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FILM

Filmrausch 2020: Worauf man sich heuer im Kino freuen darf

Drei Cinephile schwärmen über ambitionierte Agententhriller, ungewöhnliche Sci-Fi-Sensationen und kostümierte Kämpferinnen.

von Christian Fuchs

Christoph Prenner schaut sich immer wieder mal gern Sachen im Kino oder Fernsehen an, über die er sich dann als Chefredakteur von SKIP buchstäblichfreut.

Sebastian Selig lebt im Kino und schreibt darüber immer wieder auf diversen Kanälen ausschweifend liebevolle Erlebnisberichte. Aktuell arbeitet er an einem Roman über ein sich rückwärts durch die Zeit bewegendes Einkaufzentrum und pilgert zu im Verborgenen liegenden Filmfestivals.

Es ist fast schon ein kleines alljährliches Ritual. In den Feiertagen, während eigentlich Entspannung angesagt ist, wühlen wir uns fiebrig durch Filmlisten und Inhaltsangaben. Wir, dass sind Christoph Prenner vom Wiener SKIP-Magazin, der deutsche Filmblogger Sebastian Selig und meine Wenigkeit. Auch heuer sind wir wieder höchst fündig geworden - und es war nicht leicht, eine Auswahl punkto kommender Kinosensationen zu treffen.

„Tenet“: Christopher Nolan geht wieder auf Zeitreise

Man glaubt es ja kaum, aber der Name dieses Regisseurs ruft kontroverse Reaktionen in cinephilen Kreisen hervor. Für seine Gegner ist Christopher Nolan ein bildungsbürgerlicher Streber, der für klinisch kühle und pingelig konstruierte Blockbuster steht. Für seine Fans wiederum, zu denen ich mich unbedingt zähle, ist der Brite einer der wichtigsten Retter des Bombastkinos. Ein unerbittlicher Verfechter analoger Action-Spektakel, bei dem noch echte Autos und Häuserfronten in Flammen aufgehen statt billig aussehender Computertricksereien. Ein Analytiker von Maskulinität, dessen Antihelden das alte heroische Hollywood mit den beschädigten Männerbildern der Gegenwart kurzschließen. Vor allem ist Christopher Nolan aber gleichermaßen fasziniert von irrationaler Romantik und wissenschaftlichen Ideen gleichermaßen.

All diese Vorzüge dürften auch in seinem neuen Actionthriller aufflackern, der im Juli anläuft. Weil sich Nolan vom engen Korsett eines James-Bond-Films wohl eingeschränkt fühlt, präsentiert er stattdessen seine Version eines Agententhrillers. „Tenet“ vereint die Welt der internationalen Spionage mit seinem (und meinem) Lieblingsthema: Zeitreisen. Der Trailer sieht fantastisch aus, vereint die gewohnte Nolan’sche Eleganz mit großen Tschinn-Bumm-Momenten und viel Mystery-Herzklopfen. Dazu die Gesichter von Elisbeth Debicki, Robert Pattinson, John David Washington und, muss sein, Michael Caine. Bin komplett angefixt. (Christian Fuchs)

„No Time To Die“: 007 lebt länger

Hätte es nach der herben Enttäuschung, die „Spectre“ nach dem phänomenalen „Skyfall“ leider ganz unbestreitbar war, ein Ende gehabt mit der James-Bond-Ära Daniel Craig – oder gleich mit der ganzen Reihe – man hätte sich nicht einmal beschweren können. Oder auch wollen. Nachdem sich Craig schließlich aber doch für eine Abschiedsvorstellung überreden ließ und dann auch noch die berüchtigten „kreativen Differenzen“ mit Danny Boyle, dem Regisseur der dafür ersten Wahl, ausgeräumt worden sind (ergo: Mr. Trainspotting den Hut nehmen musste), sehen wir uns nun nach einigen Jahren Verzögerung tatsächlich noch mit Bond 25 konfrontiert: „No Time To Die“.

Dass man diesem Film, trotz der nicht allerbesten Vorzeichen, mit einer intakten Vorfreude entgegenblicken darf, liegt an der geballten Könnerschaft, die als Kreativkraftneuzugänge speziell aus dem Serienteich gefischt wurden. Regisseur Cary Fukunaga kann man wegen der ersten Staffel „True Detective“ nur vergöttern, die für Drehbuch-Fixes hinzugezogene Phoebe Waller-Bridge hat mit „Fleabag“ die herausragende Comedy-Serien der letzten Dekade geschaffen. Und Neo-Bösewicht Rami Malek bewies in der überragenden letzten Staffel von Mr. Robot zuletzt noch einmal eindringlich, dass das blutleere „Bohemian Rhapsody“ nur ein Ausrutscher gewesen ist. Gut vorstellbar also, dass das doch noch dafür reicht, den schon so oft totgesagten 007 noch eine Weile länger leben zu lassen. (Christoph Prenner)

„Dune“: Neues vom Wüstenplaneten

Neben Christopher Nolan und vielleicht auch Rian Johnson taucht natürlich ein Name auf, wenn es um spektakuläres Hollywoodkino mit Arthouse-Ambitionen geht: Denis Villeneuve. Ich durfte dem Kanadier vor einigen Jahren mal bei einem Interview gegenübersitzen und hatte das Gefühl, mit einem superseriösen Theaterregisseur zu reden, der demnächst die Wiener Burg übernimmt. Stattdessen macht Villeneuve aber Actionthriller („Sicario“), Alien-Movies („Arrival“) oder Fortsetzungen ikonischer Anti-Utopien („Blade Runner 2049“) und nähert sich den Genrestoffen mit heiligem Ernst.

Dieser Regisseur, der für mich alles darf, weil er mich emotional mehr erschütterte als jeder andere in den Zehnerjahren, darf auch einen Film von David Lynch remaken. Wobei Denis Villeneuve natürlich genau das nicht tut. Er nähert sich nur erneut den fetten Sci-Fi-Wälzern des Autors Frank Herbert, die schon Lynch anno 1984 verfilmte. Dessen „Dune“ kann man, auch oder gerade als leidenschaftlicher Verehrer des Regiegotts, als interessantes Unglück abhaken. Unter Riesendruck der Produzenten verhaspelte sich der Kunstfilmer David Lynch damals bei seiner Umsetzung des „Wüstenplanet“, trotz etlicher hypnotischer Bildkompositionen. „Dune“ in der Adaption von Villeneuve verspricht dagegen wuchtiges, mitreißendes, stockdüsteres Sci-Fi-Kino für Erwachsene. Und dazu dieses Ensemble: Timothée Chalamet, Oscar Issac, Charlotte Rampling oder Stellan Skarsgård sind dabei, auch die furiose Zendaya aus „Euphoria“. Könnte wohl mein Film des Jahres werden. (Christian Fuchs)

„Benedetta“: Provokationen hinter Klostermauern

Jetzt hat es leider nach dem überragenden „Elle“ doch noch einmal knapp vier Jahre gedauert, aber 2020 wird nun endlich auch Paul Verhoeven verwegener Nonnen-Sexfilm „Benedetta“ die alten Gemäuer der Cinephile lustvoll erzittern lassen. Mit dabei als Mutter-Oberin Charlotte Rampling („Der Nachtportier“). Hach. Ob es bereits im biterkalten Berlin oder vielleicht doch erst in den sonnendurchfluteten, heiligen Hallen von Cannes zur Bescherung kommen wird, zeigt sich wohl in den kommenden Wochen. Ein unbefangenes Fest der Liebe wird es wohl in jedem Fall werden. (Sebastian Selig)

Nonne und Ritter

Pathé Films

„Wonder Woman 1984“: Superheldinnen übernehmen die Macht

Wenig Filme haben so viel in Bewegung gebracht wie vor drei Jahren „Wonder Woman“ von Patty Jenkins. Nach dem überragenden Erfolg ihres Wunderwerks, dass das Blockbusterkino revolutionierte, scheint es nun tatsächlich endlich zu einem Umdenken in Hollywood gekommen zu sein. 2020 werden vier der größten Superhelden-Produktionen des Jahres von Frauen inszeniert worden sein. Patty Jenkins selbst dürfte mit „Wonder Woman 1984“ den Konsumtempel, dieses zunehmend auf der Stelle tretenden Genres, ordentlich erzittern lassen. Wenn nicht sogar zum Einsturz bringen.

Aber da sind noch mehr kostümierte Kämpferinnen: Cate Shortland (“Lore“, “Berlin Syndrome“) wird mit Scarlett Johansson („Under The Skin”) und Florence Pugh (“Midsommar”) zusammen als “Black Widow“ Budapest verwüsten. Cathy Chan („Dead Pigs“) wiederum emanzipiert Harley Quinn (Margit Robbie) endgültig vom „Joker“ und lässt dann noch die „Birds of Prey“ auf die entsprechend sofort wieder ziemlich verschreckten Nerds los. Bis dann zum Ende des Jahres (und hoffentlich bis in alle Ewigkeit), die wunderbare Chloé Zhao (unbedingte Sehempfehlung, ihr Meisterwerk „The Rider“) mit den „Eternals“ ein betont weibliches, von Göttinnen dominiertes Kino-Universum aufmachen wird. Jetzt fehlt natürlich noch eine rein von Frauen inszenierte, neue „Star Wars“-Trilogie, aber auch die scheint inzwischen zum Greifen nah. VorfreudeDeluxe. (Sebastian Selig)

„Rebecca“: In Hitchcocks Fußstapfen

Dafür, dass wir an dieser Stelle früher keine jährliche Vorfreudenschau ohne eines seiner kommenden Werke bestreiten konnten, ist es zuletzt verhältnismäßig ruhig geworden um Ben Wheatley (High Rise, Kill List). Das mag daran gelegen haben, dass einige Projekte des begnadeten Briten seit ewig in der Development Hell schmoren (wir haben die Hoffnung auf sein Monster Movie „Freak Shift“ indes immer noch nicht aufgegeben) oder einfach im britischen TV gelaufen sind („Happy New Year, Colin Burstead“).

Zumindest auch auf hiesigen Fernsehkastln – wenngleich auch wohl leider nur dort – zu sehen sein wird seine jüngste Arbeit, die von Netflix finanzierte Film-Neuauflage von Daphne Du Mauriers klassischem Gothic-Grusel „Rebecca“. Armie Hammer und Lily James geben darin demnächst die Frischvermählten, die sich im Familienanwesen mit dem Geist der verstorbenen Ex des Ehemanns konfrontiert sehen. Hatte mir zwar immer ausgemalt, dass es eigentlich nur Guillermo del Toro sein kann, der in genau diese Fußstapfen des großen Hitchcock (der den Roman vor 80 Jahren erstmals adaptiert hat) treten wird können. Wheatley trau ich die Transformation des legendären Stoffs aber in nicht minder meisterhafter Manier zu. (Christoph Prenner)

„Wendy“: Peter Pan mit Bodenhaftung

Superheldinnen-Kino der ganz anderen Art bringt Ben Zeithlin heuer ins Kino. Die kindlichen Protagonisten*innen seines neuen Films „Wendy“ können magische Dinge vollbringen, entstammen sie doch dem berühmten Märchen „Peter Pan“. Den üblichen Disney-Zuckergruß sucht man dabei aber vergeblich. Wie in seiner berührenden Südstaaten-Fabel „Beast of the Southern Wild“ mixt Zeithlin Unschuld und Bedrohung, verküpft die Fantasy-Anklänge mit der Bodenhaftung des Realismus. Ich erwarte mir berauschendes Gefühlskino mit Indie-Touch und einen Film, der so euphorisiert wie frühe Songs von Arcade Fire. (Christian Fuchs)

„News to the World“: Anti-Western mit Systemsprengerin

2019 hat ein Film noch einmal mehr als andere, ganz viele Herzen aufgerissen. „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt war auch deswegen so ein Hammer, weil darin die gerade einmal elfjährige Helena Zengel, die wohl aufwühlendste, schauspielerische Performance des Jahres von der großen Leinwand herunterknallen ließ. 2020 reitet sie nun an der Seite von Tom Hanks durch einen düsteren Spätwestern von Paul Greengrass.

Helena Zengel spielt in „News to the World“ ein Mädchen, welches bei Indianern aufwächst, die ihre Eltern getötet haben. Nachdem diese dann wiederum von Soldaten niedergemetzelt wurden, soll Tom Hanks sie nun 500 Meilen durch die Wildnis zurück zu entfernten Verwandten bringen, wo sie natürlich nicht hin will. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Paulette Jiles. Es wird sehr spannend sein zu sehen, was ein visuell derart virtuoser Filmemacher, wie Greengrass mit so einem Stoff macht. (Sebastian Selig)

Filmtalk Podcast Bild

Radio FM4

Christian Fuchs und Pia Reiser werfen im FM4 Film Podcast gemeinsam mit Gartenbaukino-Geschäftsführer und Filmliebhaber Norman Shetler einen Blick auf das Filmjahr 2020. Und haben Vorschläge, welche Filmemacher in Pension gehen sollten.

„I’m Thinking Of Ending Things“: Being Charlie Kaufman

Gar nicht überschätzen kann man das Wirken von Charlie Kaufman. Von „Being John Malkovich“ über „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ bis „Synecdoche, New York“: Meta-Film-Meisterwerke allesamt, die auch nach dem fünfundzwanzigsten Schauen noch neue Schätze offenbaren. Fünf Jahre nach seinem schmerzhaft schönen Stop-Motion-Liebesfilm „Anomalisa“ sollen 2020 gleich zwei neue Werke nach seinen Skripten erscheinen. Besonders dem für Netflix realisierten „I’m Thinking Of Ending Things“ gebührt dabei gesonderte Aufmerksamkeit: Wie Kaufman der eh schon geil delirierenden Buch-Vorlage von Ian Reid mit Toni Collette und Jesse Plemons seinen eigenen, fix noch aberwitzigeren Dreh verleiht, wird man gesehen haben müssen.

Nicht ganz so ungefiltert Kaufman-esk wird‘s dafür in „Chaos Walking“ zugehen, einem SciFi-Thriller mit Young Adult-Anstrich, an dem der Kreuz-und-Querdenker irgendwann auch mal am Drehbuch mitgewirkt hat. Bald wissen wir (hoffentlich?) mehr. (Christoph Prenner)

„Last Night in Soho“: Exzentrische Retro-Schocks

Die besten Horrorfilme 2019 waren gar keine richtigen Horrorfilme, wenn ich jetzt an „Midsommar“, „The Lighthouse“, „Border“ oder „Der Goldene Handschuh“ denke. Ganz in dieser Tradition bewegt sich heuer ein Regisseur, der ohnehin schon immer Genres gehörig unterwandert hat. Wir verdanken dem Briten Edgar Wright die erste und immer noch beste ZomCom aller Zeiten („Shaun Of The Dead“), einen bizarr-komischen Copthriller im englischen Provinzmilieu („Hot Fuzz“), eine besonders durchgeknallte Comicverfilmung („Scott Pilgrim vs the World“) und ein Actionspektakel der exzentrischen Art („Baby Driver“). Jetzt nähert sich Wright dem Horrorbereich – allerdings wieder auf seine ganz eigene Weise.

Zombie Frau

Focus Features LLC

Die Story von „Last Night in Soho“ hört sich ebenso toll wie der Filmtitel an: Eine junge Frau, die von Mode besessen ist, schafft es auf mysteriöse Weise in die 60er Jahre zurückzureisen, wo sie auf eine stylische Nachwuchs-Sängerin trifft. Aber in den Swinging Sixties lauert auch das Grauen auf die beiden Protagonistinnen. Ob Edgar Wright diesmal auf seinen Trademark-Humor verzichtet, lässt sich noch nicht sagen, der Regisseur hält sich noch völlig bedeckt, was den im September anlaufenden Film betrifft. Man darf aber mit ungewöhnlichen Twists, berauschenden Retro-Bildern und zwei fantastischen Hauptdarstellerinnen rechnen, nämlich Thomasin McKenzie („Leave No Trace“) und Anya Taylor-Joy („Split“, „Glass“). Ich kann es nicht erwarten. (Christian Fuchs)

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