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Maryam Zaree mit Helm, kopfüber in der Luft. Filmstill aus "Born in Evin"

Tondowski Films

Die Doku „Born in Evin“ erzählt eine iranische Familiengeschichte

Die deutsche Schauspielerin Maryam Zaree macht in ihrem tollen Regiedebüt „Born in Evin“ ihre Familiengeschichte zu einem Thema, das alle angeht. Sie will reden, worüber geschwiegen wird.

Von Maria Motter

So schnell wie Maryam Zaree hat noch niemand die Revolution im Iran 1979 erklärt und die enormen Nachwirkungen verdeutlicht. „Born in Evin“ ist ein Dokumentarfilm, der uns in seiner Dynamik gleich einnimmt.

„1991: Meine Mama Nargess war 26 Jahre alt und lebte allein mit mir in Deutschland. Ich habe auch einen Vater, aber er konnte nicht bei uns sein - aus irgendeinem Grund. Darum haben wir ihm diese Videoaufnahme in den Iran geschickt. Iran war das Land, aus dem wir kamen“, erklärt Maryam Zaree im Off, während die Home-Video-Aufnahmen blown up auf der Leinwand laufen. Untermalt sie sind mit dem Song „Learning“ von Parfume Genius. Maryam Zaree ist mittlerweile 36.

Sie ist Schauspielerin, im Berliner „Tatort“ spielte sie bis vor kurzem die Gerichtsmedizinerin. Auf der 70. Berlinale, die diesen Donnerstag eröffnet wird, hat Maryam Zaree viele Termine: Sie spielt in Christian Petzolds neuem Werk und Wettbewerbsbeitrag „Undine“ neben Paula Beer und Franz Rogowski, sie wird mit Anke Angelke und Kollegen den Amnesty-Filmpreis vergeben und in einem Talk über Arbeit und Herkunft an der Seite von Cate Blanchett sprechen.

Maryam Zaree ist unter Wasser und hat die Augen geschlossen

Stadtkino Filmverleih

Maryam Zaree hat ihre Herkunft u. a. in einem Theaterstück thematisiert. Ihr Regiedebüt „Born in Evin“ startet am Freitag in den österreichischen Kinos.

Das Private ist politisch

„Born in Evin“ ist am 18.2.2020 im Grazer KIZ RoyalKino und am 19.2. im Stadtkino im Künstlerhaus in Wien zu sehen, Maryam Zaree wird bei beiden Vorführungen anwesend sein.

Am Freitag startet der Film in weiteren österreichischen Kinos.

Dieser Tage ist Maryam Zaree in Österreich, um bei Vorführungen ihres Regiedebüts „Born in Evin“ für Publikumsgespräche anwesend zu sein.

Maryam Zaree erzählt ihre so persönliche wie politische Geschichte. Ihre Mutter brachte sie in einem Gefängnis auf die Welt, doch über die Umstände zu sprechen, scheint unmöglich. Von einer Tante erfährt das Mädchen mit zwölf Jahren von ihrem Geburtsort. Evin ist bis heute das bekannteste Gefängnis, es steht am Rande Teherans. „Born in Evin“ berichtet von Diktatur und Verfolgung, zugleich ist der Film geprägt von einer unbändigen Liebe zum Leben und zu Menschen.

Die iranische Diaspora und Traumata

Allein über Zarees Familie will man sofort mehr erfahren. Ihre Mutter Nargess Eskandari-Grünberg ist Psychotherapeutin und Politikerin, deren heutiger Mann ist jüdisch und hat Überlebende des Holocaust in einem Altersheim betreut. „My sister Mira is much younger and was born with a disability. So in my family we say: We have got them all – people with disabilities, foreigners and Jews.“ Mit ihrem Vater Kasra Zaree besucht Maryam eine Konferenz gebürtiger Iraner*innen, die in ihrer alten Heimat politisch verfolgt wurden und sich auch in Deutschland vor dem iranischen Geheimdienst fürchten.

Angehörige von Folteropfern halte deren Bilder hoch. Filmstill aus "Born in Evin".

Tondowski Films

„Born in Evin“ zeigt auch die Bemühungen gebürtiger Iraner*innen, die Verbrechen des Mullah-Regimes aufzuzeigen und zur Anklage zu bringen.

Offenherzig und knallhart

Dabei ist der Stil der Rekonstruktion der Geschichte offenherzig und zugleich knallhart. Wenn ihr Vater davon erzählt, wie zwei junge Männer vor ihm zur Hinrichtung abgeführt worden waren und er der Nächste sein sollte, zeigt die Kamera Maryam und ihren Vater, wie sie nebeneinander im Wohnzimmer sitzen. Es bedarf keiner zusätzlichen Inszenierung. Als Zuschauer*in käme man in dieser Szene nicht vom Kinosessel auf. Maryam Zarees Vater holt zwei Handtücher, die im Gefängnis Evin erst den Ermordeten gereicht wurden und dann ihm.

Maryam Zarees Vater und sie sitzen im Wohnzimmer und hören alte Kasetten an

Stadtkino Filmverleih

Maryam Zarees Vater hat sieben Jahre Haft überlebt. Als seine Tochter klein war, hat er Videobotschaften geschickt und ihre Gespräche auf Kassetten aufgenommen.

„Born in Evin“ handelt von Traumata und Zusammenhalt, von Toleranz und dem Streben nach dem Aufrechterhalten von Menschenwürde. Dass der Produzent und Regisseur Arash T. Riahi an „Born in Evin“ mitgewirkt hat, ist nicht zu übersehen. Wie sein grandioser Dokumentarfilm „Exile Family Movie“ ist „Born in Evin“ ein Stück iranischer Familiengeschichte, an das man lang nach dem Kinobesuch immer wieder denkt. Und nach dem Film empfiehlt sich dieses hörenswerte Interview mit Maryam Zaree.

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