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die vier Turner-Price Nominierten

Stuart Wilson/Getty Images

ROBERT ROTIFER

„Ein kollektives Zeichen im Namen der Solidarität“

Die Verleihung des Turner Prize ist vielleicht nicht mehr das globale Medienereignis, das sie einmal war. Aber das gestrige, kollektive Statement der Nominierten schickte ein umso stärkeres Signal an das britische Publikum.

Eine Kolumne von Robert Rotifer

Ganz ehrlich, es gäbe genug Stoff zum Absudern hier (deutsche Leser*innen: „öffentlich jammern“), was den politischen Alltag im Vorwahl-Britannien angeht, aber let the news be good zur Abwechslung einmal.

Neulich, als wir auf dem Weg aus der kentischen Provinz in London St Pancras ankamen, kam uns am Bahnsteig ein von randlosen Brillen bescheibtes, bekanntes Gesicht entgegen, auf dem Weg zum zur Abfahrt in Gegenrichtung bereiten High Speed-Zug nach Margate.
„Schau, da ist Sir Nicholas Serota“, sagte ich zu J, mit einem kleinlich halbironischen Unterton auf dem „Sir“.
„Wer?“ fragte J.
„Na der ehemalige Direktor der Tate Gallery. War früher dauernd im Fernsehen“, sagte ich, mit dem versöhnlich gemeinten, bloß umso besserwisserischen Nachsatz: „Kennst du sicher, wenn du ihn siehst.“

Robert Rotifer moderiert jeden zweiten Montag FM4 Heartbeat und lebt seit 1997 in Großbritannien, erst in London, dann in Canterbury, jetzt beides.

In der Tat ist es ja lange her, dass sie Leute wie Serota im Fernsehen aufmarschieren ließen, um zu demonstrieren, in was für einem kunstsinnigen, progressiven Land wir nicht leben. Gar nicht mehr wahr eigentlich.

Gestern Abend dann schaltete ich beim Kanal-Hoppen irrtümlich auf BBC4 und plötzlich war klar, was Serota in Margate zu suchen hatte. Da fand nämlich in der Turner Contemporary-Galerie, einem der bleibenden Denkmäler der von ihm verwalteten Cool Britannia-Ära, die Verleihung des heurigen Turner Prize statt, und als ich unverhofft in die in übersteuerter Piratenradiotonqualität übertragene Zeremonie einstieg, war gerade die leidenschaftliche Rede von Helen Cammock, einer der nominierten Künstler*innen, im Gange.

Turner who?

Vor zwanzig Jahren oder so hätte ich noch fiebernd mitschreiben müssen, denn da war der Turner Prize noch ein globales Medienereignis, ein Vorzeige-Dings in Sachen Popularisierung zeitgenössischer Kunst. Lange her, auch gar nicht mehr wahr, dass mich das letzte Mal ein*e Redakteur*in zur Einschätzung dieser Veranstaltung befragt hat, und das sagt schon einiges aus, nicht nur über den sinkenden Stellenwert des britischen Kunstvermarktungsbetriebs.

Die Scham lag dabei aber, wie David Bowie in der deutschen Version von „Heroes“ nicht sang, auf meiner Seite, denn wenn es je eine Zeremonie gab, die das Mitschreiben wert gewesen wäre, dann diese.

Kurzer Schwenk zu meinem früher bei diesem Anlass pflichtgemäß untergebrachten Disclaimer: Ich kann Musik-, Kunst-, Film-, Literatur- und sonstige Preise auf den Tod nicht ausstehen, aber nicht bloß, weil ich selbst nie welche gewinne, sondern weil die Welt ohnehin schon zu voll des Wettbewerbs ist, und diese Preise Ranglisten in Lebensbereichen einführen, die eine Zuflucht gerade vor diesem Wettbewerb sein sollten.

Diesmal, das war das für mich ziemlich Aufregende, wurde eine politisch aufgeladene Version dieses Disclaimers zum Statement des Abends:

Tai Shani, Lawrence Abu Hamdan, Helen Cammock und Oscar Murillo hatten nach ihrer Nominierung beschlossen, anstatt einander zu konkurrieren, ein künstlerisches Kollektiv zu gründen und ihre Show zum heurigen Turner Prize gemeinsam auszutragen.

Die Jury ließ sich davon schließlich überzeugen und verlieh allen vieren gemeinsam den Preis.

Hier dazu der Clip aus dem BBC News-Twitter-Feed, der unfassbarerweise dort endet, wo die Rede der Preisträger*innen beginnt:

Natürlich wurde dieses Ereignis nachher in den BBC-Nachrichten als eine Art „Alle Snowflakes kriegen einen Preis“-Geste dargestellt und mit dem heuer an zwei Preisträgerinnen, nämlich Bernardine Evaristo und Margaret Atwood vergebenen Booker Prize verglichen (der BBC-Reporter sprach von „Atwood und einer anderen Autorin“).

Tatsächlich aber stand dahinter ein wohldurchdachter, politischer Gedanke.
Aus dem im Guardian im Original zitierten Brief der Nominierten an die Jury:

"Die politischen Themen, die wir [in unserer Kunst] verhandeln, unterscheiden sich stark, und für uns würde es sich problematisch anfühlen, wenn sie gegeneinander ausgespielt würden, mit der Schlussfolgerung, dass das eine wichtiger, bedeutender oder beachtenswerter wäre als das andere.

In dieser Zeit der politischen Krise Britanniens und vieler Teile der Welt, wo es schon so viel gibt, das die Menschen und ihre Gemeinschaften trennt und isoliert, fühlen wir uns stark dazu motiviert, die Gelegenheit dieses Preises dazu zu nützen, ein kollektives Zeichen im Namen der Gemeinschaftlichkeit, der Vielfalt und der Solidarität zu setzen – in der Kunst wie in der Gesellschaft."

Vielleicht sollte ich dabei noch erwähnen, dass Tai Shani bei der Preisverleihung eine Halskette mit einem riesigen Anhänger in Form des Slogans „Tories Out“ um den Hals trug, während Oscar Murillo einen „Vote Labour“-Sticker auf der Brust kleben hatte. Das ist natürlich Missbrauch eines öffentlichen Anlasses für Parteipolitik. Tut man nicht, sowas, schon gar nicht in einem Wahlkampf.

Oder eben gerade doch. Denn das politische Britannien (und es gibt kein unpolitisches Britannien mehr) befindet sich in einem längst weit jenseits aller althergebrachten Fair Play-Rituale stattfindenden, permanenten Ausnahmezustand, wo solche Stellungnahmen zu essentiellen, existenziellen Entscheidungen geworden sind.

Das Statement der Künstler*innen jedenfalls hatte was, unbestreitbar. Es gibt einem Hoffnung für die Wahl nächste Woche und die Zukunft danach, die nicht noch mehr Wettbewerb, sondern kollektives Denken bitter nötig haben wird.

Verzeihung noch, dass ich hier bezeichnenderweise überhaupt nichts über die Kunst der Nominierten geschrieben habe, das lässt sich auf der Website des Turner Prize ohnehin wunderbar nachlesen.

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