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Deerhunter live in Graz August 2019 Dom im Berg

Jakob Issenstein

Bradford Cox kauft sich eine Schere und geht mit mir Kuchen essen

„Why hasn’t everything already disappeared?“ heißt das aktuelle Album von Bradford Cox’ existenzialistischer Art-Indie-Pop-Unternehmung Deerhunter. Sein einziger Österreich-Termin auf der aktuellen Tour führt ihn nach Graz, wo er FM4 vor dem Konzert zum Interview traf.

Von Katharina Seidler

Deerhunter live in Graz August 2019 Dom im Berg

Jakob Issenstein

Das Interview mit Bradford Cox ist am Sonntag, 8.9.2019, ab 21.00 in FM4 Im Sumpf zu hören.

Was sollen wir glauben, oder auch: woran? Will Donald Trump wirklich Grönland kaufen, sind „wir Österreicher einfach nicht so“, gibt es einen Gott, der über uns wacht? Wer hat die schmelzenden Eis-Polkappen mit eigenen Augen gesehen, und wer unsere Toten, die wir vermissen und die uns angeblich begleiten und in manchen Momenten zur Seite stehen? „Create your spirits. Will them alive,“ schreibt Nick Cave; “Der Glaube ist das Wichtigste, was ich habe,” sagt auch Bradford Cox, gekauert in eine Fensternische in einem Grazer Café, vor sich eine Kanne des stärksten Schwarztees der Welt um fast dreißig Euro. „Ich bin religiös, weil ich glauben will, und Glaube heißt für mich, keine Fragen zu stellen.“

Cox sagt dies mit seiner kaum fassbaren Mischung aus überschäumender, ansteckender, bezaubernder, unmittelbarster Liebheit und doch ständig präsenter, existenzieller Verzweiflung. Er zitiert die Bibel im selben Atemzug wie Wittgenstein, Thomas Mann oder Whitney Houston, er kauft in einem Scherengeschäft zwei bunte Kinderscheren und nachher so viele Platten (aktuelles Faible Balinesischer Gamelan), dass die Sackerl fast reißen. Er glaubt an das Konzept Vier Kuchen gegen Heimweh: „I’m looking for a taste from home.“ Er ist umwerfend und beinahe stand-up-comedian-haft lustig und schießt dann sofort einen Satz nach wie: „Wenn ich etwas hasse, dann ist das die Hippiekultur. Sie irrt darin, dass wir alle gemeinsam im selben Boot sitzen. Jeder ist für sich alleine, für immer. Das Alleinesein ist eigentlich mein Safe Space.“ Er meint es aber traurig.

Deerhunter live in Graz August 2019 Dom im Berg

Jakob Issenstein

So also wirbeln einem an einem Dienstagabend in Graz Ende August, dem einzigen Österreich-Stop bei der aktuellen Tour zum Album „Why hasn’t everything already disappeared?“ über 15 Jahre Musik durch den Kopf, erdacht von einem der größten Songschreiber der Gegenwart, dazu eine durch ihn vermittelte Kulturgeschichte quer durch die Jahrhunderte – „alles bis auf das Zeitalter der Technologie, Trost findet man nur davor“ (Bradford Cox) - acht Deerhunter-Alben voll formenwandlerischer Popmusik aus Sternenstaub und substanzieller Schwere zu gleichen Teilen. Warum nicht alles schon längst verschwunden ist?

Comfort me you cover me
Comfort me, comfort me
Cover me cover me
Comfort me, comfort me
(„Agoraphobia“)

Deerhunter live in Graz August 2019 Dom im Berg

Jakob Issenstein

Wenn Bradford Cox sagt, dass er das Konzept der Nostalgie abstoßend findet, dann ist es, weil er in seiner Vergangenheit keine einzige Erinnerung findet, in der eine Hoffnung nicht durch eine Riesenenttäuschung zerstört wurde. Dennoch gibt er nicht auf, sucht nach Zerstreuung und Trost - „die Musik gibt mir das, aber nur dadurch, dass mich die Arbeit ablenkt“ und schenkt sein Herz jedem vorbeigehenden Hündchen auf der Straße. Sein eigener Hund Faulkner, derzeit gerade bei Schwester und Vater in Obhut, springt in einem Handyvideo über einen Steg aus Fußmatten und Teppichen durchs Wohnzimmer: „Das Geräusch seiner eigenen Pfoten auf dem Parkettboden erträgt er nicht.“

Tatsächlich hat mich Bradford Cox nach dieser Begegnung noch tagelang beschäftigt, sein wirres Flattern von Antwortblume zu Stream of consciousness-Blüten, seine plötzlichen Zwischenfragen – „Wie stehst du eigentlich dazu, Insekten zu töten?“ – und seine immer wieder durchblitzende Traurigkeit. Es ist ein einziges großes Glück, dass es die Band Deerhunter gibt, denn selbst, wenn man sonst schon an nichts glauben mag, kann man sich von der Kunst doch ein ums andere Mal das Leben retten lassen.

Deerhunter live in Graz August 2019 Dom im Berg

Jakob Issenstein

Danke an Jakob Issenstein für die schönen Fotos!

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