FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Fantasy Island / Invisible Man

Sony / Universal

„Fantasy Island“ und „The Invisible Man”: Neue Filme aus der Horrorfabrik Blumhouse

Mit billigen, aber innovativen Schockern wie „Get Out“ wurde Jason Blum zum gefeierten Erfolgsproduzenten. Aber werden auch seine zwei neuesten Filme dem Gänsehaut-Image gerecht? Das Urteil fällt unterschiedlich aus.

Von Christian Fuchs

Er ist der Fädenzieher hinter der „Paranormal Activity“ Reihe, den „Purge“ und „Insidious“ Filmen oder auch dem erfolgreichen „Halloween“ Neuaufguss. Mit „Get Out“ schaffte es eine seiner gruseligen Produktionen sogar in die Oscar-Endauswahl. Und mit „Split“ und „Glass“ reanimierte er die Karriere von Mysterymeister M. Night. Shyamalan.

Ein leidenschaftlicher Liebhaber von Horrorfilmen war er aber nie, gesteht Jason Blum in Interviews. Zu dem Genre brachte ihn als Produzent eindeutig der geschäftliche Aspekt. Eindringliches Horrorkino lässt sich nämlich für relativ wenig Geld herstellen. Bei Blumhouse Productions werden die Kosten besonders drastisch gesenkt. Denn die meisten Beteiligten - einschließlich der Regisseure und Stars - bekommen ihr Honorar erst beim geglückten Filmstart. Im Gegenzug lockt Jason Blum mit kreativer Freiheit.

Große Studios kommen erst bei der Vermarktung ins Spiel, davor dürfen sich die Filmemacher ohne Druck austoben. Ein Konzept, das sich schon so oft bewährte, dass Blumhouse inzwischen als Trademark-Begriff für innovatives, erfrischendes Horror-Entertainment gilt.

Ob dazu auch ein Film wie „Fantasy Island“ zählt, ist äußerst fraglich. Es wirkt, als ob die Idee zu diesem Machwerk bei einem hektischen Geschäftsessen in Hollywood entstanden wäre. „Nehmen wir doch eine alte Fernsehserie aus den 70ern, in der es die Erfüllung geheimer Träume geht. Und dann verpassen wir der harmlosen Geschichte einen bösen Twist.“ Weil Regisseur Jeff Wadlow mit (dem unseligen) „Truth or Dare“ bereits Geld in die Blum’schen Kassen spülte, hat der Pitch wohl gleich funktioniert.

Fantasy Island

Sony

Der rettende Schlummer im Kinosessel

Leider beweist „Fantasy Island“ wieder einmal, dass es für Horrorfans auch bei Blumhouse keine Qualitätsgarantie gibt. Einen dümmeren, belangloseren, langweiligeren Gruselthriller wird man derzeit im Kino nicht finden.

Gefilmt ist der Antifilm zunächst wie ein knallbunter Touristik-Werbespot. Eine Gruppe schöner junger Menschen hat einen Wettbewerb gewonnen und kommt via Wasserflugzeug auf einer idyllischen Insel an. Hier lebt der mysteriöse Mr. Roarke (Michael Peña auf Autopilot), der den Besucher*innen ihre geheimsten Wünsche erfüllt. Weil aber diverse tiefe Traumata und gierige Sehnsüchte im Spiel sind, verwandelt sich „Fantasy Island“ bald in ein Albtraum-Paradies.

Sogar ein blutleerer, biederer Horrorfilm wie dieser könnte spannend sein. Aber der Film ist so schlecht geschrieben, brav inszeniert und platt gespielt, dass man es stellenweise gar nicht glauben mag. Hatte man Jason Blum die Augen verbunden beim Testscreening? Ist das zynische kalkulierte Fließbandware für den jugendfreien Markt? Wo ist der Hauch von Arthouse, der manche aktuelle Werke der kalifornischen Horrorfilm-Fabrik umweht? Bevor sich der Schreiber dieser Zeilen mit solchen Fragen länger aufhalten konnte, setzte der rettende Schlummer im Kinosessel ein.

Fantasy Island

Sony

Klassische Figur in radikaler Neudeutung

The Invisible Man“, der andere Blumhouse-Streifen, der gerade bei uns angelaufen ist, hat eine speziellere Vorgeschichte als „Fantasy Island“. Gehört die Titelfigur doch bereits seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den klassischen Kinomonstern der Firma Universal. Neben Frankenstein, Dracula, dem Wolfsmensch oder der Mumie führte der Unsichtbare aber immer eine Art Schattenexistenz. Was den erfrischenden Neuzugang zum Thema erlaubt, den Jason Blum und Regisseur Leigh Whannell wagen.

Nachdem der Versuch von Universal ein „Dark Universe“ nach Marvel-Vorbild aufzubauen, mit dem unsäglichen Tom-Cruise-Vehikel „The Mummy“ zuletzt scheiterte, erlaubt der Unterhaltungskonzern ungewöhnliche Ansätze. Blum und Whannell machen in gewisser Weise, was in einem anderen Kontext mit dem „Joker“ glückte: Sie lösen den Charakter ganz aus seinem mythischen Background heraus - und platzieren ihn in einem realistischen Umfeld.

„The Invisible Man“ fängt jedenfalls schon ungleich vielversprechender an als „Fantasy Island“. In einer beklemmenden Eröffnungssequenz schleicht sich Cecilia, gespielt von Elisabeth Moss, vorsichtig aus der Luxusvilla ihres schwerreichen Verehrers. Die panische Angst, die sich im Gesicht der Frau spiegelt, sagt viel über die toxische Beziehung aus, in der sie gefangen war. Der Tech-Mogul Adrian (Oliver Jackson-Cohen, bewusst kaum zu sehen) ist ein aggressiver Kontrollfreak, dem Cecilia nur durch die nächtliche Flucht entkommen kann.

The Invisible Man

Universal

Ein Horrorfilm der #metoo-Ära

Aber der emotionale Terror geht weiter. Sogar als die Nachricht von Adrians Selbstmord eintrifft, fühlt sich Cecilia verfolgt. Zuerst häufen sich mysteriöse Haushaltsunfälle, dann spürt sie förmlich Adrians Präsenz im Raum. Langsam brennen der ohnehin schwer traumatisierten Architektin die Sicherungen durch. Natürlich glaubt ihr niemand, dass der Ex-Freund noch lebt und unsichtbar sein Unwesen treibt.

Nur wir Zuseher sind auf Cecilias Seite. Denn wir kennen den Titel des Films, „The Invisible Man“, und im schlimmsten Fall haben wir auch den Trailer gesehen, der die halbe Handlung bereits verrät. Ein paar überraschende Wendungen hat Regisseur und Drehbuchautor Whannell zwar noch bereit. Aber die Grundzüge der Story sind zu naheliegend, um die Spannung über zwei Stunden lang aufrecht zu erhalten.

Dass „The Invisible Man“ dennoch ziemlich sehenswert ist, liegt nicht an den finalen Twists. Da ist zunächst einmal der clevere Kunstgriff, den Film eben nicht aus der Perspektive des männlichen Titel-Antihelden erzählen. Das haben schon alle bisherigen Verfilmungen getan, bis hin zu Paul Verhoevens „Hollow Man“, der den sadistischen Stalker-Aspekt erstmals forcierte. Leigh Whannell rückt dagegen eine Frau komplett ins Zentrum. „The Invisible Man“ wird so zum einem glaubwürdigen Horrorfilm der #metoo-Ära.

The Invisible Man

Universal

Mit der fantastischen Elisabeth Moss hat der Regisseur auch eine Hauptdarstellerin gefunden, die sich äußerst intensiv dem unsichtbaren Grauen stellt. Unterstützt von eisigen Kamerabildern und einem stockdüsterem Industrial-Soundtrack macht sie den Thriller zur One-Woman-Show. Kein absoluter Pflichtfilm, aber einer, der die Hoffnung auf weitere Blumhouse-Produktionen wieder nährt.

mehr Film:

Aktuell: