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Bandfoto Blond

Ernesto Uhlmann

Blond besingen auf ihrem Debüt blutige Uterus-Stürme und sexistische Thorstens

Das Dreiergespann Blond aus Chemnitz hat sich in den letzten Jahren durch die deutschsprachige Festival-Landschaft gespielt. Nun ist ihr Debütalbum „Martini Sprite“ erschienen, das die Realität des Touralltags und Erfahrungen mit Alltagssexismus im Musikerinnen-Dasein thematisiert.

von Michaela Pichler

Es gibt sie noch, die Bands, die aus tiefgründigen Freundschaften heraus enstehen: Auch das Trio Blond gehört in diese Band-Kategorie, kennen sich die Schwestern Nina und Lotta Kummer und Johann Bonitz doch schon seit frühesten Sandkastentagen, als ihre Familien gemeinsam in den Angel-Urlaub gefahren sind. „Wir waren früher ganz oft Paddeln mit einem Boot, in dem drei Sitze waren. Und da haben wir auch schon zu dritt geübt, im gleichen Takt zu paddeln und das hat sich schon auf unseren Sound ausgewirkt“, haben uns Blond mit einem kleinen Augenzwinkern im Interview im vergangenen Festivalsommer erzählt.

Auch von Instrumenten aus Pappe, die sie gemeinsam gebastelt haben, war damals die Rede, im Teenageralter hat die Motivation und das Geld dann aber doch auch für richtige Instrumente gereicht. Zuerst spielen die drei Pop-Hit-Cover auf Konfirmationen, ab 2016 veröffentlichen Blond auch eigene Songs auf ihrer selbstbetitelten EP. Mit ihrem Indie-Rock machen die drei Blond-Mitglieder bald schließlich nicht nur Ostdeutschland unsicher. Auf Tour haben sie Bands wie Zugezogen Maskulin, Kraftklub oder Von Wegen Lisbeth begleitet. Nach Jahren zahlreicher Bühnenauftritte haben Blond jetzt ihr Debüt-Album „Martini Sprite“ veröffentlicht.

Albumcover "Martini Sprite" von Blond

Blond/ Beton Klunker

„Martini Sprite“ ist am 31. Januar auf dem Label Beton Klunker Tonträger erschienen. Wie sich das Debütalbum von Blond live anhört, kann man am 20. Februar in Wien erleben: Da starten Blond nämlich ihre Album-Tour, das Konzert im Fluc ist allerdings ihr einziger Österreich-Termin.

„Hallo / wir sind Blond / Musik ist unser Leben / Das ist unser Album / Wir haben uns Mühe gegeben“, heißt es in dem dreißig Sekunden langen Intro, das an das Album vorangestellt ist. Und spätestens hier wird klar: Blond machen einiges anders, als es in der restlichen deutschen Popszene sonst so gang und gäbe ist. Ihr Albumdebüt feiern die drei nämlich nicht mit einem gewöhnlichen Release-Konzert, sondern mit einer Ausstellungseröffnung. Zwischen Fan-Art und Haute-Couture-Outfits wird „Martini Sprite“ als Drink der Stunde gereicht - passend zum Albumtitel. Ihre Musik beschreibt die Band selbst als „Las Vegas Glamour“. Auch einer der zwölf Album-Tracks ist nach diesem Sound benannt. Der Song beschreibt den Tour-Alltag zwischen Wunschvorstellung und Realitäts-Check - wenn man auf Tour dann doch eher mit dem Schlafsack im Backstage-Bereich schlafen muss, anstatt sich im fancy Hotel vor den Die-Hard-Fans zu verstecken.

Bloody Storm in my Uterus

Das viele Touren hat Blond auf ihrem Album inhaltlich beeinflusst, die Band nimmt es textlich aber mit Humor. Immerhin sind Live-Auftritte die größte Stärke der drei Chemnitzer: Johann Bonitz und die beiden Schwestern Nina und Lotta Kummer lieben die Inszenierung und gestalten ihre Live-Auftritte auch dementsprechend mit glitzernden Outfits und Tanz-Choreografien zum Mitmachen. Auf „Martini Sprite“ werden aber auch noch schmerzhaftere Themen als Durchfall im Tourbus in Songs verbraten: Auf „Es könnte grad nicht schöner sein“ besingen Blond Unterleibskrämpfe während der Periode. Was als kitschige Ballade beginnt, entlädt sich im Laufe des Songs als energetischer Gitarren-Rock. Zum verzerrten E-Gitarren-Riff gesellt sich im Refrain ein „Bloody Storm in my Uterus“-Chor der Kummer-Schwestern, der im entferntesten an die Musik-Kolleginnen von Gurr erinnert.

Ähnlich viel Energie hat auch der Song „Thorsten“: Auf der ersten Single des Albums rechnen die Blond-Mitglieder mit dem Alltagssexismus ab, den die beiden Kummer-Schwestern immer wieder als Musikerinnen erfahren müssen. „Thorsten / Das hättest du mir so nicht zugetraut / Ich hab die Technik ganz alleine aufgebaut/ Natürlich muss da nochmal jemand drüberschauen / Doch ich hab das ganz ordentlich verkabelt für ne Frau“, singen Blond zum zischenden Off-Beat der Drums. „Martini Sprite“ beweist, dass Humor und Ironie als altbewährte Coping-Mechanismen immer noch gut funktionieren: Bei Blond zum Beispiel auch gegen mansplainende Tontechniker, die einem auch nach jahrelanger Erfahrung immer noch erklären wollen, wie das eigene Instrument richtig angeschlossen wird oder ob das Outfit fürs Konzert nicht doch zu knapp ist. Mit dem musikalischen Rundumschlag gegen Mansplaining lassen sich sexistische Thorstens in Zukunft bei Konzerten zumindest gut an die Wand spielen.

Kreativ-Katalysator Wut

Die empowernden Statement-Songs am Album sind gleichzeitig auch die musikalisch und textlich stärksten Lieder. Dazwischen gibt es mit „Autogen“ oder „Match“ auch ein paar Nummern, die wesentlich flacher ausfallen, in denen der Gesang von Nina Kummer doch zu poppig-aufgesetzt wirkt oder die Texte zu plump daherkommen. Besser wird es auf „Martini Sprite“ viel eher, wenn die Themen ernst sind und der Unmut dahinter mehr als verständlich ist. Denn darin katalysiert die Gruppe Blond die Wut in unbeschwerte Musik: Indie-Rock trifft auf einen funky Bass und Pop-Gesang auf treibende Drums. Kritik mit zeitgenössischen Mitteln - mit blutigen Uterus-Stürmen gegen all die Thorstens in der Musikwelt und darüber hinaus.

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