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Demonstranten in Venezuela

JUAN BARRETO / AFP

Karina Sainz Borgos „Nacht in Caracas“ erzählt vom untergehenden Venezuela

Tränengaswolken, plündernde Banden und brennende Leichen dominieren das Szenario in „Nacht in Caracas“. Gleichzeitig ist Karina Sainz Borgos Roman ein Erinnern an das aktuelle Leiden und Schweigen in ihrer Heimat Venezuela.

Von Michaela Pichler

Massenproteste, Versorgungskrisen, Hyperinflation und ein Präsident an der Spitze, der mehr und mehr die Demokratie absägt: Seit zwanzig Jahren versinkt Venezuela immer tiefer in einer wirtschaftlichen wie politischen Krise. Die venezolanische Autorin Karina Sainz Borgo schildert in ihrem Romandebüt „Nacht in Caracas“ Menschenrechtskrise in Venezuela aus ihrer literarischen Sicht.

Erzählte Lebensrealitäten

„Nacht in Caracas“ beginnt mit einem Tod. Die Mutter der Protagonistin Adelaida Falcón ist an Krebs gestorben – nicht zuletzt durch die mangelnde medizinische Versorgung, denn die ist in Venezuela ein Luxusgut geworden. Als Adelaida am Grab ihrer Mutter steht, ist nur kurz Zeit zum Trauern, denn selbst der Friedhof ist in Caracas kein sicherer Ort mehr. Der Tod lauert an jeder Ecke.

"In dieser dahinsiechenden Stadt hatten wir alles verloren, sogar die Verben im Präsens.“

Caracas wird für Adelaida zur Stadt, in der alles brennt. Ganze Viertel der Hauptstadt Venezuelas stehen in Flammen, Häuser, Autos und selbst Leichen. Dazu ziehen dichte Tränengas-Wolken durch die verwüsteten Straßen. Adelaida Falcón wird stille Beobachterin des täglichen Sterbens in Caracas. Im untergehenden Land ist das Überleben hart geworden.

Wenn die Nacht über Caracas kommt, wird es besonders gefährlich. Studierende, die an Demonstrationen teilnehmen, verschwinden unfreiwillig und lassen trauernde Familien zurück. Sie werden als politische Feinde und Staatsgefahr in Gefängnisse verschleppt, gefoltert, vergewaltigt und erpresst. Lebensmittel gibt es nur noch teuer am Schwarzmarkt zu ergattern. Die Inflation hat schon längst jegliches Papiergeld entwertet. Regime-treue kriminelle Banden plündern und besetzen ganze Häuser. So auch die Wohnung der Protagonistin Adelaida, die nicht nur um den Verlust ihrer Mutter trauert, sondern von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause verliert. Für sie beginnt ein Kampf ums Überleben, der an ihrer Moral und ihrem Gewissen nagt.

„Um zu leben, mussten wir Dinge tun, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen, dass wir sie tun könnten: Plündern oder schweigen. Dem anderen an die Kehle gehen oder wegsehen.“

Buchcover Nacht in Caracas

Fischer Verlag

Der Roman „Nacht in Caracas“ ist im Fischer Verlag erschienen und wurde von Susanne Lange ins Deutsche übersetzt.

So muss Adelaida beispielsweise den toten Körper ihrer Nachbarin, den sie in der Wohnung nebenan vorfindet, zum Verschwinden bringen, um keinen Verdacht zu erwecken und die Aufmerksamkeit jeglicher Autorität auf sich zu lenken.

In „Nacht in Caracas“ sind Realität und Fiktion schwer auseinander zu halten: Denn Hungersnöte und Bürgerkrieg-ähnlichen Szenarien kennt die venezolanische Autorin Karina Sainz Borgo aus eigener Erfahrung. Sie verließ ihre Heimat mit Mitte Zwanzig und arbeitet mittlerweile als Journalistin in Madrid. Ihre Protagonistin im Roman war vor der Krise auch bei einer Zeitung als Lektorin angestellt – damals, als es so etwas wie Tageszeitungen noch gab. Die Journalistin Karina Sainz Borgo hätte in Form von Reportagen die venezolanische Tragödie erzählen können, in einem Interview mit Frankfurter Rundschau erklärte sie aber: „Dieses Buch hat sich mein ganzes Leben lang in mir geschrieben. Dieses Buch hatte viel mit mir persönlich zu tun, mit meinem sehr komplizierten Verhältnis zu meinem Heimatland. Und ich wollte auch ganz grundsätzlich ein Buch schreiben über den Schrecken, den Tod, die Schuld, die Gewalt und über Menschen, die verzweifelt versuchen zu überleben.

Venezuelas Krise hautnah

Mit „Nacht in Caracas“ fängt Borgo ihre Erinnerungen gekonnt ein und untermalt die düsteren Bilder mit teils sehr lyrischer Sprache. Lichtblicke aus der Kindheit unterbrechen den gegenwärtigen Albtraum. Dass es einmal anders war zeigen die Szenen an der Küste: Wo Adelaida gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Tanten das Meer riecht und saure Pflaumen schmeckt. Durch Adelaidas Schilderungen in der Ich-Perspektive verschwinden geografische Grenzen und die Situation in Venezuela ist plötzlich hautnah. Die Bilder bleiben auch noch lange im Kopf, nachdem man die letzte Seite des Buches fertig gelesen hat. Bleibt zu hoffen, dass es in Caracas nicht immer Nacht bleiben wird.

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