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Viele Ziffern auf einem Haufen

CC0 / Pixabay / geralt

mit akzent

Magistratevil

Alles beginnt, indem man sich beim Magistrat eine Nummer holt. Ab diesem Moment ist man kein Mensch mehr, man ist nur noch diese Nummer.

Von Todor Ovtcharov

Man braucht nur einen Schritt, um die Realität zu verlassen und sich in einer Dystopie wiederzufinden. Denkt nur an die Erzählung „Die Tür in der Mauer“ von H.G. Wells oder an die „Matrix“. Man geht die Straße entlang und ahnt nicht, dass genau hinter dieser Wand oder jenem Fenster eine Parallelwelt liegt, wo alles anders ist: Die Farben sind anders, die Stimmen der Menschen sind anders und die Menschen selbst sind ganz anders.

In der Literatur oder im Kino ist das in Ordnung - viel schlimmer ist es, wenn es dir wirklich passiert. Alles beginnt, indem man sich eine Nummer holt. Ab diesem Moment ist man kein Mensch mehr, man ist nur diese Nummer. Wenn man sich in eine Nummer verwandelt, ändert sich alles. Man fühlt sich hilflos, so, als ob man plötzlich splitternackt am Opernball steht. Man hat das Gefühl, dass man von allen mit Verachtung und Ekel angeschaut wird. Die Hände fangen an zu zittern. Man versucht, sie in den Hosentaschen zu verstecken, doch man hat Angst, dass man die Nummer zerquetscht und ab diesem Moment dann niemand mehr ist.

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Man schaut sich die anderen Menschen rundherum an und bemerkt die gleichen Symptome: Zwei Männer flüstern miteinander, als ob sie sich in einer Kathedrale befänden. Ob sie überhaupt flüstern oder nur ihre Lippen bewegen? Eine Frau in einer grellgelben Bluse zupft nervös deren unterem Teil. Sie zerrt so heftig daran, dass ich Angst habe, sie könnte sie zerreißen. Zwei nette Omas reden auch miteinander. Die eine macht sich Sorgen um ihren Hund zu Hause. Die andere meint, der Hund sei nun hier ihr kleinstes Problem. Alle fühlen sich, als wären sie von einem Wal verschluckt und warteten darauf, verdaut zu werden.

All das ist aber keine Dystopie, sondern eine Betrachtung der Realität. Ich befinde mich im Bauch des Magistrats 35, verantwortlich für Migration und Einbürgerung. Es öffnet um 8.00 Uhr, um 7.30 gibt es schon eine riesige Schlange davor. Eine Schlange von Menschen, die ruhig darauf warten, zu Nummern zu werden. Ein französischer Student, der neben mir in der Schlange wartet, hat alle Unterlagen dreifach kopiert. Warum dreimal, wenn man es nur einmal kopieren muss? „Du weißt gar nicht, was dich erwartet!“ Dann wird man noch nervöser. Ich ziehe meine Nummer.

Meine Nummer ist dran! Ich stehe vor der Beamtin, die mir nicht mal in die Augen schaut. Am Schalter neben mir sitzt die Frau in der gelben Bluse. Als meine Beamtin meine Unterlagen prüft, höre ich, dass die Frau neben mir, eine österreichische Staatsbürgerin, ihren Mann, einen kroatischen Staatsbürger, registrieren möchte. Man schickt sie etwas kopieren. Anscheinend hat sie nicht alles dreifach kopiert wie der französische Student. Als sie weg ist, sagt meine Beamtin zu ihrer Kollegin. „Die ist so frech! Sie ist nicht mal eine echte Österreicherin, sondern nur eingebürgert! Sie lernen das so und dann haben sie keinen Genierer!“ Die andere Beamtin nickt.

Die Frau kommt zurück. Die Registrierung ihres Ehemannes wird ihr verweigert. Sie versucht zu protestieren, doch sie weiß, dass es nichts bringen wird. Am Bildschirm leuchtet schon die nächste Nummer. Der französische Student kommt mit einer dicken Mappe mit Unterlagen. Er sucht den Blick der Beamtin und findet ihn nicht. Hat sie überhaupt Augen? Wenn sie ihren Arbeitsplatz verlässt, wird sie zu einer fröhlichen jungen Frau, die grelle Farben trägt und Lieder vor sich hinsummt? Vielleicht.

Ich hole eine Bescheinigung für meine neugeborene Tochter. Ab jetzt existiert sie offiziell.

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