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Das erste Mal: „Se7en“

Meine Filmliste ungesehener Thriller ist um einen Titel kürzer: Das erste Mal „Se7en“ mit Morgan Freeman, Brad Pitt und einer Frauenquote, die mehr als ausbaufähig ist.

Von Michaela Pichler

1995 kommt David Finchers „Se7en“ - deutscher Filmtitel „Sieben“ - in die Kinos. Schnell etabliert sich der Thriller über einen Serienmörder, der sich mit entmenschlichter Grausamkeit an den sieben Todsünden abarbeitet, als Meisterstreich des Genres. Ich bin zu dieser Zeit erst ein unschuldiges Jahr alt.

Aber auch in späteren Jahren, in denen ich „Fight Club“ fünf Mal anschaue, geht „Se7en“ eher spurlos an mir vorüber. Zumindest fast: An einem Filmabend, an dem ich mich als besonders müde oute, wird er mir als unbedingte Empfehlung geteasert - dabei sei es unmöglich einzuschlafen. Zwei Minuten nach dem Vorspann bin ich weggedöst. Für den heutigen Filmabend fühle ich mich wach genug und gebe „Se7en“ eine zweite Chance.

In der FM4-Sommerserie „Das erste Mal“ stellen sich Redakteurinnen und Redakteure endlich jenen berühmten Streifen, die sie bislang immer verpasst haben.

Ein ungleiches Paar und schlechte Beleuchtung

Morgan Freeman und Brad Pitt spielen das ungleiche Mordermittler-Paar in einem in Kriminalität versinkenden Stadtviertel. Freeman ist William Somerset, ein abgebrühter, belesener Detective, der kurz vor der Pension steht und eigentlich nur noch wenig Bock auf Crime-Life hat. Brad Pitts David Mills ist dagegen als hitzköpfiger Neuling gezeichnet, der manchmal ein bisschen zu sensationsgeil rüberkommt. Zum Beispiel, wenn er sich über jede Leiche freut, die sich als Mordopfer entpuppt. Da freut es mich umso mehr, wenn Detective Somerset ihm des Öfteren über den Mund fährt.

Nach den ersten zehn Minuten frage ich mich: Warum ist es in diesen Filmen eigentlich immer so unnötig dunkel? Ja, schon klar, „Atmosphäre schaffen“. Aber wenn das Einsatzteam andauernd an irgendeinem Tatort arbeitet und Spuren sichert, könnte schon jemand mal auf die Idee kommen, den Lichtschalter zu betätigen. Was das düstere Setting außerdem untermalt, ist die trostlose, namenlose US-amerikanische Stadt, in der „Se7en“ spielt: Obdachlosigkeit, Armut und Gewalt an jeder Straßenecke sorgen für Gotham-ähnliche Vibes, unter denen auch die Ermittler leiden.

Morgan Freeman und Brad Pitt

New Line Cinema

Während Somerset und Mills bei ihren Ermittlungen zunächst noch im Dunkeln tappen, verdichtet sich das Bild des unbekannten Mörders im Laufe der Geschichte immer mehr: Als von Gott gesandter christlicher Märtyrer rächt sich John Doe – gespielt von Kevin Spacey – an der Menschheit für ihre Sünden: Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Gier, Völlerei und Wollust stehen auf der Liste von John Doe. Für jede Sünde gibt es einen Mord.

Wanting people to listen, you can’t just tap them on the shoulder anymore. You have to hit them with a sledgehammer, and then you’ll notice you’ve got their strict attention.

Der Serienkiller erinnert mich an Hannibal Lecter. Obwohl mir „Das Schweigen der Lämmer“ wesentlich gruseliger in Erinnerung geblieben ist als jetzt „Se7en“, kommt während David Finchers Thriller keine Langeweile auf. Ekel ist eher das Schlagwort: Ein Opfer, das sich zu Tode fressen muss oder eine halbtote Mumie, die seit einem Jahr im Bett dahin siecht, sind die grauslichen Details bei John Does Morden.

Bechdel-Test: Negativ

„Se7en“ ist für mich trotz meiner Thriller-Unkenntnis und einer prinzipiellen Brad-Pitt-Abgenervtheit solide Abendunterhaltung. Und eingeschlafen bin ich auch nicht. Einziger, aber schwerwiegender Kritikpunkt: Mit Gwyneth Paltrow - in der einzigen weiblichen Sprechrolle - als letztem Opfer auf der Serienkiller-Liste ist die Frauenquote in „Se7en“ auch für die 1990er mehr als schwach. Die zweite Frau, die quasi als reine Statistin im Film vorkommt, ist eine Sexarbeiterin, die auf grausamste Weise John Doe zum Opfer fällt und im Skript nicht einmal einen Satz abbekommt. Beim Bechdel-Test fällt „Se7en“ aus heutiger Sicht durch.

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