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Vernichtungslager Majdanek in Polen

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Yishai Sarids „Monster“ in der Erinnerung und in uns

Ein junger Historiker beginnt, über die Unterschiede der nationalsozialistischen Vernichtungslager in Polen zu forschen. Zu Hause in Israel schlagen andere Kinder seinen Sohn im Kindergarten - er haut nie zurück. Der Roman „Monster“ des israelischen Autors Yishai Sarid hat nur 170 Seiten, entwickelt aber einen gewaltigen Sog und ist ist einer der herausragenden Romane dieses Jahres.

Von Maria Motter

Das Monster der Erinnerung, aber auch das Monster in uns bearbeitet Yishai Sarid in seinem neuen Roman. Gerade mal 170 Seiten hat das Buch, doch wie darin mit Erinnerungskultur an den Holocaust abgerechnet wird, ist ungeheuerlich und zugleich augenöffnend. Welche Fotodokumente prägen unseren heutigen Blick auf die nationalsozialistischen systematischen Massenmorde? Warum wissen wir mehr über die Täter*innen als über die Opfer? Wie gewalttätig könnte ich werden?

The National singen „My mother needs an army, but I’m leaving home and I’m scared that I won’t have the balls to punch a Nazi“ und um diesen, in jeder Hinsicht problematischen Grundkonflikt dreht sich „Monster“. Yishai Sarid bringt seine Leser*innen arg in Bedrängnis und das ist außergewöhnlich gut so.

Das Cover zum Buch "Monster" deutet Eisenbahnschienen an.

Kein & Aber

„Monster“ von Yishai Sarid ist 2019 bei Kein & Aber erschienen, Ruth Achlama hat den Roman aus dem Hebräischen übersetzt. Sarids letzter Roman, der ins Deutsche übersetzt worden ist, war der spannende Agententhriller „Limassol“.

„Die Nazis und ihre Kollaborateure - also die Bösartigen, die Verbrecher - werden zu den Helden der Geschichte. Statt sich mit den Leben der Opfer zu befassen und zu versuchen, ihre Stimmen zu hören und ihre Gesichter zu sehen, wird der Tötungsprozess immer wieder neu erfunden“, kritisiert der 54-jährige Yishai Sarid gängige Erzählmuster.

Seinen neuen Roman „Monster“ hat der Autor in wenigen Monaten geschrieben. Es ist die fiktionale Geschichte eines jungen Historikers, der einen Brief an den Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem verfasst. Doch die Recherche zum im Verlauf der Handlung zunehmend klaustrophobisch wirkenden Roman dauerte Jahre, Sarid studierte viele historische Abhandlungen und autobiografische Zeugnisse von Überlebenden der Shoa. “Ich habe noch nie eine Geschichte von einem Überlebenden gehört, die völlig wasserdicht gewesen wäre“, lässt er den Ich-Erzähler in „Monster“ behaupten. Mehrfach ist der israelische Autor und Jurist Yishai Sarid auch nach Polen zu den einstigen nationalsozialistischen Vernichtungslagern gereist, die jährlich von Tausenden jungen Israeli besucht werden. Doch Yishai Sarid hält nichts von diesen Trips für Teenager.

Polen, das ist ab 1942 der letzte Stopp für die von den Nationalsozialist*innen verfolgten Menschen gewesen, doch die Entmenschlichung hat in Deutschland begonnen. “Warum fällt es euch so schwer, die Deutschen zu hassen? Diese Frage interessiert mich“, schreibt der Ich-Erzähler in „Monster“ und zu Auschwitz, “den Ort, wo die Menschlichkeit ermordet wurde“, hält er fest: “Selbst die verhaltensgestörtesten Kinder verfallen am Tag des Besuchs dort in heilige Ehrfurcht. Das Label tut seine Wirkung“.

Isrealische Teenager sollten nach Berlin reisen, nicht nach Auschwitz

Yishai Sarid spricht sich dafür aus, dass Jugendliche zuerst nach Berlin statt nach Auschwitz reisen sollten. Israelische Jugendliche würden die polnische Bevölkerung verachten, doch keinen Groll gegen die Deutschen hegen. „Die Reisen betonen die Rolle der Polen viel zu sehr, freilich waren viele Polen nicht unschuldig, aber der Holocaust ging von den Deutschen aus. Es waren die Deutschen, die den Holocaust organisierten und administrierten – nicht die polnischen Leute.“ Das nationalsozialistische Regime hat die Massenvernichtung nicht auf deutschem Grund gewollt, die Vernichtungslager wurden weit im Osten gebaut. Freund*innen Sarids urlauben jeden Sommer im Bayrischen Wald, doch deren Einladungen, doch mal mitzukommen, die Landschaft sei so schön, schlägt er immer aus. Es irritiert, dass er in „Monster“ stets von „den Deutschen“ schreibt, als Österreicherin will man die Landsleute ergänzen und die Täter*innen insgesamt eher als Nationalsozialist*innen genannt wissen. Dabei muss man bedenken, dass der Roman im Original in Israel veröffentlicht wurde.

Es sind vielfach die Romane mit den unsympathischen Hauptfiguren, die einen gedanklich weiterbringen. Und „Monster“ gehört definitiv dazu. Die Hauptfigur in „Monster“ ist ein namenloser Ich-Erzähler, der die nationalsozialistischen Vernichtungslager zu gut kennt. Der junge Mann ist Israeli und Historiker, er ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Er hat, recht pragmatisch, seine Doktorarbeit über die Arbeitsmethoden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern verfasst und sich mit seinem betont sachlichen Zugang einen Namen gemacht. Es ist noch keine Karriere, doch zumindest sichern ihm seine Aufträge als Guide für Schüler*innengruppen in Polen ein gutes Einkommen und ab und an kommt hochrangiger Besuch. Zu Hause in Israel schlagen andere Kinder seinen Sohn im Kindergarten – er haut nie zurück.

„Sind wir mutig genug?“

„Du hast recht, es gibt ein potenzielles Monster in uns allen“, sagt Yishai Sarid nach seiner Lesung in der Wiener Buchhandlung Singer auf meine Bemerkung hin, dass er in seinem Buch virtuos und beständig auf den Twist am Ende hinarbeitet.

„Die Frage ist: Sind die besseren Engel in unserem Herzen stärker - oder die Monster? Der Holocaust verkommt zu einer fernen, historischen Angelegenheit, aber tatsächlich ist er eine klaffende Wunde – sogar, wenn man den Holocaust ignorieren will. Für jüdische Menschen ist der Holocaust ein Trauma, das nie behandelt worden ist.“

Der Ich-Erzähler in „Monster“ sagt nicht direkt, dass er ein Nazi gewesen sei, doch er wirft immer wieder die Frage der Verantwortung auf. „Wir alle denken von uns, wir wären gute Menschen, wir würden Menschen retten und uns zu den Gerechten unter den Völkern einordnen. Aber wenn wir ehrlich zu uns sind, dann ist die Antwort nicht so einfach. Die moralischen Fragen, die der Holocaust uns stellt, müssen nicht so weit gehen, dass man sich in die Position von Nazis denkt. Es geht um Dinge, die in der Gegenwart vor sich gehen: Stellen wir uns dagegen? Sind wir mutig genug? Das sind die Fragen, die wir uns zu stellen haben. Wer den Holocaust nur historisch betrachtet, verfehlt alles.“

Für eine zeitgemäße Gedenkkultur

Mahnmale und Zeremonien zur Erinnerung seien schön und wichtig. Aber davon wird niemand mehr lebendig, sagt Sarid, der auch als Rechtsanwalt arbeitet. Ehrenamtlich setzt er sich für die in Israel geborenen Kinder philippinischer Gastarbeiter*innen ein, denen der Staat Israel kein Bleiberecht einräumen will. Es gibt eine juristische und öffentliche Auseinandersetzung darüber.

Der Autor und Rechtsanwalt Yishai Sarid lächelt

Katarina Ivanisevic

Yishai Sarid

„Das hat aber nichts mit einem Vergleich zu tun – selbst, wenn sie auf die Philippinen abgeschoben werden, sind ihre Leben nicht bedroht. Aber alle, vor allem die Menschen im Westen, sollten sich fragen: Stelle ich mich auf die Seite von Minderheiten? So einfach ist das. Wenn du in Sicherheit bist und stark, ist es leicht, schwache Menschen zu übersehen und die Gesetze als Vorwand zu nehmen, sie zu misshandeln. Da muss die Zivilgesellschaft einschreiten und protestieren.“

Israelis müssten vielleicht sogar noch großzügiger und zuvorkommender handeln als andere, überlegt Sarid. Doch ist das nicht ein Widerspruch, wenn es eine der Lehren aus dem Holocaust sei, stark zu sein? Der Autor sieht das nicht so, es sei eine der Komplexitäten des Lebens und wichtig für jüdische Menschen, sich nach dem Holocaust verteidigen zu können. Yishai Sarid ist über den obligatorischen Wehrdienst hinaus in der Armee geblieben, Offizier geworden. Man könne stark sein und die Menschenrechte einhalten, das sei kein Widerspruch.

Im Roman „Monster“ verhandelt er zentrale Themen präzise und kompakt und er fasst den Holocaust in aller Kürze zusammen, verwebt historische Zahlen und Tatsachen in die Erzählung, die in der Rahmenhandlung eines Briefs daherkommt: Denn der Ich-Erzähler hat sich etwas zuschulden kommen lassen und er will sich rechtfertigen.

Faszination für die Täter*innen

„Ich denke, wir alle haben eine Art kranker Faszination, was die Taten der Nazis angeht“, sagt Yishai Sarid. Auch in Israel erscheinen jedes Jahr neue Biografien mächtiger Nazis, die Bücher sind teilweise Bestseller. „Die Opfer sind nicht so interessant. Die Leute interessieren sich für diese Massenmörder und deren grenzenlose Gewalt. Das wollte ich im Buch porträtieren.“ Yishai Sarid bittet öfter Menschen, ihm Namen von Opfern der Nationalsozialist*innen zu nennen. Die meisten würden einzig mit Anne Frank antworten. Von fiktionalisierten Geschichten, die Gegenwartsautor*innen in der Zeit des Nationalsozialismus ansiedeln, ist Yishai Sarid kein Fan (der Roman „Stella“ vom Autor und Journalisten Takis Würger war einer der meist diskutierten deutschsprachigen Romane 2019), doch wichtig sei in jedem Fall, dass die historischen Fakten richtig seien.

Der Kultur der Bewunderung und Faszination für Gewalt etwas entgegenzusetzen, ist schwierig. Wir sollten uns dieser Faszination bewusst sein, denn Politiker und andere würden diese Schwäche bedienen. Und wir sollten viel mehr über die Opfer sprechen und ihre Lebensgeschichten kennen lernen. Die Geschichten der Gerechten unter den Völkern sind nicht allgemein bekannt.

„Kapos hatten keinen freien Willen“

Herausragend ist eine Passage in „Monster“, in der es um einen Zeitzeugen geht, der möglicherweise ein sogenannter Kapo war. Die Kapos waren ein wichtiger Teil im System der Nazis. Jüdische und andere Gefangene wurden benutzt, um ihre eigenen Mitgefangenen zu terrorisieren.

„In den Fünfziger Jahren sind manche Kapos nach Israel gekommen und sie wurden angeklagt. Das ist sehr problematisch, denn wir sprechen hier über Menschen, die unter Todesandrohung der Nazis funktionierten“, so Yishai Sarid. „Sie hatten keinen freien Willen. Man kann nicht über sie richten, als wären das gewöhnliche Umstände gewesen. Nach wenigen Verfahren wurde die Verfolgung der Kapos eingestellt. Niemand weiß, wie sie oder er sich unter solchen Umständen verhalten hätte. Jeder will leben und überleben.“

Virtuos erzählt

In „Monster“ kann der junge Historiker seinen kühlen, sachlichen Zugang nicht aufrechterhalten. Er ist bemüht, Gefühle außen vor zu lassen, die Geschichte in Zahlen und Fakten zu vermitteln. Doch mehr und mehr überwältigen ihn surreale Momente, wenn er Gruppen über die einstigen nationalsozialistischen Vernichtungslager führt. Es liest sich, als würde er für Sekunden in die Geschichte gezogen, als würden alle Zeiten gleichzeitig ablaufen. Yishai Sarid hatte solche Momente selbst.

“Dreißig Deutsche (einschließlich derer, die auf Urlaub waren), hundertfünfzig Ukrainer, sechshundert Juden – das war die Belegschaft, die die Vernichtung in Treblinka betrieb, erklärte ich meinen Gruppen, so sahen die Größenordnungen auch in den anderen Vernichtungslagern aus“, heißt es an einer Stelle in „Monster“. Als anlässlich des 75. Jahrestages der Wannseekonferenz der „Experte für Vernichtungslager in Polen“ das geeignetste Lager für eine Inszenierung mit Kampfjets finden soll, steigert sich die Geschichte kurz zur Farce.

Popkultur und Holocaust

Die Hauptfigur in „Monster“ wird als beratender Experte auch zur Entwicklung eines Videospiels beigezogen. Popkultur habe größten Einfluss auf unser Denken und auf die Art und Weise, woran und wie wir uns erinnern. Darum sei es wesentlich, findet Yishai Sarid, dass sich auch die Populärkultur mit dem Holocaust beschäftige. „Ich bin da nicht der Sittenrichter. Man muss den Holocaust in Verbindung setzen zu Dingen, die jetzt vor sich gehen. Nicht, um zu vergleichen, nicht, um alles gleichzusetzen, sondern um die Lehren aus dem Holocaust zu ziehen.“

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