivalen mindestens 18 Monate beträgt.

Anfang Mai trat der Direktor der militärischen Forschungslabors DARPA an die Öffentlichkeit und präsentierte die neuen Typen von Angriffswaffen mit Hyperschallantrieben. Der „Tactical Boost Glider“ soll von einem B-52-Bomber an den Rand der unteren Atmosphäre gebracht werden und von dort mit dem eigenen Raketen-Booster auf 70 Km Höhe steigen. Im Sturzflug steuert der Glider dann mit fünffacher Schallgeschwindigkeit oder mehr in Richtung Ziel.

Sprengkraft der "Hypersonic Air-breathing Weapon"

RAND analysis

Schon bei Mach 3 ist die Sprengkraft einer Cruise Missile für Hyperschall dreimal stärker, als die einer herkömmliche Cruise Missile. Letztere transportiert maximal 500 Kg TNT und trifft mit vergleichsweise gemächlichen 800 Km/h ihr Ziel.

Zehn Tonnen TNT Sprengkraft

Der zweite vorgestellte Waffentyp ist eine Cruise Missile, die leichter als ein Glider ist und eine weit niedrigere Flugbahn fliegt, mit dem Namen „Hypersonic Air-breathing Weapon“. Auch die wird aus einem hochfliegenden Bomber abgeworfen und mit einer eigenen Raketenstufe beschleunigt, bei etwa fünffacher Schallgeschwindigkeit springt dann das Scramjet-Triebwerk an. Bei diesem Tempo wird der Sauerstoff so stark verdichtet, dass die Scramjet-Turbine nur Einlass, Brennkammer und Auslass braucht, sowie eine Einspritzpumpe für Wasserstoff und einen Zündmechanismus.

Das Hauptproblem der US-Seite scheint immer noch die Hitzebeständigkeit der Kanten und der Leitwerksstummel zu sein

Das bringt einen gewaltigen Schub an Geschwindigkeit, die zusammen mit der Masse des Flugobjekts die Sprengladung darstellt. So entspricht der Eіnschlag einer 500 Kg schweren Masse mit siebenfacher Schallgeschwindigkeit der Sprengkraft von drei Tonnen TNT. Die Cruise Missiles wiegen um die 1,5 Tonnen, mit Scramjet-Antrieb werden also gut zehn Tonnen TNT daraus, die in einer glühenden Plasmawolke auf ihr Ziel zurasen.

Taktik und Strategie

Die Programmverantwortlichen des Pentagon betonten bei der Präsentation Anfang Mai mehrfach, dass man Hyperschallwaffen nicht als strategische, sondern als rein taktische Instrumente betrachten sollte. Da sie keine Sprengköpfe transportieren können, sind sie natürlich nicht als strategische Waffe zu werten, allerdings nur unter diesem einen Aspekt. Die russische Seite benutzt die bekannten SS-19 Interkontinentalraketen, um ihren Glider „Avangard“ auf Flughöhe zu bringen.

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Ein nicht-avisierter Start einer oder gar mehrererer SS-19 würde in den USA sofort Atomalarm auslösen, das ist unbestreitbar eine strategische Komponente. Zudem beruht ein Gutteil der globalen strategischen Dominanz der US-Streitkräfte auf den Kampfgruppen rund um die Flugzeugträger, von denen zwei gerade wieder zum Persischen Golf unterwegs sind. Bis jetzt galten diese Konvois als praktisch unangreifbar, doch seit dem ersten Flug der „Avangard“ ist diese Annahme Geschichte.

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