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Zvonimir Soldo

APA/HANS PUNZ

Blumenaus 20er-Journal

Spezlwirtschaft in der Kolonie

Es gibt wenig was den österreichischen Fußball mehr beschädigt hat, als die Wirkungsmacht der hiesigen Seilschaften. Außer vielleicht die Seilschaften in kolonialistischen Strukturen ausländischer Investoren. Heute am Beispiel von Flyeralarm Admira.

Von Martin Blumenau

Am Sonntag wurde der Coach des Bundesliga-Tabellenvorletzten Admira, Klaus Schmidt, entlassen. Am Dienstag wurde sein Nachfolger, Zvonimir Soldo präsentiert. Soldo, mäßig erfolgreicher Jung-Coach, ist seit 10 Jahren ohne Job, außer einmal einer Assistenz-Stelle in China, unter Chef-Coach Felix Magath. Felix Magath wurde von Sponsor Flyeralarm im Jänner als Global Sports Director im Imperium der Würzburger Online-Druckerei präsentiert, das neben den Würzburger Kickers eben auch die Admira umfasst.

Flyeralarm ist dick drin im deutschen Sportsponsoring, vorneweg in der deutschen Frauen-Bundesliga, aber auch beim Rudern, Basketball oder Skisport. Das Würzburger Stadion ist die flyeralarm Arena. Dazu kommt fette Bandenwerbung in deutschen Liga-Stadien. Das Ziel: Imagegewinn. Die Gewerkschaften prangern fehlende Betriebsräte und Lohndumping an, das mit coolen Sponsorings (etwa für St. Pauli) aufgewogen werden soll. Was genau der Grund für den Schritt über die Grenze in die Wiener Vorstadt war, bleibt allerdings unklar.

Admira Wacker Mödling, daheim in Maria Enzersdorf, in einem schönen Stadionareal an der Badner Bahn, ist die graue Maus der heimischen Traditionsvereine, ihr einziges Asset ist der hervorragende Nachwuchs; die U18 durchbrach die Dominanz von Salzburg und nahm in der Vorsaison an der Youth League teil. Im Gegensatz zu anderen Vereinen bekommen die Talente vergleichsweise schnell ihre Chance in der ersten Mannschaft ihres Clubs: ein Drittel des aktuellen Kaders sind Eigenbau-Spieler.

Zwischen Würzburg und der Südstadt gibt es aber mit der Ausnahme der Verpflichtung von Ex-Goalie Jörg Siebenhandl (und das war noch vor dem Voll-Einstieg von Flyeralarm beim damals stark überschuldeten Verein, man bekam die Lizenz in den Jahren davor nur mit Bauchweh und Nachsicht) aber keinerlei personellen Austausch; auch nicht andersrum.

Zwischen 2015 und Sommer 2018 lag die Admira immer zwischen Platz 4 und 6, seitdem (flyeralarm übernahm 2017 die Kontrolle) grundelt man als Dauer-Vorletzter dahin. Der Einstieg des Investors hatte also sportlich keinen Effekt. Bei den etwa zehn Transfers (ua. Kalajdzic, Monschein, Pippo Schmidt, Knasmüllner...) seit 2017, bei denen Geld geflossen sein könnte, wurden zirka 5,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Neuzugänge kommen (wahrscheinlich alle) ablösefrei oder zu geringsten Kosten.

Kosten verursacht eher anderes: Soldo ist seit Anfang 2017, als mit Damir Buric der erste flyeralarm-Trainer eingestellt wurde, der 5. Coach, in dieser Saison ist er gar der Dritte. Manager Amir Shapourzadeh, der unumschränkte Herr im Haus, zeigt in seinen öffentlichen Auftritten wenig Emotion oder Interesse und übt selbst bei Trainer-Bestellungen und Transfers wenig Einfluss aus. Am liebsten hätte nach der Entlassung von Klaus Schmidt wieder Damir Buric engagiert; oder eigentlich noch lieber Reiner Geyer, den er nach nur einem Punkt in sechs Spielen opfern musste, behalten. Stattdessen kommt nun Soldo, ein Mann, der ein halbes Jahr bei Dinamo Zagreb und etwas über ein Jahr so mittelerfolgreich in Köln Trainer war, ehe sich 2010 seine Spur verliert. 2017 holte Felix Magath seinen alten Spieler (Soldo war wie Bobic, Elber oder Balakow teil einer legendären Mannschaft des VfB Stuttgart) für ein knappes Jahr nach China.
Das ist es.

Was Soldo außer seiner Bekanntschaft zu Magath, dem neuen sportlichen Zampano-Aushängeschild von Flyeralarm, die auf sein Image als Meistertrainer, Quälix und harter Hund setzen, inhaltlich vorweisen kann, vermag niemand zu beantworten. Gemeinsam ist den beiden jedenfalls der Verweigerungs-Zugang zum modernen Fußball - liegen die letzten Bewährungsproben von Magath wie Soldo ja doch eben schon 10 Jahre zurück - im Fußball eine Ewigkeit.
Nach ersten Ankündigungen will er im Abstiegskampf auf „Einsatz“ und die erfahrenen Spieler setzen, also das Gegen-Modell zur „Jugend forscht“-Philosophie der Admira. Außerdem will er einen alten Spezi aus VfB-Zeiten (Franz Wohlfahrt) beratend hinzuziehen, was ungefähr so sinnvoll ist wie Axel Kruse zu befragen, wenn ich Coach in Bremen werde.

Verdacht: es ging wohl gar nicht darum jemanden zu suchen, der zur Mannschaft und ihrer Disposition passt, sondern um die Wirkungsmacht von Seilschaften und Freunderlwirtschaft. Damit kennt sich der österreichische Fußball (und seine Tentakel im Journalismus) bestens aus, das hat jahrelang Vereine und auch ÖFB gelähmt - ist aber aktuell gerade kein vordringliches Thema.

Dass die gute alte Seilschaft nun über den Weg eines wenig durchschaubaren kolonialen Konstrukts wieder Einzug in den heimischen Liga-Alltag hält, ist vielleicht so etwas wie eine nachträgliche Bestrafung.

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