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Todor Ovtcharov

Der Profi

Michail ist Straßenmusiker und verfügt über bemerkenswerte Fähigkeiten.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Ich befinde mich in einem Restaurant in Süditalien. Am Tisch neben uns hinter einem Riesenteller mit Austern sitzen ein Mann mit dem Aussehens eines Schlägers und seine stark geschminkte Freundin.
Am Gehsteig gegenüber setzt sich Michail. Er winkt mir zu, da er mich kennt, aber nicht mir gehört seine Aufmerksamkeit, sondern dem Mann hinter den Austern.

Michail ist ein Straßenmusiker, der ganz Europa durchkreuzt. Wir kennen uns, ich sehe ihn immer wieder auf der Mariahilferstraße in Wien spielen. Er hat das größte Repertoire der Welt. Michail spielt Chastuschki, Canzonetti, Chansons, Schlager und sogar Opernarien. Er ist ein bemerkenswerter Psychologe, der die Fähigkeit hat, die Nationalität der Menschen zu erraten und sie in ihrer Muttersprache anzusprechen.
Ich habe ihn mal gefragt, wie viele Sprachen er eigentlich spricht: keine einzige sagt er. Er kann nur in jeder Sprache ein – zwei Phrasen, nur um Smalltalk zu führen. Ich habe ihn schon mal auf polnisch über das Wetter reden gehört und chinesische Touristinnen Komplimente auf Mandarin machen.

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Mit Akzent: Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov. Alle Folgen der Kolumne gibt es hier als Podcast.

Michail ist ein Profi, er wird mir nicht alle Geheimnisse seines Handwerks verraten. Er singt am Rande des Falschen Tons, doch durch seine Art zu Kommunizieren, vergeben es ihm alle. In jeder europäische Stadt kennt er jemand, der ihm gratis neue Gitarrenseiten geben würde. Michail ist Esoteriker. Er behauptet, er könne in die Seelen der Menschen hineinblicken. Da er die Seelen der Menschen kennt, habe er kein Zuhause. Michail ist obdachlos und schläft auf Parkbänken und das macht ihn frei. Er bleibt nie hungrig. Er ist Vegetarier, trinkt und raucht nicht.

Genau diesen Michail sah ich in Süditalien. Er kam in unsere Restaurant, sah den Mann mit Aussehens eines Schlägers und seine stark geschminkte Freundin an und fing an „Ochi chornie“ zu singen. Er hat erraten, das sie Russen sind. Er sang anfangs ganz leise, bis er die Aufmerksamkeit des Paares hatte. Sie hörten ihm zu. Michail wurde immer lauter und bald sang er mit voller Stimme. Das Lied war vorbei und alle im Restaurant applaudierten.
Michail verbeugte sich, als ob er sich auf der Bühne von Madison Square Garden befand. Der Mann, der wie ein Schläger aussah sagte etwas zu ihm auf Russisch und Michail erwiderte ihm auch auf Russisch. Die beiden lachten. Der Mann winkte dem Kellner zu und bald brachte er Michail die gleiche Austernplatte. Sie wurde vor die Beiden gestellt, am Gehsteig. Er bekam auch ein Glas Wein. Die beiden stießen an und Michail fing an die Austern zu essen.
Ich konnte meinen Augen nicht glauben. Der Vegetarier stopfte sich mit Austern voll, die noch leben, wenn man sie isst.
Ich wollte ihm was sagen, doch Michail winkte mit nur zu. Denn er ist ein Profi.

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