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Carrie Brownstein und Corin Tucker von Sleater-Kinney

Nikko LaMere

Sleater-Kinney schlagen mit „The Center Won’t Hold“ ein neues Kapitel auf

Die Riot-Grrrl-Ikonen aus den Staaten und ihr neues Album, an dem keine Geringere als St. Vincent beteiligt war. Zerschmetterte Songs für zerschmetterte Menschen.

Von Eva Umbauer

Sleater-Kinney sind eine der bedeutendsten Indie-Rock-Bands aus den USA, eine Band, die aus dem Underground kam und irgendwann im Mainstream Beachtung fand, heute mehr denn je zuvor. Schade, dass, just nach der Fertigstellung von ihrem bereits neunten Album, aus dem Trio ein Duo wurde.

Die ikonische Schlagzeugerin Janet Weiss - sie war ab dem zweiten Album dabei - ist ausgestiegen, weil Sleater-Kinney in eine Richtung geht, die nicht so ganz ihre ist. Das ist ein Wermustropfen für alle Beteiligten und alle, die Sleater-Kinney seit Jahren lieben, diese drei Musikerinnen aus dem Nordwesten der USA, die neben der Band Bikini Kill in den 1990ern die Speerspitze der sogenannten Riot-Grrrl-Bewegung waren.

Die Riot Grrrls waren nachdenkliche und zornige jungen Frauen, die sowohl auf die starke Überzahl männlicher Musiker und deren Dominanz in der Musikszene, als auch auf typisch männliche Bestandteile von Bühnenshows reagierten.

Es war damals nicht selbstverständlich, vor allem nicht in der Hardcore/Punk-Szene, dass Frauen die Bühne betreten, singen und spielen. Kurt Cobain und Nirvana etwa aber unterstützten die Riot Grrrls, eine Bewegung, die von der kleinen Universitätsstadt Olympia, Washington ihren Ausgang nahmen.

Aus der „middle of nowhere“ im Pazifischen Nordwesten der USA kam damals dieses packende Ding namens Riot Grrrl und breitete sich dann bis England oder den deutschsprachigen Raum aus, wo sich die eine oder andere Riot-Grrrl-Band formierte.

Der Sound der Riot Grrrls konnte mal punkig rauh sein, aber auch in subversiv leisen, von Folk inspirierten, Songs daherkommen. Sleater-Kinney - also Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet Weiss - hatten ins Ohr gehende Gitarrenpopsongs mit Titeln wie „A Real Man“, „Buy Her Candy“, „Hot Rock“, „The Ballad Of A Ladyman“ oder „Modern Girl“. Nach dem 2005er-Album „The Woods“ war dann aber erst einmal Schluss.

„The Center Won’t Hold“

Zehn Jahre sollten vergehen, bis Sleater-Kinney wieder ein Album veröffentlichen. Nach „No Cities To Love“ folgte ein Live-Album und jetzt der brandneue Longplayer „The Center Won’t Hold“, auf dem Sleater-Kinney ihren Sound erweitern. Die US-Musikerin St. Vincent hat ihnen mit epischer Produktionsarbeit dabei geholfen.

Das Plattencover zu Sleater-Kinney

Sleater-Kinney

„The Center Won’t Hold“ ist am 16.8.2019 bei Caroline/Universal Music erschienen.

Am Plattencover zeigen sich Sleater-Kinney nun zum allerersten Mal, zumindest sieht man ihre Gesichter teilweise. „Wir haben damit gewartet, bis wir über 40 sind“, so Carrie Brownstein.

Sleater-Kinney klingen nun etwas anders, etwas komplexer als früher, und mit Synthie- und Keyboards angereichert - manchmal so als ob sie eine Goth-Pop-Band wären, aber die wunderbar hibbelige Atemlosigkeit, wenn Corin Tucker singt, die ist in Momenten noch immer da.

Ihre gern als „helium voice“ bezeichnete Stimme mag zwar nun etwas tiefer und weniger schneidend sein als in den besten Tagen von Sleater-Kinney, aber sie ist einem noch immer vetraut, zumindest all jenen, die jedes einzelne Album dieser Band weiterhin hüten wie einen Goldschatz, eure Autorin hier inkludiert.

Carrie Brownstein - eine der beiden Sängerinnen und Gitarristinnen in der Bass-losen Band Sleater-Kinney, und Schauspielerin aus der richtig tollen US-Fernsehserie „Portlandia“ - sprach zuerst Jeff Tweedy von der US-Band Wilco an, ob er ein paar Songs mit Sleater-Kinney produzieren könnte, aber da hatte die Band schon begonnen, mit St. Vincent zu arbeiten, und weil das so gut ging, machten Carrie, Corin und auch Janet einfach mit ihr weiter.

Für Annie „St. Vincent“ Clarke hat Carrie Brownstein nur größten Respekt, wenn sie in Interviews über die Zusammenarbeit spricht und Annie als absolut furchtlos bezeichnet und mit einer bildenden Künstlerin vergleicht, einer Malerin, die jeden Pinselstrich so oft macht, bis sie überzeugt ist, dass er keine weitere Änderung mehr braucht.

Beim Song „Ruins“ hört man den Einfluss von St. Vincent wohl am meisten. Das wunderschöne und ins Ohr gehende Gitarrenpopstück „A Restless Life“ - „you and me we don´t fuck around... my one regret is that I let you down“ - hätte auch von Jeff Tweedy produziert werden können. Und im schmissigen 2-Minüter „Love“ singt Carrie Brownstein: „Call the doctor, get me out of this mess“. Den Doktor riefen Sleater-Kinney schon einmal. „Call The Doctor“ war der Titelsong ihres zweiten Albums damals in den 90ern.

Auch Annie Clarke aus Texas spielte erst konventionell(er)e Gitarrenpop-Songs, bis sie als St. Vincent ihren Sound immer mehr veränderte. Sie konnte sich also hineinversetzen in Sleater-Kinney.

Song zum Sonntag

„Sleater-Kinney reparieren eine Welt der Katastrophen“ schreibt Christoph Sepin im Song zum Sonntag über „The Center Won’t Hold“

„The Future Is Here“ nennen Sleater-Kinney dann auch einen der Songs von „The Center Won’t Hold“. Der Albumtitel - also „Die Mitte wird nicht standhalten“, bezieht sich auf den irischen Dichter William Butler Yeats, einen der bedeutendsten englischsprachigen Schreiber des 20.Jahrhunderts. Er schrieb viel über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, über Dinge, die auseinanderfallen, aber aus denen auch wieder etwas Neues entsteht.

Sleater-Kinney sind noch immer widerspenstig, auch wenn sie inzwischen vielleicht nicht mehr die Ramones hören, sondern Rihanna. Die Ballade „Broken“, der Schlusssong am neuen Album, soll von Letzterer inspiriert sein. Wir schreiben eben nicht mehr das Jahr 1995 oder auch nicht 2005, nein wir befinden uns mitten im Jahr 2019.

Da sind jetzt Störgeräusche in ihrer Musik, rumpelnde Sounds und Textzeilen wie „darkness winning again“ - im Song „Reach Out“ etwa. Und in „Can I Go On“, einer der Singles, die anfangs recht nach Sleater-Kinney, wie man sie kennt, klingt, bevor der Pop-Refrain einsetzt, heisst es: „Maybe I’m not sure I wanna go on“.

Gut, dass Sleater-Kinney es getan haben, weitermachen, auch wenn sie jetzt nur noch zu zweit sind. Es ist nicht einfach, Sleater-Kinney haben das immer schon gewusst.

P.S.: Der Bandname Sleater-Kinney kommt von der Sleater-Kinney Road, nach der eine Autobahnabfahrt zwischen Portland, Oregon und Seattle, Washington im Nordwesten der USA benannt ist.

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