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Auf einen Seemann lauern viele Gefahren

Das schlimmste, was man sich für einen Seemann ausmalen kann, ist ein Piratenangriff, doch manchmal lauern die größten Gefahren auch im Hafen.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Jeder hat schon einmal geträumt, ein Seemann zu werden. Ich auch. Ich verbrachte meine Kindheit an der Schwarzmeerküste in Varna. Mit meinem Freund S gingen wir jeden Tag zum Hafen, um die Schiffe, die ein- und ausliefen, zu beobachten. Wir konnten schon damals alle Flaggen der Schiffe auseinanderhalten. Am liebsten hatten wir die Schiffe, die unter der Flagge von Panama fuhren. Sie kamen aus der Karibik, und wie alle schon wissen, gibt es dort Piraten.

Wir stellten uns vor, dass jeder Kapitän, der unter panamaischer Flagge zur See fuhr, auch eine zweite Flagge an Bord hat, den Jolly Roger. „Yo, ho, ho, ho! Und eine Flasche Rum“, sangen wir, während wir uns vorstellten, wie wir nach Tortuga segelten.

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Mit Akzent: Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov. Alle Folgen der Kolumne gibt es hier als Podcast.

Später trafen S und ich uns immer seltener, doch jedes mal, wenn wir es taten, sangen wir wieder das „Yo, ho, ho, ho!“, dem wir noch viel später "in jedem Hafen ein Mädchen, in jedem Ort eine neue Liebe!“, hinzufügten.

Neulich traf ich S wieder. Im Unterschied zu mir ist er in Varna geblieben und wurde wirklich Seemann. Er segelte unter allen möglichen Flaggen, inklusive panamaischer. Bis eines Tages das Schiff, auf dem er war, im Golf von Aden von Piraten angegriffen wurde.

Die ganze Crew versteckte sich im Panikraum des Schiffes und hoffte auf das Millitär. Die ganze Welt vefolgte das Geschehen. Die Verwandten von S in Varna hatten höllische Angst. Sie stellten sich vor, wie er mit einer Kalaschnikov bedroht würde. Für einige Tage gab es keine Nachrichten vom Schiff, bis die Besatzung endlich befreit wurde. Doch unter ihnen befand sich kein Bulgare, nur Ukrainer, Polen und Philippiner. Seine Verwandten suchten überall nach ihm und stellten sich vor, dass er zum einzigen Opfer der Piraten geworden sei.

Eine Woche später rief S seine Verwandten an. Er sagte, er werde als Geisel festgehalten und brauchte Kohle für das Lösegeld. Er ist allerdings kein Opfer der Piraten geworden. Im letzten Hafen vor dem Piratenangriff war S in einem Bordell und hatte kein Geld, um zu bezahlen. Seitdem ließen ihn die Zuhälter dort nicht mehr gehen. Er wollte eigentlich noch zum Hafen, um sich Geld von seinen Kollegen zu borgen, doch als er im Hafen ankam, war das Schiff schon weg, deshalb war er beim Piratenangriff auch gar nicht dabei.

Der Betrag, um ihn auszulösen, war gar nicht so hoch. Seine Verwandten sammelten und schickten es ihm. Frei, aber beschämt, kam er zuück nach Varna. Von der Schiffsgesellschaft bekam er kein Gehalt mehr.

Jetzt arbeitet S als Koch in einem Lokal bei einem Golfplatz in Meeresnähe. Ich frage ihn, ob er das weite Meer vermisst. Er antwortet philosophisch: “Von da kann man das Meer eh sehen. Und außerdem ist hier die einzige Gefahr, dass ich einen Golfball am Schädel bekomme. Und ich halte mich vom Golfplatz sowieso fern.”

Danach fragt er mich, ob ich einen Rum will.

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