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Todor Ovtcharov

Szenen einer Ehe

Entscheidungsfindung im Hause Bayer: Kann man guten Gewissens bei Regen Pizza bestellen?

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

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Radio FM4

Mit Akzent: Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov. Alle Folgen der Kolumne gibt es hier als Podcast.

Familie Bayer sitzt am Wochenende in ihrem Haus. Sie sind in ihrem goldenen Alter angekommen, in der Blüte ihrer Jahre. Ihr Haus ist gutbürgerlich gemütlich. Sie sind besonders stolz auf ihre grünen Ledermöbel. Wann immer sie Besuch bekommen, scherzen sie, dass sie hätten die Möbel ausgesucht, damit sie zu den Augen ihrer Katze Sabine passen und dass sie das nur 4000 Euro gekostet hätte. Heute haben sie aber keinen Besuch. Sie entscheiden sich, auswärts essen zu gehen. Es gibt in der Nähe eine Pizzeria, die so gut ist, dass die Pizze im Mund schmelzen. Sie ziehen sich an und schauen durch das Fenster. Es regnet. Sie entscheiden sich zu warten bis der Regen aufgehört hat. Eine Stunde später hat der Regen nicht nur aufgehört, zu ihm ist auch ein starker Wind dazugekommen.

Im Kühlschrank gibt es nur eine vor zwei Tagen geöffnete Fischkonserve, die sie für die Katze bereithalten. Und das Essen der Katze aufzuessen ist ihnen zu viel.

Sie entscheiden sich online essen zu bestellen, bei eben der gleichen Pizzeria mit den leckeren Pizzen. Sie sind schon fast daran das Essen zu bestellen, wenn sie Plötzlich an den Lieferanten mit dem Rad denken. Er muss durch den ganzen Regen und Wind um ihre trockene Wohnung zu erreichen. In der Familie Bayer kommt es zu einer Diskussion: Frau Bayer meint, dass der arme Lieferant sich eine Lungenentzündung holen kann. Ihr Mann beruhigt sie, dass Pizzalieferanten gut vorbereitet sind – sie haben Regenfeste Jacken. Frau Bayer ist sich nicht sicher. Denn sie beiden haben auch regenfeste Jacken und bleiben trotzdem zuhause.

Danach wird ihre Diskussion immer sozial-politischer. Er meint, dass der Lieferant - wie alle Anderen Wesen in der kapitalistischen Gesellschaft - seinen Beruf wählen könne. Sie entgegnet, dass das wohl so ist, aber dass jeder ein Recht auf „gesunde“ Arbeitsbedingungen habe, wobei die Betonung auf „gesunde“ liegt. Und dass der „arme Junge“ nass sein wird, trotz Regenschutz wird er bis zur Unterhose nass werden. Herr Bayer ist verärgert und meint, dass sie mehr an den „armen Jungen“ denke, als an seinen leeren Magen und sie nur ein junges Gesicht statt sein alterndes Antlitz sehen wolle.
Sie ist beleidigt, dass ihre wohltätigen Hintergründe/ Motive von ihm so vulgär aufgenommen würden. Und es sei gar nicht sicher, dass ein Junge kommen werde, es könnte ja auch ein Mädchen sein.
Er schüttelt den Kopf. Sie versteht das so, dass er gerne auf eine junge Pizzalieferantin treffen würde, die er einladen würde, auf Tee mit Rum. Falls noch Rum da ist, natürlich, denn sie habe bemerkt, wie er nachts aufsteht und sich Rum eingießt. Herr Bayer ist beleidigt, dass ihn Frau Bayer für einen geheimen Alkoholiker haltet. Sie öffnet den Schrank um ihm zu zeigen, dass die Rumflasche halbleer ist. Die Flasche ist aber nicht halb sondern ganz leer, nur zwei Tropfen schlummern am Grund. Hier explodiert Herr Bayer fast und meint, dass er hin und wieder aus der Rumflasche trinkt, aber nicht er habe sie leergetrunken. Frau Bayer fällt in Ohnmacht. Er umarmt sie. Sie sitzen am grünen Ledersofa. Sie bestellen sich eine Pizza am Telefon.

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