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Stormzy

Marc Prodanovic

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Trotz Gewitter sind wir nie Game Over: Das Melt! Festival 2019

Das Melt! Festival zeigt in seiner heurigen Ausgabe, wie zeitgeistiges Booking aussieht. Sturm und Gewitter kommen nicht gegen großartige Headliner wie Jorja Smith, Bilderbuch oder Bon Iver heran. „Entrance Stormzy“ bekommt in Ferropolis eine neue Bedeutung.

Von Lisa Schneider

Im Zug am Weg zum Melt! Festival fühlt man sich wie in einer Londoner U-Bahn. Lauter junge Brit*innen, die ihre Campingausrüstung, die Sonnenbrillen und den hipsten Style eingepackt haben, um ins gelobte elektronische Land Ferropolis zu reisen. Also: in die Stahlstadt, die ehemalige deutsche Kohleabbaustätte, die zur Festivallocation umfunktioniert worden ist - und die nicht unweit von Dessau im kleinen Ort Gräfenhainichen liegt.

Kurz fragt man sich, gibt’s in Großbritannien nicht ähnlich große, ähnlich gut kuratierte Festivals - sprich: Wieso diesen Weg auf sich nehmen?

Atmosphäre am Melt! Festival 2019

Anna Schneider

Noch letztes Jahr gab es eine ganz klare Antwort auf die Frage, wieso das Publikum zur Hälfte aus internationalen, vor allem britischen Besucher*innen bestanden hat. Das legendäre Glastonbury-Festival hat letztes Jahr ausgesetzt. Aber heuer ist es, heiß ersehnt, wieder über die Bühnen gegangen. Das Melt! Festival hält trotzdem auch dieses Jahr seine 50/50 Quote, was die Internationalität des 20.000 Menschen starken Publikums angeht. Der gute Ruf zieht eben.

Die neue, britische Alternative-Soul-Welle

Wir starten smooth in den ersten Abend. Für diejenigen, die den letzten Regentropfen getrotzt haben, gibt’s am Frühabend am Freitag eine besonders schöne Begrüßung der Londoner Upcoming-Soul/Indierockmusikerin Nilüfer Yanya. Die dunkle, rauchige Stimme, vor allem das Saxophon machen aus ihrem Auftritt eine spannende, neue Weiterführung des großen Indierocks der 10er Jahre. „Alternative-Acts buchen wir so gut wie gar nicht mehr“, erzählt Mitorganisator Steffen Martini im Interview - Nilüfer Yanya tanzt mit ihrem Set da elegant an der Grenze. Indierock mag out sein, auch in UK, Alternative-R’n’B und Soul erlebt dafür gerade den absoluten Höhenflug. Man denke an Künstler und Künstlerinnen wie King Krule, Connie Constance, Jordan Rakei oder Rosie Lowe. Junger Jazz, junger Soul. Oder auch an die Londoner R’n’B-Popmusikerin Mahalia, die ebenfalls hier am Melt! aufgetreten ist und im Herbst ihr Debütalbum veröffentlichen wird.

Mahalia @Melt! Festival

Marc Prodanovic

Eine der Neuentdeckungen am Melt!: die britische Soulpopmusikerin Mahalia und ihre guten Songtitel wie etwa: „I Wish I Missed My Ex

Dass eben weniger alternative Artists (im Kontext übersetzt als Gitarrenmusiker*innen zu verstehen, auch, wenn der Begriff sich früher Mal schlichtweg um den noch nicht kommerziell vermarkteten Status einer Band gedreht hat) hier gebucht werden, hat den Grund, dass das Melt! zwar mit seinen 22 Jahren kein junges Festival ist, aber trotzdem jung denkt. Ähnliches ist - wenn auch nicht der Größenordnung nach - durchaus auch in Österreich zu beobachten. Da wäre die Kuratierung der FM4/planet.tt-Bühne am Donauinselfest mit Headliner Yung Hurn
zu erwähnen, oder auch das kommende FM4 Frequency Festival mit Headlinerin und Crossover-Genie Billie Eilish.

Wo in Österreich dieses Mal eben mit Billie Eilish sehr frühzeitig eine absolute Trendmusikerin gebucht worden ist, ist das Melt! Festival noch breiter aufgestellt. Die Headlinerin des ersten Abends ist Jorja Smith, eine 22-jährige Britin, die einen kometenhaften Karrierestart hingelegt hat. Die ihren Alternative-Soul mit retroverliebten 90er-Nuancen anreichert, und das erste Mal den Großteil der Besucher*innen am Melt! Festival vor der großen Main Stage versammelt. Sie singt die Zeile des Abends: „I never thought I would ever find / something so assured but so fine“.

Jorja Smith @Melt! Festival

Ben McQuaide

Jorja Smith - laut Besucher*innen (und mir): nicht von dieser Welt.

Das Melt! Festival hat seinen Ruf weitgehend als eines der besten elektronischen Festivals aufgebaut, die Auswahl an DJ-Sets ist beinahe unüberschaubar, am Sleepless Floor krachen die Boxen dem Namen gemäß auch heuer wieder 24 Stunden durch. Viele, ja, die meisten kommen für die große Party her.

Entrance: Stormzy

Die besagte große, je nach Ticketwahl drei- oder viertägige Party am Melt! wird am Freitagabend gegen neun Uhr abends unfreiwillig unterbrochen. Anfangs sprach die Wettervorschau noch von „kurzen Schauern“, bald war aber klar - das, was sich da zusammenbraut, sieht aus wie der nahende Weltuntergang.

Melt! Festival 2019 Gewitter im Anmarsch

Anna Schneider

Die Organisator*innen des Festivals reagieren schnell: Auf den großen Screens neben der Bühne sowie auf allen Social Media-Kanälen und in der offiziellen Melt!App bekommt man die Nachricht, sich in Sicherheit zu bringen. Das gesamte Gelände muss kurz darauf evakuiert werden. Die Stimmung ist aufgewühlt, weniger am Campingplatz selbst, als vielmehr beim Warten auf die Shuttlebusse, die das Publikum entweder zu ihren Zelten oder in die angrenzenden Städte zurück in ihre Hotels bringen sollen.

Via Social Media hält das Melt!-Team seine Besucher*innen auf dem Laufenden, zwei Stunden lang gilt aber vorerst: Abwarten. Diejenigen, die mit dem Auto hier sind, werden aufgefordert, die Camper*innen in ihren Autos Unterschlupf zu gewähren. Der Regen endet gegen 23.00 Uhr, Bilderbuch treten um Mitternacht, Stormzy danach um zwei Uhr früh auf.

Es geht die Nachricht raus, dass sich alle, deren Zelte beschädigt wurden, sich bei dafür eingerichteten Info-Points einfinden können, um diese ersetzt zu bekommen. Im Nachhinein ist alles viel glimpflicher ausgegangen als anfangs gedacht.

Und an all die, die es aufgrund Nässe oder Müdigkeit nicht mehr zurück zum Hauptgelände geschafft haben: arte Concert hat auch heuer wieder das hervorragende Service von Live-Übertragungen direkt vom Festival angeboten. Hier der verspätete Auftritt von Bilderbuch:

Die Zwillinge: Bilderbuch & Zeitgeist

Peter und Mike von Bilderbuch erzählen im FM4-Interview vor ihrem Auftritt, dass sie es gut und spannend finden, hier eine der wenigen Bands zu sein, die auftreten, Bands im klassischen Rockband-Setting. Die Wörter „Zeitgeist“ und „Bilderbuch“ sind schon so oft in einem Satz erwähnt worden, man könnte sie für Zwillinge halten: Dabei suchen Bilderbuch nicht bewusst danach, sondern schreiben, so Mike, „das, was uns in der aktuellen Popmusik eben fehlt“. Bemerkenswert, wie gut sie das hinbekommen.

Das Melt! Festival ist der Ort, an den Bilderbuch aktuell im Zweijahrestakt zurückkehren, ein kleines, deutsches Wohnzimmer, mit Teppichen und Lavalampen auf der Bühne und Globen, die an der Seite hängen. Bilderbuch, die Universalgelehrten deutschsprachiger Popmusik, für die Booker*innen eine sichere Sache: Sie ziehen die Leute an, sie liefern eine Show zwischen Gospel, Gitarrensoli und der absoluten Narrenfreiheit.

Bilderbuch @Melt! Festival

Christian Hedel

Bilderbuch in ihrem liebsten deutschen Wohnzimmer: der Main Stage am Melt! Festival.

Und von wegen Rockband: Bilderbuch müssen sich um die Genrezuordnung ohnehin keine Gedanken machen. Das beweisen aktuell die innerhalb eines Jahres releasten beiden letzten Alben, die gemächlich und cool und zusätzlich zu den immer schon eingebauten Hiphop-Beats aus der momentan beliebtesten Rap-Art das Cloudige borgen. Die Bühnenansagen sind knapp an diesem Freitag Abend, wer kann’s ihnen verdenken, Maurice: „Wir waren schon SO ready!“ Sei dank ist mittlerweile jedes deutschsprachige Publikum immer und trotz aller erdenklicher Widrigkeiten ready für Bilderbuch.

Entrance: The real Stormzy

Jemand anderer, der bis kurz vor dem Melt! noch nicht, aber Freitags um 2.00 Uhr früh sicher ebenso bereit war, war der britische Grime-Rapper Stormzy.

Den richtigen Ersatz für US-Rapper A$AP Rocky zu finden, der aktuell noch in einem schwedischen Gefängnis in Untersuchungshaft steckt (jetzt haben sich endlich auch Donald Trump und Justin Bieber in der Free-A$AP-Kampagne zu Wort gemeldet), ist immerhin keine einfache Aufgabe.

Die Besucher*innen am Melt! zeigen sich schon im Vorfeld zufrieden, und auch das liegt großteils daran, dass viele Briten und Britinnen hier sind. Dort hat Stormzy mit seinem Headliner-Auftritt am Glastonbury Festival gerade alle anderen in den Schatten gestellt - und Geschichte geschrieben. Er war der erste schwarze, britische Solo-Künstler, der einen Headliner-Slot am Glastonbury gespielt hat. Außerdem war er einer der jüngsten Headliner in der Geschichte des Festivals: Nur David Bowie war 1971 noch jünger, damals nämlich erst 24 Jahre alt.

Stormzy @Melt! Festival

Ben McQuaide

Stormzy hier am Melt! ist mehr als nur ein Ersatz. Mehr noch, etwas Besseres hätte, folgt man der weiter oben erwähnten, musikalischen Idee des Festivals, gar nicht passieren können. Stormzy, einer der nicht nur musikalisch, sondern vor allem aktuell auch inhaltlich interessantesten Künstler*innen Englands. Nicht nur, was seine klaren politischen Statements, aber vor allem auch, was sein Engagement angeht. Um eines der vielen Beispiele dafür zu nennen: Stormzy publiziert nicht nur selbst Bücher, er kuratiert auch die Penguin-Reihe „Merky Books“ und gibt so jungen, aufstrebenden Autor*innen eine Plattform.

Ein Künstler, der seine Bühne für Größeres als den eigenen Erfolg nutzt. Der stellt sich bei Stormzy von alleine ein: Vielleicht ist Grime tatsächlich der neue Punk.

Der gute Abschluss: Bon Iver

Der Auftritt von Bon Iver am Melt! Festival ist das nochmalige Zelebrieren, der Abschluss der großen, mittlerweile bald zweijährigen Phase zum Album „22, A Million“. Das Dabeisein kann man mit dem Gefühl vergleichen, die letzten Seiten eines sehr guten Buches auszulesen. Traurig, dass es vorbei ist, tröstet man sich mit dem Wissen, hier etwas Großes erlebt zu haben.

Kryptische Symbole flackern über den mal schwarzen, mal pink schimmernden, mal grün schillernden Hintergrund. Die Visuals sind fantastisch. Über Justin Vernon und seiner Band schwebt seit dem Release des letzten Albums ein Geheimnis, das noch niemand ganz gelöst hat. Hat er auf früheren Alben noch die großen Themen der Popmusik - Beziehungen und deren Ende - besungen, sind die Songs auf „22, A Million“, die auch großteils beim gestrigen Set zu hören sind, in einer eigenen, introvertierten Sprache geschrieben.

Justin Vernon und sein sagenhaftes Musik-Universum

Hier könnt ihr alles nachlesen, woran er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat.

Klar, dass sich darum schnell ein hipper Intellektuellen-Kult aufbauen lässt. Justin Vernon aber gibt sich unbeeindruckt. Auf Pressefotos gibt er sich am liebsten gar nicht zu erkennen, sein Bühnenauftritt ist ebenso unaufgeregt wie zurückhaltend: Sneaker, schwarze Jeans, schwarzes Shirt mit Aufdruck „Discowoman“, Kopfhörer und ein Stirnband, das seine nicht mehr ganz so üppige Haarpracht zurückhält. Keine Zwischenansagen, außer ab und zu ein obligatorisches „Thank you for listening“ oder ein „Watch out for each other“. Erfrischend, wie Pop ohne Geltungsdrang funktionieren kann.

Die Liveband Bon Iver ist am Melt! die einzige, die neben Bilderbuch mit zwei Drummern auftritt (einer davon Justin Vernons langjähriger Weggefährte S. Carey); und auch hier bekommen wir wieder einen Live-Saxophonisten zu sehen. Die Bühne ist voll nicht nur an Mitgliedern, sondern vor allem an Equipment, Justin Vernon tauscht nach jeder Nummer E-Gitarre, Akustikgitarre oder Synthesizer. Die Show pumpt und lebt, ein gutmütiges Ungetüm. Der Boden vor der Bühne vibriert, Strom fließt durch Kabel und Ader. Postrock-Crescendi, Chöre und gezupfte Akustik-Gitarrensaiten: 90 Minuten auf hypnotisierendem Höchstniveau.

Die Spannung wird fast unerträglich, als Justin Vernon in einer A-Capella-Vocoder-Version „715-Creek“ im ikonischen Falsett singt. Die Bühne ist schwarz, nur sein Hinterkopf von einem Lichtkegel beleuchtet. Er seufzt und atmet schwer zwischen den eng gepressten Zeilen, man zittert mit ihm: Justin Vernon besteht auch live auf Grenzerfahrungen.

Und auch wenn viel kracht und knackt und Autotune-glasiert die Hörgewohnheiten fordert, ist Justin Vernon vor allem immer ein Melodien-Großmeister. Neben dem einzigen neuen Song des Sets, dem weichen „Hey Ma“, wird das vor allem mit der 2014 veröffentlichten Single „Heavenly Father“ klar, die auf keinem Album zu finden ist. Mütter, Väter, Götter, das Leben: Ur-Folk-Ingredienzen eben. Man denkt kurz zurück an die legendäre Waldhütte in Wisconsin, in der Bon Iver sein erstes Akustik-Album geschrieben hat.

Vor kurzem hat Justin Vernon sein neues Album angekündigt, es wird am 30. August erscheinen - und den Titel „i,i“ (oder, in Bon Iveresker Sprache „iCOMMAi“) tragen. Schon die ersten vier veröffentlichten Singles deuten an, dass wir hier etwas erhalten könnten, was man als bisheriges Karriere-Best-Of bezeichnen könnte. Nicht die schäbigen Sampler, um noch einmal gut Geld zu machen. Sondern das Eklektische und das Harmonische, das Schwierigste und Beste gemeinsam. So, wie aktuell neben Justin Vernon, dem Folk-Erneuerer, nur wenige schreiben.

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