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Graffiti auf Hausmauer: "FCK IB" und "IB jagen"

Radio FM4 | Martin Blumenau

Blumenaus 20er-Journal

Das Ende der Identitären als Jugendbewegung

Christchurch bringt das Ende der wie eine Jugendkultur aufgezogenen „Identitären Bewegung Österreich“ - sie wandelt sich in eine „patriotische“ Sammelbewegung für alle.

Von Martin Blumenau

In der hood redet man dieser Tage so laut drüber, dass ich es auch im Nachbar-Grätzel hören kann: Die Identitäre Bewegung (IB), die in den letzten Jahren für ihre aktionistischen Interventionen von ganz weit rechts außen berüchtigte, wie eine widerständige Jugendbewegung aufgebaute Gesinnungs-Gemeinschaft, die die FPÖ in große Abgrenzungs-Schwierigkeiten brachte, baut an einer neuen Zentrale, nächst Bacher-Park, in Wien 5, dem hochdiversen Margareten.

Ein Besuch zeigt: Das Haus in der Ramperstorffergasse ist schon entsprechend (rüde) gebrandet, weil die nötige Geheimhaltung nicht funktioniert hat, was in weiterer Folge dazu führen wird, dass die Hauseigentümer die Genehmigung für das geplante Keller-Lokal wohl zurückziehen werden.

Und noch etwas anderes stimmt gar nicht mehr: Die per tag als Jagdobjekt ausgemachte IB sollte dort gar nicht einziehen, sondern deren direkte Nachfolge-Organisation, die Bürgerbewegung Die Österreicher. Die Hintergründe dazu sind hier von der Recherche-Plattform Addendum.org ausgestellt, die auch eine juliaebner-mäßige Undercover-Aktion dokumentieren.

Die Neuerfindung der von einigen als rechtsradikal, von vielen als rechtsextrem und von einigen sogar als neonazistisch eingeordneten Identitären (Wolfgang Fellner sagte es Leithammel Martin Sellner ja noch ungenierter: „Für mich sind sie ein Nazi“) war notwendig geworden, weil die Verstrickung Sellners mit dem Christchurch-Attentäter die Spendenflüsse aus rechtsnationalen Kreisen deutlich versickern ließ und weil die aus dem Kickl-Ministerium erfolgten, ungeklärten Warnungen vor einer Hausdurchsuchung Sellner auch juristisch und politisch nahezu handlungsunfähig machten.

Das Interessante an dieser Verpuppung ist nicht der Inhalt: Es geht weiter um die Kreuzritter-These des Bevölkerungs-Austauschs, mit der Identitäre, AfD und andere eine Stimmung schaffen, die Halle oder Hanau erst möglich machen.

Interessant ist der Wechsel im Formalen.

Bisher hatte sich die IB von klassisch linken Protestkulturen (von der Antifa bis zur Strategie des schwarzen Blocks) inspirieren lassen und sich mit kreativen performativen Aktionen den Anstrich einer Jugendbewegung, ja gar einer Jugendkultur gegeben - die äußerste Rechte hatte also keine moralischen Skrupel, die Methodik der radikalen Linken zu imitieren, im Gegenteil, diese Aneignung traf die politischen Gegner ins Mark und konnte bei neutral-naiven Beobachtern schon allein deshalb punkten, weil diese spielerische Form des politischen Aktionismus ziemlich positiv besetzt ist, zumindest ein cooles, weil auch internationales Image hat.

Mit der (aus von außen drängenden Gründen aufgezwungenen) Veränderung hat Chefstratege Sellner (der letztlich auch so etwas wie die treibende Kraft der deutschen Identitären ist/war, also in der Tradition anderer nationaler Österreicher in Deutschland - wie Gottfried Küssel - grenzüberschreitendes Potenzial offenbarte) diesen Zugang über Bord geworfen. Die neue Bewegung ist an der aktuell erfolgreichsten Grassroots-Bewegung der Welt orientiert: an Fridays for Future, deren sehr lokal organisierte, für alle offene Treffpunkt-Struktur hier imitiert wird.

Weil sich die neue Bewegung „Die Österreicher“ nennt und offen auf besetzte Begriffe wie „Patriotismus“ setzt, von einer „patriotisch-konservativen Zivilgesellschaft“ träumt und sich ausschließlich auf Österreich konzentriert, ist klar: Es sollen nicht mehr nur die Jungen angesprochen werden, es geht jetzt um alle. Die vormals als Speerspitze der politischen Avantgarde ausgelegten Identitären sind also im Mainstream angekommen. Dass ihr Kürzel sich an die für den gefallenen Ex-FP-Chef Strache eingerichtete Partei DAÖ orientiert, sei nur nebenbei erwähnt.

Und hier versteckt sich der zweite strategisch interessante twist, mit dem der rechtsradikale Rand in die Mitte drängen will: Das Kürzel der Bewegung lautet DO5, nach einem (nicht auffindbaren) Fünf-Punkte-Programm, das sich primär um Identität und Migration dreht.

O5 referenziert deutlich auf die gleichnamige Widerstands-Bewegung, eine Ikone des österreichischen Widerstands in der Zeit des Nazi-Terrors. Das ist ganz im Sinn des alten populistisch-performativen IB-Geistes: eine Anbiederung an ein widerständiges Schema, die gleichzeitig eine schiere Provokation der Wissenden darstellt. Das wäre in etwa so, als würde Schröcksnadel den ÖSV neu gründen und ihn „Seele der Alpen“ nennen.

Die Zeiten der Identitären Bewegung als selbsternannte „aktionistische Jugendbewegung“ dürften damit aber jedenfalls vorbei sein.

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