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Mit Akzent: Instagram-Star

Ana stellt fest, dass die Welt grausam ist, und dass jede*r ein Instagram-Star werden will. Der Ruhm ist nur einen Klick entfernt, doch er kommt nicht.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Ana ist 17 und träumt davon, ein Instagram-Star zu werden. Sie tut alles Nötige, um am Instagram-Sternenhimmel zu leuchten. Während sie an der Alten Donau spazieren geht, macht sie Hunderte Fotos. Davon werden mindestens zehn ein Teil des endlosen Internets. Auf all diesen Fotos schaut Ana ziemlich gleich aus: Ihr linkes Bein steht vorne, genau wie bei allen Models und Teilnehmerinnen bei Schönheitswettbewerben.

Beim Fotografieren stellt sie fest, dass um sie herum Hunderte Gleichaltrige an der Alten Donau genau dasselbe machen: Sie nehmen die gleiche Pose ein und werden Teil vom Instagram. Ana ist besorgt, sie ist bereits 17 und die Internetwelt liegt ihr noch immer nicht zu Füßen. Ist es vielleicht schon zu spät? Ihre Schwester ist erst 14 und macht ebenfalls Selfies für Instagram. Vielleicht wird sie von ihrer eigenen Schwester überholt? Schrecklich!

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Zur Beruhigung folgt eine neue Serie mit Fotos. Ana stellt fest, dass die Welt grausam ist, und dass jede*r ein Instagram-Star werden will. Der Ruhm ist nur einen Klick entfernt, doch er kommt nicht. Ana ist traurig. Sie hat doch mehr als tausend Fotos und kann immer noch nicht die nötige Portion Likes sammeln. Sie hat sich sogar mit irgendwelchen Gebäuden in New York fotografiert, als sie dort auf Urlaub war. Ihr Guide hatte sie dorthin geführt mit dem Hinweis, dass genau diese Gebäude so “instagramable” seien. Ana drückte auf den Auslöser, doch es brachte auch nichts...

Sie überlegt, ob sie nicht vielleicht eine Vloggerin werden soll. Sie weiß, dass Vlogger sehr populär sind. Sie kennt die Geschichte von zwei konkurrierenden Vloggern, die sich mit ihrer Gefolgschaft am Alexanderplatz in Berlin getroffen haben. Das Treffen endete in einer Massenschlägerei. Ana denkt, dass es super gewesen wäre, wenn sie ein Selfie mit den sich schlagenden Vloggern hätte machen können. Das wäre ein Instagram-Hit gewesen! Doch leider hat sie diese Möglichkeit verpasst... Und wie schön wäre es, wenn sie auch so viele Follower hätte, die sich für sie schlagen. Sie schließt die Augen und sieht sich als Anführerin einer Armee an Followern, die ihren Namen schreien. Sie ist ein zeitgenössischer Attila, angezogen wie die Charaktere aus „Game of Thrones“. Und jeder will ein Selfie mit ihr.

Aber ihr fällt kein Thema für einen Vlog ein. Es gibt schon genug Vlogs über die Essen und Mode. Ana schimpft im Kopf. Dann fällt ihr ein, sie könnte einen Vlog machen, in dem sie über alles schimpft. Auf die Welt schimpft, die sie nicht als Instagra Queen wahrnehmen will. Einfach über alles schimpfen? Das ist eine produktive Idee - die Menschen hassen eh alles, was um sie herum passiert.

Ana ist bereit, ihren Schimpf-Vlog zu starten. Und dann fällt ihr ein, dass sie gar nicht so viele Schimpfwörter kann. Und worüber soll sie schimpfen? Über ihre Mutter, ihre Schwester und die Schule. Das ist nicht genug. Ana ist erledigt und fängt an zu weinen. Dann fällt ihr ein, dass sie sich beim Weinen fotografieren könnte. Doch bis sie das Foto macht, ist ihre Traurigkeit weg. Sie hat die Chance verpasst, ein einziges Foto zu machen, auf dem sie authentisch ist.

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