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Lenkrad eines Oldtimers

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MARC CARNAL

Ich habe im Homeoffice die Autohupe revolutioniert

Es ist dringend an der Zeit, Hupen mit einem größeren Sound-Spektrum auszustatten, damit Autos besser miteinander kommunizieren können.

Eine Kolumne von Marc Carnal

Nach hunderten Corona-Sonder-ZIBs, tausenden Corona-Artikeln, zehntausenden Corona-Gesprächen und hunderttausenden Corona-Postings (Zahlen gerundet, Anm. d. Verf.) wird das Bedürfnis, Corona mal kurz Corona sein zu lassen und sich mit irgendwas anderem zu befassen, zusehends größer.

Was wäre naheliegender, als das Homeoffice dafür zu nutzen, endlich das Thema Autohupen zu erörtern. In den letzten Jahrzehnten wurden unzählige Funktionen und Bonus-Features von Autos erfunden, weiterentwickelt und perfektioniert. Rieb man sich vor dreißig Jahren noch seinen allerwertesten Arsch auf kaltem Leder wund, um schon beim lächerlichsten Unfall an der Frontscheibe zu zerschellen, verwöhnen heute ergonomisch optimierte, wohlig beheizte Massagesitze die von prallen Airbags geschützten Körper der Insassen. Ausgefeilte Entertainment-Systeme versüßen die von smarten Navis errechneten Routen, die dank Spurhalte-Assistent und Abstands-Tempomat auch mal einen Sekunden-Powernap zwischendurch verzeihen. Iris-Scan, Gesten-Steuerung, automatische Fensterheber - moderne Autos geizen nicht mit Hightech, Sicherheit und Komfort.

Nur ein Standard-Tool wird seit Anbeginn des Individualverkehrs null weiterentwickelt: Die verdammte Hupe. Die Hupe kann seit über einem Jahrhundert nur eins: Hupen. Das Problem dabei ist, dass der eine Hupton viel zu viele Bedeutungen hat!

Buchcover "Die sieben Säulen des Glücks"

Milena Verlag

Die Ausgangssperre eignet sich übrigens ganz hervorragend dazu, endlich mal meine hübsche Textsammlung „Die 7 Säulen des Glücks“ wegzubingen, die es im FM4-Shop gibt.

Wenn man z.B. mit 140 durch eine Spielstraße brettert und angehupt wird, ahnt man natürlich, was die anderen zum Ausdruck bringen wollen. Nämlich Kritik am eigenen Fahrverhalten. Oft fährt man aber brav im Rahmen der StVO durch die Landschaft und plötzlich hupt wer. Sofort fragt man sich, ob man selbst oder ein anderes Auto gemeint ist und was man denn falsch gemacht haben könnte. Verliert man Öl? Oder gleich die Stoßstange? Ist der Kofferraum offen? Das Licht kaputt? Hat man irgendein seltenes Verkehrsschild missinterpretiert? Oder wird man gerade zu einem Hazerl herausgefordert?
Man weiß es meistens nicht!

Hupen heißt etwa “Spinnst du?”, “Vorsicht!”, “Nicht so schnell!”; “Schneller!”, “Bissl aufpassen mein Freund”, “Du verfluchte Drecksau”, “Deutschland ist Europameister”, “Scheiß Radfahrer” sowie “Mein Cousin hat heute geheiratet”. Und das ist nur ein Sneak Peak auf den kompletten Bedeutungskatalog der Autohupe.

Warum entwickelt die Autoindustrie nicht endlich die Hupe des 21. Jahrhunderts? Sie müsste ein Spektrum von Dutzenden verschiedenen Signalen von sich geben. Die Bedeutung der unterschiedlichen Töne würde man in der Fahrschule halt dazulernen. Das Signal TARÖÖÖÖÖÖÖÖ würde zum Beispiel Fußgängern bedeuten, bitte asap mit einem Hechtsprung auf den Gehsteig auszuweichen. Mit TÜLÜTÜLÜ könnte man anderen signalisieren, dass man sie für gemeingefährliche Volltrotteln hält. BILUBÄÄÄÄ könnte “Überhol doch endlich den Traktor!” heißen und IIIWUIIIIWUIIII andere darauf hinweisen, dass ihr Kofferraum offen ist.

Halt, stopp!

Soeben hab ich leider bemerkt, dass mein Konzept einen ordentlichen Haken hat. Wenn es nämlich aus den Autohupen so mannigfaltig tröten würde, wäre die innerstädtische Soundkulisse ja unerträglich, die sich aus den ständigen TÜLÜTÜLÜs, TARÖÖÖÖÖÖÖÖs und BILUBÄÄÄÄs ergeben würde. Außerdem würden verschiedene Hup-Signale nicht das Problem lösen, dass auf dicht befahrenen Straßen bei einem schrillen IIIWUIIIIWUIIII noch immer sieben Verkehrsteilnehmer gleichzeit denken würden, ihr Kofferraum ist offen.

Aber ich hab was noch Besseres! Und bitte darum, die letzten zwei Absätze einfach zu vergessen. Jetzt, wo sie schonmal dastehen, werd ich sie auch nicht mehr weglöschen.

Mein neues Hup-Konzept geht so: Man müsste Autos erlauben, mittels Wlan, Bluetooth, Radiowellen oder whatever gezielt andere Autos zu kontaktieren. Ich stell mir das ca. so vor: Fahrerin A sitzt in einem schwarzen Volvo und findet, dass Fahrer B im roten Skoda vor ihr ein verantwortungsloser Drecksack ist, weil er mit dem Handy am Ohr und einem Affenzahn durch das Ortsgebiet braust. Würde sie ihn einfach anhupen, könnte es der Drecksack als Aufforderung zu einem Hazerl missinterpretieren. Doch dank der “Hupe Neu” (Arbeitstitel) ist es Fahrerin A möglich, Fahrer B direkt und konkret zu adressieren, indem sie ruckzuck auf dem Amaturen-Touchscreen den roten Skoda vor ihr antippt und die betreffende Geste in die Bordkamera macht. Schon ertönt beim Drecksack in Dolby Surround ein ohrenbetäubender Signalton. Dann sagt eine Computerstimme: “Die Fahrerin des schwarzen Volvo hinter Ihnen findet, Sie sind ein Drecksack. Wenn Sie zurückschimpfen wollen, sagen Sie laut und deutlich SELBER DRECKSACK.” Dazu kommt der rasende Irre aber gar nicht, denn schon wieder ertönt der Signalton und die Stimme teilt ihm mit: “Der Typ im silbernen Peugeot, der Ihnen soeben entgegenfährt, möchte Ihnen mitteilen, dass sein Cousin heute heiratet.”
Man stelle sich vor, wie viel grässliche Huperei in einer alltäglichen Situation wie der eben geschilderten mit den heutigen Mitteln nötig wäre! Doch mit meinem schlauen System wären Missverständnisse im Straßenverkehr und Anrainerbelästigung Vergangenheit!

Ich bin sehr zufrieden mit mir und finde, dass ich die Autohupe sehr gut revolutioniert habe. Noch zwei Wochen soziale Isolation, und ich werde das Rhönrad neu erfinden.
Bleibt auf der Spur! Und vor allem zu Hause!

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