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Rekruten eines Gardebataillons von hinten fotografiert

APA/HELMUT FOHRINGER

Homophobie im Bundesheer

Der unangebrachte Umgangston während der Grundwehrdienstzeit ist ein häufiges Problem. Denn Beschwerden über homophobe Ausdrucksweisen und Diskriminierungen landen fast täglich auf dem Tisch der Parlamentarischen Bundesheerkommission.

Von Gersin Livia Paya

Während der Diskussionssendung FM4 Auf Laut zum Thema „Wie sieht ein attraktiver Präsenz- oder Zivildienst aus?“ hat uns der ehemalige Präsenzdiener Matthias vom homophoben Umgangston während seiner Grundwehrdienstzeit erzählt.

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„Ihr Hobbyarschficker! Stellt euch gerade hin!“, soll der Vorgesetzte häufig den jungen Grundwehrdienstleistenden gesagt haben. Schnell hat sich dieser Umgangston auch bei den jungen Rekruten verselbstständigt und zum normalen Umgangston untereinander etabliert. Diskriminierungen wie „Hey, du Homo“ oder „Du Schwuchtel“ standen oft allen Sätzen voran. Beschwerde hat Matthias nie eingereicht, denn wie so oft fehlte auch ihm der Mut.

Tatsächlich finden jährlich über 1.000 Beschwerdeanfragen den Weg zur Parlamentarischen Bundesheerkommission, dem Organ, das bei Beschwerden hilft und aufklärt. Beschweren können sich dort alle Menschen, die sich freiwillig einer Stellung unterziehen oder sich freiwillig zum Ausbildungsdienst gemeldet haben, Stellungspflichtige, Soldatinnen und Soldaten, Soldat*innenvertretung, Wehrpflichtige des Miliz- und Reservestandes und Personen, die Ausbildungsdienst geleistet haben, so steht es auf der Website der Kommission.

Knapp 10 Beschwerden pro Tag

Bei der Parlamentarischen Bundesheerkommission lassen sich die Jahresberichte bis ins Jahr 2006 zurück einsehen. Der aktuellste Bericht von 2018 hatte 2.744 Beschwerdeanfragen, also knapp 10 pro Tag, so Nikolaus Kunrath, Kommissionsmitglied von den Grünen. Davon werden 267 als Beschwerdefälle behandelt. Diskriminierung, ungerechte Behandlung, sexistische Äußerungen, Belästigungen, Homophobie, Rassismus, Verpflegungsmängel, Unterbringungsmangel, Missstände im militärischen Dienstbereich, mangelhafte Infrastruktur, Ausrüstungsmängel, Personalangelegenheiten und vieles mehr sind in den Jahresberichten zu finden. Die Beschwerdekommission ermuntert alle Menschen sich zu melden, um Missverständnisse und Missstände aufzuklären.

Die Kommission ist kein strafendes, sondern ein vermittelndes Organ. Viele Anfragen können schon in einem Gespräch geklärt werden, dafür steht den Betroffenen ein eigens geschultes Büro bei der Roßauer Lände in Wien zur Verfügung.

„Wir arbeiten erst auf Anlass. Erst wenn sich jemand bei uns beschwert, können wir darauf einsteigen. Es gibt allerdings ‚Hören-Sagen‘ Geschichten, dann können wir von Amtswegen dort hinfahren und eine Untersuchung einleiten. Das hat oft eine höhere Relevanz für viele“, sagt Kunrath.

Beschwerdekommission ist keine Bestrafungsstelle

Alle Entscheidungen der Kommission sind Empfehlungen ans Verteidigungsministerium, die keine Entscheidungspflicht beinhalten, aber diese werden „in der Regel ernst genommen“ und dann wird die Disziplinarkommission entsprechend handeln, erklärt Kunrath. Er hält es für einen Vorteil, kein strafendes sondern vermittelndendes Organ zu sein. „Da gibt es auch die Möglichkeit etwas zu erfahren, das sonst möglicherweise nicht in Erfahrung gebracht wird. Wir versuchen aufzuklären.“

„Verlorene Zeit“

Die Beschwerdekommission besteht aus allen parteilichen Mitgliedern und hat eine Legislaturperiode von sechs Jahren. Nikolaus Kunrath von den Grünen ist eines der Mitglieder. Sein Bemühen innerhalb der Kommission rührt auch daher, dass er selbst eine „verlorene Zeit“ im Grundwehrdienst erlebt hat.

Die Erfahrungen mit homophoben Umgang im Grundwehrdienst, von unserem „Auf Laut“-Studiogast, sieht Kunrath als eine strukturelle Prolematik. Er erzählt vom Fortschritt innerhalb der Polizei. Bei den Polizist*innen gibt es den Verein Gay Cops, sie können bei entsprechenden Fällen selbst verwaltet arbeiten. Auch im amerikanischen Key West der Marines ist es möglich, sich zu outen, berichtet Kunrath. Er selbst wisse nur von einem ähnlichen Fall im österreichischen Bundesheer, bei dem eine Ehe zwischen Unteroffizier und Offizier innerhalb der Kompanie offiziell ist.

Umgangston mit Präsenzdiener

Aber beim Umgangston mit den Präsenzdienern geht es mehr um unangebrachte Ausdrucksweisen als um ein Outing. Solche Vorfälle ziehen sich durch alle Jahresberichte seit 2006. Die Kommission ist sich hier einig, es bedarf mehr Sensibilität und mehr Schulung, erzählt nicht nur Kunrath, sondern auch der Vorsitzende Bösch von der FPÖ. Der Fokus dabei soll auf den Ausdruckweisen von Ausbildenden gegenüber Auszubildenden liegen, denn hier gebe es besonders viel Konfliktpotenzial.

Der Umgang, die Bestrafungen, wie etwa Kollektivstrafen, werden trotz Verbot häufig gemeldet. Wenn beispielsweise ein Einzelner das Bett nicht ordentlich gemacht hat und das ganze Zimmer bestraft wird. „Das sind gravierende Geschichten für uns und betreffen auch oft Unschuldige“, sagt Kunrath. Die Erfahrung unseres Studiogasts sieht er als ein Beispiel von vielen, in dem eine „chauvinistische Tonart unter Männern“ passiert. „Wir versuchen auf die Sensibilisierung einzugehen. Da hat es sehr viel gebracht, dass wir als Kommission kommen und Gespräche führen. Es bedarf aber auch einer anderen Schulungsebene für ein gesamtes Umdenken“, so Kunrath hoffnungsvoll.

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