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Peter Pacult

APA/HERBERT P. OCZERET

Blumenaus 20er-Journal

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt: Peter Pacult ist der ärgste Experte.

Vergiss Polster und Krankl, vergiss Prohaska und Schinkels: Peter Pacult, der neue Ex-Fußballstar-Now-Experte beim Boulevard, zeigt allen anderen, wer der Ärgste ist.

Von Martin Blumenau

Ohne sie kommt der Medien-Boulevard nicht aus: Ex-Sportler, die als Experten (egal ob als Sidekick oder Kolumnist) Fachkenntnis und Emotion bringen sollen.

Jede Fussball-Nation hat die Experten, die sie verdient. Deutschland etwa verdient sowohl den Platitüden-Knallfrosch Lothar Matthäus als auch den erleuchtenden Erklärbär Thomas Broich.

Österreich hat, das will ich nicht unterschlagen, auch einen Payer, Ortlechner oder Janko (und vor mir aus auch einen Tatar). Die bedienen aber wiederum ihrerseits nur die bereits Interessierten, also die Experten unter den Zusehenden.

PS: heute entfällt das *gendern, weil der Text tatsächlich nur Männer betrifft.

Die Zugpferde sind andere, die big names, die jede Österreicherin kennt, egal ob als Jahrhundertsportler, Werbeträger oder Dancing Star. Und noch etwas eint diese Handvoll an Kolumnisten: der geringe Aufwand an Vorbereitung. Letztlich erzählen Prohaska, Krankl, Polster, Konsel oder Schinkels in ihren Kolumnen das immer Gleiche, sie wiederholen ein zur Farce erstarrtes Narrativ vom früheren, lustvoll-lässigen Fußball, der im Gegensatz zum heutigen modernen (spaßbremsenden) Fußball steht. Sie zementieren auch die Klischees, die sie seit ihren eigenen Anfängen kennen: vom Grasfressen, dem Kampf bis zum Umfallen, der Trickserei und Schlitzohrigkeit. Und noch etwas: sie betonen die Ehrlichkeit ihres Fußballs - wiewohl die einen beim größten Fußball-Betrug der Geschichte, in Gijon, als Täter dabei waren, und die anderen als Schlaucherl und/oder Roßtäuscher gelten.

Dazu wird hemmungslos die Vereinszugehörigkeit ausgestellt, allerdings nur solange der Verein einen (und seine Günstlinge) entsprechend hofiert. Dazu kommt das Gefühl alles eh schon zu wissen und nichts mehr lernen oder gar unter neuen Gesichtspunkten, womöglich gar angesichts eines sich verändernden Sports in einer sich verändernden Gesellschaft zu betrachten. Gegen das sind die Experten genauso immun wie gegen die Begrifflichkeiten des modernen Fußballs. Passt nicht ins Narrativ. Dieser Mix aus Verhaberung und Selbstgefälligkeit führt dann zu einer inhaltlichen Redundanz, die ihresgleichen sucht. Veränderungen der Entwicklungen werden von den „Experten“ erst erkannt, wenn sie schon von der Tribüne schallen: dem entgegnen die Experten dann mit dem Grundton der Beleidigtheit, einem weiteren ihrer Leitmotive.

Nun dachte man, dass alles schon abgedeckt ist: Krankl ist für die starre Egomanie zuständig, Prohaska für das Ausgleichende, freundlich-verbindliche niemand-weh-tun-wollen, Polster für die Wuchtl-Druckerei, die niemand außer ihm selber witzig findet, Konsel für die gut sitzende Frisur und Schinkels für die Till-Eulenspiegelmäßigen Schlankerl-Sprüche, die ihm sein gutes Leben in autoritären Fürstentümern (Haider, Pröll, Fellner) erst möglich machen.

Seit letzten Donnerstag ist aber ein neuer Sheriff in der Stadt: Peter Pacult, Ex-Spieler-Star, aber auch international tätiger Ex-Trainer, ersetzt bei der U-Bahn-Zeitung Heute den wohl zu stark ans Oe24-Imperium gebundenen Schinkels.

Und wer gedacht hatte, dass man das Schlechteste aller Welten nicht mehr toppen kann, hat sich getäuscht: Pacult kann. Er ist angetreten der Ärgste, der Wildeste zu sein.

Pacult stellt in einfachen Sätzen seine Sicht der Dinge schnell klar. Ohne den Hauch jeder Begründung; ganz so wie der Schleifer-Trainer, der sich auch nicht rechtfertigen muss, wie der Autokrat. Er erklärt nicht, er diktiert. Er weiß jetzt schon wie die Meisterschaften ausgehen werden. Er hat aus Spielern erst das gemacht was sie heute sind. Und er kennt alle, auf Augenhöhe, Minimum.

Er definiert den Experten also als Gegenteil des Journalisten: nicht als Erklärer und Hinführer, sondern als allwissenden Richter. Das ist in seiner Radikalität durchaus ehrlich, artet in der aktuellen, drei Kolumnen langen Praxis dann aber in Extremismus aus.

Zur dieswöchigen (überraschenden) Ernennung des deutschen Meistertrainers Felix Magath als Über-Sportchef bei der Admira weiß er nach einem Absatz Wikipedia-Bio, dass er Magath als Coach einmal geschlagen hatte, dass er wie Magath Happel als Coach hatte und deshalb über den modernen Fußball (Gegenpressing und so...) lachen muss. Wir erfahren nichts über Magath, aber alles über Pacult.

Erinnert mich an eine Kolumne, die Dolezal & Rossacher ganz früher einmal geschrieben haben: da erfuhr man von den Pop-Stars auch ausschließlich, was sie von Dolezal und Rossacher hielten. Wobei: soweit geht Pacult ja nicht, der menschelnde Aspekt fehlt ihm völlig. Er verknüpft Magath ja nicht über eine Anekdote mit seiner Person, er bleibt im reinen Vergleichs-Modus (seiner ist natürlich länger).

Das ist deswegen seltsam, weil Pacult in gewissen Gegenden und Kreisen Wiens Kultstatus genau wegen dieser menschlichen Qualitäten genießt. Ein Arnautovic, ein Alaba, aber auch ein Yung Hurn oder ein Nino Mandl (wenn man Hirschstetten dazunimmt) würden selbst Geschichten, die sie zum Endzweck der Preisung ihrer eigenen Lässigkeit erzählen würden (was sie nicht tun, weil sie’s nicht nötig haben), immer mit emotionalen Bildern der anderen handelnden Personen anreichern. Einfach, weil das auch auf den Erzähler zurückfällt und abstrahlt.

Peter Pacult tut nicht nur das nicht: er benutzt alle, die in seinen Texten vorkommen, ausschließlich als Fläche zur Selbstbespiegelung. Das schafft nicht einmal Hans Krankl, der König des Egos - selbst der gesteht anderen eine emotionale Existenz zu. Ich gebe zu: das hat mich tatsächlich schockiert. Etwas Kaltherzigeres und gleichzeitig auch Armes, bitterlich um (offensichtlich zu geringe) Anerkennung Flehendes hab ich selten gelesen.

PS: Im „Schlagoberskoch“ des „Nino aus Wien“ wird übrigens Mama Pacult, die einst die Kantine von Columbia Florisdorf geleitet hat und ihr Gulasch besungen.

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