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Martina Voss

Philippe HUGUEN / AFP

Blumenaus Fußball-Journal

Herz schlägt Hirn

Es ist bei Frauen wie bei Männern: Die bessere Strategie schlägt Emotion und „Mentalität“, Deutschland besiegt Spanien im ersten Hit der Frauen-WM. Und: Was Martina Voss mit Franco Foda zu tun hat.

Von Martin Blumenau

Es war früh klar, wer in diesem ersten Kräftemessen von Klasse-Teams auf Augenhöhe die Nase vorn hatte: Deutschland begann übernervös, fehlerhaft und wirkte wie unvorbereitet auf einen Gegner, der ohne Abtasten loswirbelte und mit schnellem Pass-Spiel in jede erdenkliche Lücke stieß.

Dass das junge deutsche Team die Partie gegen Spanien trotzdem siegreich beenden konnte, lag nicht nur an der Effizienz beim Ausnutzen gegnerischer Fehler, sondern vor allem in der strategischen Flexibilität einer Frauschaft, die von einer bislang völlig anders (nämlich bieder) agierenden Trainerin (Martina Voss-Tecklenburg) zu einem fluiden Organismus umstrukturiert wurde, der seinesgleichen sucht. Und das ist eine massive Überraschung.

Aber der Reihe nach…

Das war der erste Blick auf die Frauen-WM zu der ich dieses Sonderheft nur empfehlen kann.

Zuletzt in Blumenaus Fußball-Journal, das jetzt wieder regelmäßig erscheint: der letzte Test der U21 vor Beginn der ersten U21-Euro, an der der ÖFB teilnehmen darf. Außerdem: Nachbetrachtung zum Mazedonien-Ausflug des ÖFB-Teams sowie Preview und Nachlese zum Slowenien-Länderspiel. Und eine Liga-Saisonbilanz .

Das sind die Vorgängertexte, egal ob als #dailyblumenau auf der neuen oder der alten Website, oder im langjährigen Journal. Ein regelmäßiges Journal zu diesen Themenfeldern wird im Herbst folgen.

Schon in der Grundformation war nichts wie erwartet, die verletzte Spielgestalterin Dzsenifer Maroszan wurde gar nicht ersetzt, sondern durch eine asymmetrische Strategie mit forcierter rechte Offensiv-Seite (mit Hendrich und Gwinn hinter der rechts hauptaktiven Stürmerin Svenja Huth) und eine linke Seite der Vorsicht (mit Schweers und Oberdorf) quasi-ersetzt, die das brave 4-4-2 bei Vorstößen immer wieder in ein bösartiges 4-3-3 verwandelte.

In den ersten 15 Minuten war das deutsche Spiel vom eigenen Anspruch allerdings noch derart überfordert, dass es gleich vier todsichere Möglichkeiten der Gegnerinnen zuließ. Die Hauptverwirrten waren interessanterweise die spielstarken Innenverteidigerinnen Doorsoun und Hegering, bis dato die Lebensversicherung unter Voss. Das war vor allem im Gegensatz zu ihren spanischen Kolleginnen Irene Paredes und Mapi Leon, die eine elegant-staubtrockene Sicherheit sondergleichen an den Tag legten, mehr als augenfällig.

Diese Phase überstanden die deutschen Spielerinnen durchaus mit Glück. Und einem unverdienten Tor, bei dem Spaniens Captain Marta Torrejon einen Augenblick lang unkonzentriert war. Die alte Martina Voss hätte sich in der 2. Hälfte mit einem unveränderten oder gar noch defensiver orientierten Team eingebunkert. Die neue Voss stellte mit einem Wechsel und zunächst drei internen Revirements gleich alles auf den Kopf.

Sie bringt eine junge Angreiferin (Klara Bühl) statt der rechten Verteidigerin, zieht die dynamische Giulia Gwinn zurück, zieht Huth auf die rechte Offensiv-Seite, nimmt Oberdorf ins Zentrum neben Goessling und lässt Sara Däbritz links offensiv ran. Captain Alex Popp ist die hängende Spitze hinter Bühl (in einem 4-4-1-1).

Den Text gibt’s auch zum Anhören als Podcast.

Nach 65 Minuten bringt Voss die offensivere Linda Magull für Oberdorf, zieht Popp noch eine Etappe weiter zurück und hat somit ein breites 4-1-4-1, das in Hälfte 2 kaum eine spanische Chance zulässt, stattdessen aber viele eigene erarbeitet. In der Schluss-Phase ist Popp, die gelernte Goalgetterin dann Co-Sechser von Leupolz (die für Goessling eingewechselt wurde) in einem 4-2-3-1.

Ich versuche mir vorzustellen, wie Marko Arnautovic (auch Kapitän, auch Sturmspitze) einen solchen Job erledigt hätte. Wohl gar nicht. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Franco Foda traut, Lazaro als das einzusetzen, was er im Verein in Berlin ist: ein Rechtsverteidiger der Marke Gwinn. Oder dabei einen 18jährigen Angreifer zu riskieren. Es klappt beides nicht; also die Vorstellung, dass Foda sowas macht…

Ähnlich wie Foda galt Voss früher als Coach, die gern in sehr engen eingefahrenen Bahnen und mit simplen Ideen arbeitet – wie man bei ihrer letzten Station, der Schweiz auch deutlich erkennen musste. Wie Foda hat sich Voss für den neuen Job neu erfunden. Im Gegensatz zu Foda, der vieles nur tut, weil er sich dazu gezwungen sieht, dahinter aber immer noch seinem alten System nachtrauert, glaubt sie aber auch an die Sinnhaftigkeit ihrer neuen Ideen. Spürbar.

Deutsche Frauen Fußball Nationalmannschaft

Philippe HUGUEN / AFP

(Open L-R) Deutschlands Mittelfeldspielerin Lena Oberdorf, Verteidigerin Marina Hegering, Verteidigerin Sara Doorsoun, Mittelfeldspielerin Verena Schweers, Mittelfeldspielerin Sara Dabritz, Mittelfeldspielerin Alexandra Popp. (Unten LR) Torhüterin Almuth Schult, Verteidigerin Kathrin Hendrich, Giulia Gwinn, Verteidigerin Lena Goessling und Mittelfeldspielerin Svenja Huth

Voss hat den deutschen Kader ganz offensichtlich deshalb mit so vielen jungen und vielseitigen Spielerinnen zusammengestellt, weil sie deren taktische Flexibilität braucht. Gwinn (Siegtorschützin gegen China) ist 19, Klara Bühl (die dominante Figur der 2. Halbzeit) ist 18, die stabilisierende Lena Oberdorf gar erst 17. Die älteren wie Popp, Huth, Däbritz oder Magull können ebenso mehrere Aufgaben übernehmen.

Und weil eine jüngere Gemeinschaft auch leichter zu formen, taktisch zu motivieren und zu begeistern ist, kommt zum früheren „Mentalitäts“-Spiel der deutschen Frauen jetzt auch die strategische Finesse dazu.

Etwas, was den spanischen Gegnerinnen noch fehlt. Die waren das gesamte Spiel über das noch leidenschaftlichere Team, das sich merklich seinen Weg durchs Unterholz freischlagen wollte, verfügten aber über zu wenigen taktische Mittel für effektive Lösungen, vor allem nach den ersten 30 Minuten.

Nahikari Garcia ist 159 cm klein. Messi misst angeblich 170, wahrscheinlich eher nur 169 cm. Der Kleinste, gegen den ich jemals gespielt habe, kam auf 172 cm, war echt mühsam zu bewachen und wurde später Bundeskanzler.

Hermoso oder die kleine Nahikari sind tolle Einzelkönnerinnen, Virginia, Alexia oder Meseguer können das Spiel ordentlich nach vorne treiben – trotzdem stoßen die spanischen Damen zu schnell an die Grenze der Möglichkeiten. Das war schon im 1. Match gegen die Südafrikanerinnen so, als sich das Team von Jorge Vilda nur mühsam, mit zwei Naja-Elfern zum Sieg quälte.

Deutschland hat sich mit diesem wichtigsten Sieg schon einmal den unbarmherzigen Achtelfinal-Gegner USA erspart und bekäme im Viertelfinale jedenfalls einen Gruppen-Zweiten. Für Spanien schaut es diesbezüglich hingegen bitter aus, Platz 2 müssen sie jedenfalls vermeiden. Als Gruppendritter (vier von sechs kommen weiter) hingegen wäre der weitere Turnierbaum deutlich unstressiger. Wenn die spanischen Verantwortlichen rechnen können, dann werden sie im letzten Match gegen China verlieren oder (sollten die Chinesinnen gegen Südafrika heute höher gewinnen) unentschieden spielen. Das wäre eine durchaus erlaubte Finte, auch ein Spiel mit Hirn.

Deutschland, Halbzeit 1:

1 Schult; 3 Hendrich, 23 Doorsoun, 5 Hegering, 17 Schweers; 15 Gwinn, 13 Däbritz, 8 Goessling, 6 Oberdorf; 9 Huth, 11 (K) Popp.

Deutschland, Halbzeit 2:

1 Schult; 15 Gwinn, 23 Doorsoun, 5 Hegering, 17 Schweers; 9 Huth, 6 Oberdorf (65., 20 Magull), 8 Goessling (89., 18 Leupolz), 13 Däbritz; 11 (K) Popp, 19 Bühl.

Spanien:

13 Panos; 8 (K) Marta Torrejon, 4 Paredes, 16 Mapi Leon, 7 Corredera; 15 Meseguer (66., Patri Guijarro), 14 Virginia Torrecilla; 10 Hermoso; 9 Mariona Caldentey (53., 17 Lucia Garcia), 22 Nahikari Garcia, 11 Alexia Putellas (77., 18 Bonmati).

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