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Blick aus meinem Fenster

Radio FM4 | Robert Rotifer

ROBERT ROTIFER

Geisterfahrer UK

Großbritannien ist wieder einmal anders. Während man überall sonst alles tut, um weitere Corona-Infektionen zu verhindern, wollen britische Expert*innen dem Virus seinen Lauf lassen. Und ich bin mittendrin.

Eine Kolumne von Robert Rotifer

„Die gehen alle zu der Party beim Cricket-Verein“, sagte die Teenager-Tochter, als ein Haufen ausgelassener Teenagerinnen an unserem Haus vorbeizog, „aber ich geh da nicht hin“.
„Das will ich hoffen“, meinte ich, und erntete den Blick, den weltfremde Eltern allüberall ernten. In diesem Moment war es schwer, was darauf zu sagen, denn weltfremde Eltern machen mit ihrem Parentsplaining für gewöhnlich nur alles schlimmer. Also drehten wir den Fernseher auf.

Robert Rotifer moderiert jeden zweiten Montag FM4 Heartbeat und lebt seit 1997 in Großbritannien, erst in London, dann in Canterbury, jetzt beides.

Und immerhin, auf Channel Four fand sich ein Experte mit fremdländischem Akzent, auf einem Bildschirm hinter dem Moderator per Leitung aus Amerika eingespielt, der dem britischen Experten im Studio mit genau den Argumenten begegnete, die ich selbst aus den österreichischen und auch deutschen Medien aufgeschnappt hatte.

Und je länger der Brite uns seine These von der angestrebten „Herdenimmunität“ auseinandersetzte, desto wilder fuchtelte der Mann im Bildschirm mit den Händen und formte mit aufgerissenem Mund und Augen den in der internationalen Gebärdensprache allgemein verständlichen Ausdruck für „WHAT THE ACTUAL FUCK!!!!“

An dieser Stelle sollte ich erklären: Was in Großbritannien passiert, ist nicht, wie von vielen bei euch drüben missverstanden, dasselbe wie in den USA oder Brasilien. Dies ist nicht das Werk eines Clowns mit gestörtem Verhältnis zur Realität. Den haben wir zwar zweifelsohne an der Regierungsspitze sitzen, aber er ist offenbar nicht Autor der britischen Laissez-Faire-Politik gegenüber dem Corona-Virus, sondern – und das ist noch viel schlimmer – es sind genau jene Leute, denen man eigentlich vertrauen können sollte.

Die Welt vor meinem Haus

Radio FM4 | Robert Rotifer

Die Welt vor meinem Fenster. Übrigens, eine Sache, wo die Brit*innen sicher recht haben, weil’s ihre Sprache ist: „Home office“ ist das Innenministerium. Besser: „Working from home“, „homeworking“

Wenn hierzulande also eine*r einen Standard-Tweet der Marke „So viele Hobby-Virolog*innen da draußen, wie wär’s damit, den Expert*innen zuzuhören?“ in die Welt setzt, dann meint sie/er damit Leute wie den Chief Medical Officer Chris Whitty oder seine Stellvertreterin Jenny Harries, den Chief Scientific Adviser Sir Patrick Vallance, die Verhaltenspsychologin Susan Michie und jede Menge andere studierte Expert*innen, die andauernd in den Medien auftauchen und einerseits zum Händewaschen, andererseits zum munteren Weitermachen wie bisher raten.

Die einem so wie gestern der für die WHO als Grippe-Experte arbeitende Nick Phin lächelnd erklären, man könne selbstverständlich zur Familienhochzeit dieses Wochenende gehen. Nur wer erkältungsähnliche Symptome zeige, solle besser zuhause bleiben.

Man hört, es sei immer noch zu früh, Großveranstaltungen zu unterbinden und von der Bevölkerung Dinge zu verlangen, die bloß zur Ermüdung ihres guten Willens führen, wenn es dann einmal wirklich ernst werde.
Nächste Woche dann.
Vielleicht.

Wenn es nach diesen Expert*innen gegangen wäre, hätte die Premier League also auch heute noch Matches gespielt. Die Liga musste gegen offiziellen Ratschlag aus eigenen Stücken eine Spielpause ausrufen, nachdem sich - angefangen mit Arsenal-Trainer Mikel Arteta - so viele Spieler in Selbstisolation zurückziehen mussten, dass ein Spielbetrieb schlicht unmöglich geworden war.

Die Argumentation der britischen Expert*innen gegen eine Stadionsperre war gewesen, dass das Publikum sich, wenn nicht im Stadion, dann eben bei der Live-Übertragung im Pub treffen und einander dort anstecken würde. Aber diese Theorie klang spätestens nach der dritten Wiederholung nur mehr nach absurder Ausrede (Warum nicht einfach Spiele absagen oder den Pubs Fußballübertragungen verbieten?).

Heute in der Früh wiederum interviewte Justin Webb, Moderator der Flaggschiff-Nachrichtensendung Today von BBC Radio 4 (quasi ein dreistündiges Ö1 Morgenjournal) den Konzertveranstalter Vince Power, der sich beklagte, dass ihm „links und rechts und in der Mitte alle Bands absagen,“ und dass gestern bei 500 verkauften Karten bloß 200 Besucher*innen gekommen wären, die dann viel zu wenig konsumiert hätten, um den Abend rentabel zu machen.
„Warum?“, fragte Webb.
„Aus gar keinem Grund“, sagte Power.

Und wer soll es ihm verdenken? Er hört bloß auf die Expert*innen. Und nicht nur Journalist*innen, die über die Strategie der Regierung berichten, sondern auch Politiker*innen aller Farben zeigen ganz verständlicherweise auch große Scheu, von deren Linie abzuweichen.
Wer will sich schon als Verursacher*in von Massenpanik hervortun?

Immerhin hat sich herumgesprochen, dass Kontinentaleuropa mit gänzlich anderen, wesentlich schärferen Maßnahmen auf die Pandemie reagiert. Zur Erklärung der britischen Strategie rückten die Expert*innen daher mit oben erwähntem Schlagwort „Herdenimmunität“ heraus. Demnach sei es unmöglich, eine Verbreitung des Virus zu verhindern, also sei es das beste, einem Teil der Bevölkerung erst einmal Gelegenheit zur Infektion zu geben, um so über die nächsten Monate einen ausreichenden Anteil an immunen Individuen herzustellen.

Wie ein Experte in der BBC Newsnight erklärte: „Am liebsten würde ich alle älteren und schwächeren Menschen in den Norden Schottlands schicken und die Jungen alle runter nach Kent. Dort können sie dann eine ordentliche Epidemie veranstalten, und wenn sie alle darüber hinweg sind, holen wir die Alten zurück.“

Die Welt vor meinem Haus

Radio FM4 | Robert Rotifer

Da das aber praktisch unmöglich ist, führt man dieses gewagte Laborexperiment also gleich an einer durchmischten Lebendbevölkerung durch. Und damit kommen wir an jenen Punkt dieses Blogs, an dem ich mich – so wie im echten Leben als Einwohner dieses Landes – gezwungen sehe, als blutiger Laie die örtliche Expert*innenmeinung in Zweifel zu ziehen.

Ich weiß schon, die meisten von euch würden jetzt den Graphen mit der steilen und der abgeflachten Infektionskurve hervorholen. Glaubt mir, den kennen die hier auch.

Bloß sind sie scheinbar überzeugt, dass die Methode „to flatten the sombrero“, wie Boris Johnson es formulierte, darin besteht, die Sache jetzt noch ein wenig laufen zu lassen, damit nicht nach einem potenziellen Lockdown alle auf einmal krank würden. Um das zu verhindern, so erzählen sie uns, brauche es genaues Timing.

Hier stelle ich ahnungsloser Blogger, der Gottseidank nicht für ein britisches Publikum schreibt, mich einmal aufs dünne Eis und murmle zweimal leise „Bullshit“.

1) Weil die angestrebte Herdenimmunität, von der man nach meinen Informationen mangels genauer Kenntnis des Virus noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt erreichbar ist, bei etwa 60% der Bevölkerung eintreten soll.

Das würde 41 Millionen Infizierte in Großbritannien bedeuten. Bei einer geschätzten Todesrate von 1 Prozent würden also rund 410.000 Menschen sterben, bis diese Immunität erreicht wäre. Das ist kaum weniger als die Summe der britischen Toten im Zweiten Weltkrieg.

Zur Einordnung der Herausforderung an das Gesundheitssystem: Im Jänner 2020 gab es in Spitälern in ganz England (Schottland hat ein separates NHS) 4.123 „Critical Care“-Betten, davon waren 3.423 besetzt.

2) Während zu Beginn der Pandemie noch alle Menschen mit für den Virus typischen Symptomen getestet wurden bzw. alle, die mit Infizierten in Kontakt kamen, gibt es im UK mittlerweile nur mehr Tests für Spitals-Patient*innen.

Selbst wenn die Expert*innen der Regierung also wie behauptet ab einer gewisser Menge an Infizierten schärfere Isolationsmaßnahmen verhängen wollten, können sie ohne Tests an Heimpatient*innen und deren Umgebung nicht einmal theoretisch ermessen, wann der Zeitpunkt dafür gekommen wäre.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass das diesen Winter wieder einmal am Rand des Zusammenbruchs wandelnde, dauerüberforderte und unterfinanzierte Gesundheitssystem schlicht nicht über die Kapazitäten zum Durchführen solcher Tests verfügt. Ja, laut einer Umfrage von vor zwei Wochen sagen über 99 Prozent der britische Ärzte, das NHS sei für einen Ausbruch des Corona-Virus nicht ausreichend gerüstet.

Nun wittern auf meinen diversen Timelines schon viele ein menschenverachtend zynisches Motiv hinter dem Vorgehen der britischen Regierung.

Schließlich ist Boris Johnsons berüchtigter Regierungsberater Dominic Cummings ein mutmaßlicher Sympathisant der hierzulande mangels Nazi-Geschichte nie vollständig desavouierten, wieder in Mode gekommenen Pseudowissenschaft namens Eugenik, die das Menschengeschlecht von „lebensunwertem“ Leben säubern will.

Und tatsächlich ist der Umgang des britischen Sozialstaats mit Armen, Alten und Schwachen seit Ausrufung des neuen Austeritäts-Zeitalters 2010 dermaßen brutal, dass man zu dem Schluss kommen könnte, der Staat habe eine sinkende Lebenserwartung insbesondere bei ärmeren Frauen tatsächlich bewusst in Kauf genommen. Wieso also sollte es bei dieser Pandemie anders sein, noch dazu, wo es den scheinbar allerhöchsten Preis, nämlich das Wohlergehen der Wirtschaft, zu bewahren gilt?

Schließlich wird das Stilllegen von Tourismus, Kultur- und Geschäftsleben – das scheint mir unausweichlich – irgendwann wohl zwangsläufig zu einer Art Interims-Sozialismus führen. Denn sobald einmal nach zwei, drei Monaten eine kritische Masse von Menschen pleite geht, wird der Staat sie am Ende wohl retten müssen, genauso wie vor 12 Jahren die Banken.

Wäre das für die rabiat-neoliberale Regierung Johnson tatsächlich so unvorstellbar, dass sie lieber die radikal sozialdarwinistische Route wählt und buchstäblich über Leichen geht, um die Normalität des britischen Kapitalismus zu retten?

Und falls ja, würden sich all diese Wissenschaftler*innen, sämtlich keine Depp*innen, sondern Respekt verdienende Kapazunder ihres Fachs wirklich für sowas hergeben? Oder kann es sein, dass sie allesamt einem akuten Fall von „Group Think“ aufgesessen sind, der zur Überzeugung führt, es besser zu wissen als alle Kolleg*innen, die die Regierungen da drüben auf dem Kontinent oder das benachbarte Irland beraten? Ein klassischer Fall des britischen Exzeptionalismus also, der beharrlich auf der linken Straßenseite dem Verkehr entgegen braust und alle anderen zu Geisterfahrern erklärt?

Oder begründet sich die Erklärung für die britische „Strategie“ am Ende ganz banal darauf, dass man gar keine Wahl hat, als einstweilen auf das Beste zu hoffen, bis der Frühling den ganz normalen winterlichen Überdruck auf die Spitäler erleichtert hat?

Ich wünsche den britischen Expert*innen und dem Land, in dem ich lebe, jedenfalls sehr herzlich, dass sie Recht behalten und meine Skepsis sich als reinster Schwachsinn erweist.

Zu dem Zeitpunkt, wo ich das hier schreibe, ist die Zahl der britischen Corona-Virus-Toten in den letzten 24 Stunden gerade von 11 auf 21 gestiegen.

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