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"Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge

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Manga-Kurzgeschichten ohne eindeutige Held*innen

Die berühmtesten Kurzgeschichten des in Japan groß gefeierten Manga-Autors Yoshiharu Tsuge sind nun auch auf Deutsch erschienen.

Von Christian Pausch

In vielen deutschen Manga-Übersetzungen findet sich auf der vermeintlich ersten Buchseite der Hinweis, dass es sich um die letzte Seite handelt, denn man liest sie in japanischer Leserichtung. „Halt!“, steht da geschrieben, um die deutschsprachige Leser*innenschaft an diese Besonderheit zu erinnern.

So ist es auch in „Rote Blüten“ von Yoshiharu Tsuge und dennoch möchte ich die Empfehlung aussprechen, diesmal doch österreichisch-vorne bzw. japanisch-hinten zu beginnen, nämlich beim Nachwort. Dort erklärt der Zeichner und Autor Mitsuhiro Asakawa auf nur sechseinhalb Seiten alles, was man über den vorliegenden Autor Yoshiharu Tsuge wissen muss und bringt ihn uns so näher.

"Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge

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Zum Beispiel erklärt Asakawa, dass Tsuge Zeit seines Schaffens immer wieder von Angstzuständen geplagt wurde und deshalb auch in seinen Manga diese dunklen Seiten seiner eigenen Seele erforschen wollte. Ein Umstand, der in Japan neu war, denn das Innenleben eines Menschen, so schreibt es die gesellschaftliche Ordnung vor, soll auch „innen“ bleiben und nur ja nicht ans Tageslicht dringen.

„Rote Blüten“ ist ein fast 400-seitiger Sammelband von zwanzig meistens sehr kurzen Manga-Geschichten, die sich schnell und zügig lesen lassen, aber noch lange nachhallen. Manchmal driftet Tsuge dabei ins Fantastische ab, aber stark ist seine Erzählweise vor allem da, wo die Geschichten bedingungslos realistisch sind.

"Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge

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Mit dabei sind auch die zwei Erfolgs-Manga von Tsuge: „Neji-Shiki“ (ねじ式) und „Akai hana“ (紅い花) aus 1967 und 1968. Zweiterer ist sogar die titelgebende Geschichte der deutschen Version. Es handelt sich um Manga, die wegen ihrer surrealistischen bzw. ultra-realistischen Erzählweise im Japan der 60er Jahre und bis heute so große Wellen geschlagen haben, dass es tatsächlich schwer sein dürfte, jemanden zu finden, der*die diese Kurzgeschichten nicht kennt.

Tsuges immer wiederkehrender Protagonist, der selbst Manga-Zeichner ist und daher oft als Tsuges Abbild gelesen wird, wandert in den zwanzig Geschichten durch abgelegene Orte Japans, die vom Strom der Tourist*innen verschont geblieben sind. Er kehrt in fast leerstehenden Gasthäuser ein, besucht einsam gelegene Unterkünfte, geht angeln und trifft einfache Menschen mit einfachen Leben.

Und trotzdem haben diese Geschichten oft etwas Mystisches, etwas, das uns als Leser*innen fesselt. Obwohl oder vielleicht gerade weil es keinen Höhepunkt geben wird, faszinieren diese stillen Beobachtungen, die oft eine große Portion Komik mitliefern.

"Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge

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Seltsam und unangenehm wird es beim Lesen nur dann, wenn Frauen der Gegenstand des Erzählens werden, denn da wird der sonst so zuvorkommende und schrullige Ich-Erzähler schon mal ohne Vorwarnung zum Vergewaltiger, ohne danach Reue zu empfinden oder eine Bestrafung befürchten zu müssen.

Auch der Titel „Rote Blüten“ bezieht sich auf die erste Menstruation eines jungen Mädchens und diese bekommt, aus der Sicht Tsuges erzählt, einen romantisierenden voyeuristischen Beigeschmack, der sich schwer runterschlucken lässt.

Es gibt keine Held*innen in Tsuges Geschichten, manchmal aber eindeutige Schurken.

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